Lage von Geflüchteten : Geflüchtete machen rasche Fortschritte bei Sprache und Arbeit

Sie lernen schneller als gedacht und einen Job hat inzwischen mehr als ein Drittel: Ein Forscherteam hat die Lage von Geflüchteten in Deutschland untersucht.

Mehr geschafft als angenommen. Geflüchtete auf einer Jobbörse in Berlin 2016
Mehr geschafft als angenommen. Geflüchtete auf einer Jobbörse in Berlin 2016Foto: Jens Jeske/imago

Die Integration von Flüchtlingen auf dem deutschen Arbeitsmarkt macht stärkere Fortschritte als dies für frühere Flüchtlingsgenerationen der Fall war - etwa infolge der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Einer Untersuchung nach, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB, das Sozioökonomische Panel beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gemeinsam durchführten, gingen Ende 2017 21 Prozent von ihnen einer Erwerbstätigkeit nach. Den Daten der Bundesagentur für Arbeit zufolge liegt die Quote inzwischen, Stand Oktober 2018, sogar bei 35 Prozent. Bisher rechneten Arbeitsmarktforscher stets mit der Faustregel, dass es fünf Jahre braucht, bis die Hälfte von ihnen Arbeit hat. Die Quote sei "ziemlich gut", man könne "mit der Entwicklung sehr zufrieden" sein, ergänzte der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Brücker, der beim IAB, der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, die Migrationsabteilung leitet.

Integrationskurse wirken

Etwa 80 Prozent der Jobs seien sozialversicherungspflichtig, ergänzte Brücker. Zu einem „erheblichen Teil“, also etwa 30 Prozent, handele es sich um Teilzeitarbeit, ungefähr 20 Prozent seien geringfügige Beschäftigungsverhältnisse. In der Zahl sind auch Auszubildende enthalten, sofern sie eine Ausbildungsvergütung bekommen und sozialversichert sind. Die Untersuchung des Teams aus IAB, DIW und Fachleuten der Forschungsabteilung des Bamf nahm alle 15- bis 64-jährigen Geflüchteten in den Blick, die zwischen 2013 und Anfang 2016 nach Deutschland kamen. Sie ist auf Dauer angelegt, zum ersten Mal studierte das Team die Lage 2016. Dabei stellte sich nun heraus, dass auch die Deutschkenntnisse der Neuankömmlinge rasch wachsen. Gaben während der ersten Untersuchung 2016 noch 18 Prozent an, gut oder sehr gut Deutsch zu können, sagten dies 2017 bereits 33 Prozent. Die Befragung fand auf deutsch statt, so dass die Interviewerinnen und Interviewer die Selbsteinschätzungen überprüfen konnten. Die Deutschkenntnisse hätten sich „sehr gut entwickelt“, sagte Nina Rother vom Bamf. Die Sprachkenntnisse stiegen der Untersuchung zufolge nicht nur mit der Dauer des Aufenthalts in Deutschland, sondern hingen offenbar neben Erwerbstätigkeit und Kontakten zu Deutschen stark von Sprach- und Integrationskursen ab. So konnten 61 Prozent derer, die einen Integrationskurs besucht hatten, gut oder sehr gut deutsch, und sogar 71 Prozent der Flüchtlinge, die im weiterführenden Sprachprogramm aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Bamf waren. Wer in keinem Kurs war, schaffte dies deutlich seltener: Hier konnten nur 16 Prozent ordentlich oder sehr gut deutsch. Allerdings hat der überwiegende Teil aller Geflüchteten, 75 Prozent, irgendeine Fördermaßnahme genutzt, seien es Sprach-, Integrationskurse oder besondere Berufsförderprogramme. Nur ein Drittel (34 Prozent) derer, die eine Berufs- oder Hochschulbildung hatten, stellte einen Antrag, ihn anerkennen zu lassen. Wer es aber tat, hatte meist Erfolg: In mehr als 80 Prozent der Fälle wurden Qualifikationen ganz oder teilweise anerkannt.

Frauen abgehängt - Kinder hindern am Deutschlernen

Die Fachleute entdeckten freilich eine erhebliche Geschlechterlücke. Geflüchtete Frauen - sie machen ein gutes Viertel (27 Prozent) der erwachsenen Geflüchteten aus - haben seltener Arbeit (Herbst 2017: 27 Prozent der Männer, aber nur sechs Prozent der Frauen) und ihre Deutschkenntnisse sind deutlich schlechter. Der wesentliche Grund dafür ist offensichtlich, dass sie sehr oft kleine Kinder haben. So sprechen, schreiben und verstehen 44 Prozent der Männer gut oder sehr gut deutsch, aber nur 26 Prozent der Frauen, - zwei Drittel aller geflüchteten Frauen haben Kinder, mit denen sie zusammenleben, die Hälfte der Mütter hat kleine Kinder. Zum Vergleich: Unter Kinderlosen ist der „Gender Gap“ deutlich geringer, 41 zu 48 Prozent. Es habe sich gezeigt, so die Studie, dass „Kinder im Haushalt - vor allem Kleinkinder - für Frauen, nicht aber für Männer eine Hürde zum Erwerb deutscher Sprachkenntnisse“ sind. Dabei profitierten Frauen, die es in einen Kurs schaffen, sprachlich stärker als Männer.

Gleichzeitig tragen Frauen auch höhere Gesundheitsrisiken. Während die psychische Gesundheit Geflüchteter insgesamt schlechter ist als die des deutschen Bevölkerungsschnitts - die körperliche ist es kaum -, geht es vor allem Frauen über 35 deutlich schlechter, je älter sie sind. Teils wichen die Werte um 50 Prozent von der nicht geflüchteter Frauen ab. Besonders Anzeichen von Depression würden, anders als im Bevölkerungsschnitt, mit zunehmendem Alter stärker.

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