Mitarbeiter im Homeoffice : Kein zufälliges Flüstern auf dem Flur, kein Tratsch beim Essen

In der Corona-Zeit entfallen zufällige Treffen und Plaudereien. Warum ist das ein Problem? Und wieso tratschen Menschen überhaupt so gerne?

Auch in dem Film "Der Pate" wird geflüstert.
Auch in dem Film "Der Pate" wird geflüstert.Foto: imago images/Mary Evans

Hast du schon gehört? Ach was, ausgerechnet er bekommt den Posten? Der ist doch so faul! Hat das unser Chef wirklich gesagt? Das glaub ich jetzt nicht! Wohl überall gehören Klatsch und Tratsch zum Arbeitsalltag dazu. Doch jetzt, in der Corona-Zeit, arbeiten sehr viele Menschen zu Hause. Da fällt das zufällige Zusammenkommen und kurze Flüstern aus.

„Es sind finstere Zeiten für den klassischen Flurfunk“, sagt die Medienwissenschaftlerin Brigitte Weingart von der Berliner Universität der Künste, die sich in ihrer Forschung mit Klatsch und Gerüchten beschäftigt. Aber wieso tratschen wir überhaupt so gerne? Permanent drehen sich Gespräche um Menschen, die gerade nicht anwesend sind. „Wir brauchen den Austausch auch, um unsere eigenen Gedanken und Einschätzungen mit denen anderer abzugleichen“, erklärt Tim Hagemann, Arbeitspsychologe von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld. „Habe ich das in der Konferenz gerade zum Beispiel nur komisch gefunden oder auch jemand anders?“

Klatsch und Tratsch haben einen schlechten Ruf. Dabei ist sich Brigitte Weingart sicher: sie nützen dem sozialen Zusammenhalt. Nur Gespräche über berufliche Inhalte schafften keine Nähe zwischen zwei Menschen. Denken wir ähnlich? Was vertritt der oder die für Werte? Kann ich ihr vertrauen? Sogar eine Gruppe, die eigentlich viele Konflikte miteinander hat, kann sich für einen Moment beim Tratschen verbunden fühlen. Sie eint plötzlich etwas.

Lästereien – eine Art Gegenmacht zum Chef

Megan Robbins und Alexander Karan von der University of California in Riverside fanden vor einem Jahr in einer Studie heraus: Zwar tratscht fast jeder, aber die Inhalte seien meistens harmlos. Für ihre Arbeit werteten die Psychologen Daten von knapp 500 Frauen und Männern aus, die tagelang ein Aufnahmegerät mit sich trugen. Etwa 14 Prozent der Zeit wurde über nicht anwesende Personen geredet. Bei einem 16-Stunden-Tag entspricht das 52 Minuten. Junge Erwachsene lästerten ein bisschen mehr als Ältere, Frauen etwas stärker als Männer.

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Speziell in Firmen spielen Hierarchien beim Tratsch und Flurfunk eine große Rolle. In Meetings, meint Weingart, ist oft klar, wer das Sagen hat und Entscheidungen trifft. Allein mit dem Kollegen, könne man dann endlich mal aussprechen, was man wirklich denke. Dann sei die Zeit, „um Dampf abzulassen und Dinge loszuwerden, die offiziell nicht sagbar sind“, sagt Weingart. Lästereien – eine Art Gegenmacht zum Chef.

Wie ausgeprägt der Flurfunk ist, sagt noch mehr über den Betrieb aus. Wenn Dinge im Unternehmen unklar sind, wird schnell gemurmelt. Wo ein Informationsvakuum herrscht, neigen Menschen dazu, dieses mit Vermutungen zu füllen. Tratschen kann deswegen auch ein Zeichen für mangelnde Kommunikation sein.

Natürlich müsse bei alledem zwischen dem informellen Austausch über Alltagsdinge wie dem Wetter und Klatsch unterschieden werden. „Zum Klatsch gehören immer mindestens drei: Zwei, die tratschen, und eine dritte Person, über die geredet wird“, erklärt Weingart. Was zu Problemen führen kann. Etwa dann, wenn man jemandem übel nachredet oder ihn mobbt, wenn Getuschel exzessiv betrieben wird. Sogar über sehr intime Themen. „Trennen sich zwei Mitarbeiter, ist das Gerede darüber für sie selbst eine Zumutung“, sagt die Wissenschaftlerin. Für die, die reden, dient es zwar vielleicht der Verarbeitung eigener Trennungen und Verletzungen. Aber denjenigen, über die geredet wird, kann es ziemlich zusetzen.“

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Außerdem werde Tratschen heikel, wenn Misstrauen entsteht oder Politik gemacht wird, beispielsweise wenn jemand den Konkurrenten um einen Job schlecht redet. Unwahrheiten, die andere Kollegen oder Kunden herabwürdigen oder in ihrer Ehre verletzen, sind nach Paragraph 626 Bürgerliches Gesetzbuch Grund für eine fristlose Kündigung.

Nun besteht die Sorge, dass jemand mitliest

Wie verändert nun das Arbeiten im Homeoffice den Austausch von Informationen und Gerüchten? Auf digitalen Wegen werde bestimmt nicht so gequatscht wie sonst, sagt Tim Hagemann. Immerhin bestehe die Sorge, dass jemand mitliest. Nachrichten können außerdem weitergeleitet werden. Besser geeignet sei das Telefon. Er ermuntert dazu, Kolleginnen und Kollegen bewusst anzurufen, beim Mittagsspaziergang mal ungezwungen zu plaudern. „Oder das Team legt sich einen festen Termin, um nur darüber zu sprechen, wie es jedem gerade geht.“ Es gehöre aber auch zur Aufgabe einer Führungskraft, sich darüber Gedanken zu machen und nicht jeden mit sich allein zu lassen. Wer wisse schon, wie lange die Pandemie andauere? „Wenn das noch zwei Jahre so weitergehe, sind vermehrte Bemühungen nötig“, sagt Hagemann.

Michael Kastner vom Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke geht davon aus, dass das andauernde Zu-Hause-Arbeiten langfristige Folgen hat. „Psychische Beeinträchtigungen werden nach Corona nach oben gehen“, glaubt er. Laut Kastner gibt es „Gesundmacher“ für den Menschen wie Sinn, Wertschätzung, Handlungsspielraum, Kontrolle, Bindung, Vertrauen. „Im Homeoffice kann man hinter viele dieser Punkte gerade keinen Haken machen.“ Tratsch sei aus seiner Sicht wichtig, weil für uns Menschen andere Menschen immer am interessantesten seien - und "wir aus Erfahrungen und Schicksalen von anderen auch persönlich etwas ziehen können“.

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