Machtkampf im Berliner Mittelstand : Investor will Chef von Francotyp-Postalia abschießen

Der neue Vorstandsvorsitzende ist schon berufen, doch der alte wehrt sich gegen die Ablösung. IG Metall ist in Sorge um Berliner Traditionsunternehmen.

Großinvestor Rolf Elgeti tanzt auf vielen Hochzeiten. Ihm ist das Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden abhanden gekommen.
Großinvestor Rolf Elgeti tanzt auf vielen Hochzeiten. Ihm ist das Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden abhanden gekommen.Foto: picture alliance / dpa

Birgit Dietze klingt wie eine Investmentbankerin: „Für das abgelaufene Geschäftsjahr werden ein gesteigertes Ebitda und ein positiver Cashflow erwartet“, schreibt die Berliner IG-Metall-Chefin über Francotyp-Postalia (FP) und versteht deswegen den Machtkampf zwischen Vorstand und Großaktionär nicht. „Wird das Unternehmen vielleicht zerschlagen, filetiert? Besteht das Ziel jetzt in kurzfristiger Gewinnerzielungsabsicht über Unternehmens(teil)verkäufe?“ Adressat ist Rolf Elgeti, der rund ein Fünftel der FP-Anteile hält und den Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Andreas Günther loswerden will. Dessen Vertrag ist aber im Juni vom Aufsichtsratschef Klaus Röhrig bis 2023 verlängert worden.

Günther will nicht gehen

Röhrig vertritt die Beteiligungsgesellschaft Active Ownership Group (AOC), die knapp ein Zehntel der FP-Aktien besitzt. Ende vergangener Woche hat der Aufsichtsrat unter Röhrig den früheren Fujitsu-Manager Carsten Lind in den FP-Vorstand berufen. Lind soll Vorstandschef werden, sobald Günther weg ist. Der will aber nicht gehen und hat am Mittwoch in einer Belegschaftsversammlung seine Strategie verteidigt. Belegschaft, Betriebsrat und IG Metall stehen an der Seite von Günther gegen die aktivistischen Investoren, über deren Intentionen nun Mutmaßungen angestellt werden. „Es gibt keinen wesentlichen strategischen Dissens mit der Gesellschaft“, sagte Elgeti auf Anfrage dem Tagesspiegel. „Wir haben kein Vertrauen in den Günther.“

Gut 1000 Mitarbeiter

„Der Günther“, Jahrgang 1958, hat als Investmentbanker in den USA gearbeitet. Er war in Managementfunktionen für Metro tätig, Infineon und Jenoptik sowie den Landmaschinenhersteller Claas. Seit vier Jahren ist Günther Vorstandschef der Francotyp-Postalia AG. Das Berliner Unternehmen ist 97 Jahre alt, hierzulande Marktführer bei Postbearbeitungsmaschinen (Frankieren und Kuvertieren) und versteht sich in der digitalen Welt als „Experte für sichere Kommunikation“. Mit gut 1000 Mitarbeitern, davon knapp 300 in der Zentrale an der Prenzlauer Promenade, erwirtschaftet FP einen Umsatz von gut 200 Millionen Euro. Der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, auf den auch die IG-Metallerin Dietze hinwies, lag zuletzt bei 30 Millionen Euro.

Vom Stamme der Obriten

Das ist nicht schlecht, aber Elgeti offenbar nicht genug. Er fordert eine außerordentliche Hauptversammlung, auf der er dann „substantiiert vortragen will“, was ihm an Günther missfällt. „Wenn man die Zahlen genau ansieht“, sagte Elgeti dem Tagesspiegel, könne von einer guten Performance des Unternehmens keine Rede sein. Die Aktie notierte am Mittwoch mit 4,14 Euro leicht im Plus, bleibt aber schon lange unter ihrem Potenzial, was auch Günther einräumt. In den vergangenen fünf Jahren bewegte sich der Kurs zwischen 2,70 und 6,15 Euro. Elgeti hat den günstigen Preis zum Einstieg genutzt und den FP-Anteil seiner Beteiligungsgesellschaft Obotritia Capital auf gut 20,7 Prozent erhöht. Der Name kommt von den Obriten, ein elbslawischer Stamm aus Mecklenburg, der Heimat Elgetis.

52 Beteiligungen an Start-ups

Der 43-Jährige „gebietet über ein in Deutschland wohl einzigartiges Firmengeflecht aus Immobiliengesellschaften, einem Immobilienfinanzierer, dem Fußballverein Hansa-Rostock und 52 Start-up- Beteiligungen“, schreibt das „Manager Magazin“ über den Bauernsohn Elgeti, der als „einer der besten Finanzanalysten Londons“ galt, als Vorstandsvorsitzender die Immobiliengesellschaft TAG in den M-Dax steuerte und mit dem Start-up „Staramba“ viel Geld verbrannte: „Der Börsenwert schrumpfte von mehr als 150 Millionen Euro auf inzwischen fünf Millionen“, schreibt das „Manager Magazin“ über „Staramba“, das nun „Nexr Technologies“ heißt.

Der Aufsichtsrat taucht ab

Auf der Homepage der Obotritia, die in Potsdam ansässig ist, wird man mit der Textzeile „Klein unser Häuflein, wild unser Blut“ begrüßt, die aus einem Fallschirmjägerlied aus den 1930er Jahren stammt. „Ein legales Lied“, wie Elgeti betont; die Zeile stehe für „ein kleines Team, das sehr hart arbeitet“. Und sich bei Francotyp-Postalia um die Absetzung der Führung bemüht. Warum sich der Aufsichtsratsvorsitzende Röhrig daran beteiligt, obwohl er erst vor acht Monaten den Vertrag Günthers verlängerte, ist unklar. „Herr Röhrig äußert sich derzeit nicht zu Francotyp-Postalia“, heißt es auf Anfrage.

"Wir sind besser als die Wettbewerber"

Röhrig hat Günther Geld angeboten, damit der den Platz räumt für Carsten Lind, der wiederum am Montag in der FP-Zentrale auftauchte und sich mit Günter traf. Der denkt indes gar nicht daran, den Schreibtisch zu räumen, weil er die Firma unter seiner Führung gut unterwegs sieht. Seit dreieinhalb Jahre schneide FP besser ab als die zwei großen Wettbewerber, einer aus den USA, der andere aus Frankreich, argumentiert Günther. Und da die Mannschaft hinter ihm stehe, werde er auch seinen noch drei Jahre laufenden Vertrag erfüllen, sagte der Vorstandschef am Mittwoch auf der Belegschaftsversammlung.

Was ist die Strategie von Elgeti?

Das ist im Sinne der Arbeitnehmervertreter. „Das ,alte‘ Frankiermaschinengeschäft ist (...) bestmöglich in den schwindenden Marktsegmenten platziert und auf dem Weg, weiter Marktanteile auszubauen“, schreibt die Berliner IG-Metall- Chefin Dietze an Elgeti und bittet ihn, bis zum 26. Februar seine „Zukunftsstrategie“ für FP darzulegen.

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