Lebensmittel retten : Noch zu gut für die Tonne

Der Berliner Reste-Supermarkt SirPlus vertreibt Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Johanna Palla
Wiederverwertbar. Geschäftsführer Raphael Fellmer in seinem Laden in Charlottenburg.
Wiederverwertbar. Geschäftsführer Raphael Fellmer in seinem Laden in Charlottenburg.Cloe Desnoyers/SirPlus

Raphael Fellmer gehört zu den Menschen, die Fremde zur Begrüßung umarmen. An diesem Vormittag ist er praktisch am Dauer-Knuddeln. Denn hier ist viel los: ständig wird er von Kunden und Mitarbeitern angesprochen – alle haben Vorschläge, Anregungen und Fragen. Fellmer ist Gründer und Geschäftsführer des Reste-Supermarktes SirPlus. „SirPlus ist abgeleitet von dem Englischen Surplus – was so viel wie Überschuss bedeutet“, erklärt er. Fellmer war es Leid zu sehen, wie viel Essen Supermärkte und Bäcker jeden Tag wegwerfen.

Konzept gegen die Verschwendung von Lebensmitteln

In Zahlen sind das 20 Millionen Tonnen pro Tag, oder eine LKW-Ladung an Lebensmitteln pro Minute, die Deutsche wegwerfen. Dem stellt sich nun SirPlus in der Wilmersdorferstraße in Charlottenburg entgegen. Das Konzept: Supermärkte wie Metro geben Lebensmittel an die Hilfsorganisation Berliner Tafel ab. Alles, was die Tafel nicht mitnimmt, kauft SirPlus zu einem kleinen Entgelt den Märkten ab. Das können Produkte sein, die beispielsweise ihr Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) erreicht oder überschritten haben und sonst in den Müll gewandert wären. „Dabei sind die Lebensmittel noch in einem einwandfreien Zustand und können ohne Sorge gegessen werden“, erklärt Fellmer. Besonders abgepackte Lebensmittel in Dosen oder Tüten seien teilweise noch ein, zwei Jahre nach dem Überschreiten des MHD gut. Aber nicht nur die vertreibt Raphael Fellmer in seinem Laden. Auch frisches Obst und Gemüse, das es auf Grund mangelndem guten Aussehen nicht in die Supermarktregale geschafft haben, bekommen in dem Restemarkt eine zweite Chance.

Den eigenen Sinnen vertrauen

Überreife Mangos, knollige Kartoffeln und Karotten mit zwei Füßen findet man hier im Sortiment. „Wir wollen einfach Bewusstsein schaffen. Ich habe noch nie erlebt, dass etwas am Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr genießbar war“, erklärt Fellmer. „Menschen müssen wieder anfangen auf ihre eigenen Sinne – schmecken, riechen, fühlen – zu vertrauen.“. Ob die Lebensmittel trotz abgelaufenem Haltbarkeitsdatum noch gut sind, prüfen die Mitarbeiter selbst. Auch das Fleisch, das seit neuestem mit im Sortiment ist, wird strengen Kontrollen unterzogen. „Es kam noch nie vor, dass Kunden wegen der Lebensmittel Probleme hatten“, sagt der Geschäftsführer.

Interesse an dem Reste-Supermarkt ist groß

In dem Laden in Charlottenburg bezahlt SirPlus momentan lediglich die Betriebskosten, aber keine Miete. Geschäftsführer Fellmer möchte unbedingt eine zweite Filiale in Berlin und vielleicht auch ein paar außerhalb der Stadtgrenze eröffnen. Außerdem will er den Online-Shop ausbauen. Momentan läuft das Geschäft nämlich gut – das Interesse an dem Supermarkt, der den angeblichen Müll wieder zu verkaufbaren Produkten macht, ist groß.

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Nach eigenen Angaben beschäftigt SirPlus 27 Mitarbeiter und zählt pro Tag über 600 Kunden. Während Fellmer von dem großen Andrang in seinem Laden erzählt, unterbrechen ihn viele Kunden und Passanten. Alle wollen aushelfen, an der Kasse arbeiten oder als Lieferanten den Restemarkt unterstützen. Die Szenerie wirkt gestellt – fast wie einstudiert. So viel soziales Engagement erlebt man in Berlin doch eher selten.

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