Moderne Arbeitswelt : Warum die Digitalisierung die Psyche belastet

Trotz all ihrer Vorteile kann die Technik den Menschen bei der Arbeit unkonzentriert machen, unglücklich und krank.

Eine Frau arbeitet von zu Hause aus.
Eine Frau arbeitet von zu Hause aus.Foto: picture alliance / Daniel Naupol

Dass der Chef an manchen Abenden gern noch spät eine E-Mail schreibt, löst noch nicht unbedingt eine psychische Krise aus, macht den Menschen allein deswegen nicht krank. Es ist mehr als das, was mittlerweile rund jeden fünften deutschen Arbeitnehmer sagen lässt: Die Digitalisierung belastet mich. Durch sie fühle ich mich erschöpft.

Als der aktuelle Gesundheitsreport des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, nannten die anwesenden Experten eine Vielzahl von Gründen dafür. Der Arbeitspsychologe Jan Dettmers ging zunächst doch noch einmal auf die Erwartungshaltung ein, dass Beschäftigte auch in ihrer Freizeit erreichbar sein sollen. Wobei dies ebenso Führungskräfte betreffe, die gerade mit ihrer Familie im Urlaub seien, aber ganz schnell eine Frage beantworten oder eine Entscheidung treffen müssten.

Dass die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben für einige Beschäftigte durchlässiger wird, führe oft zu Mehrarbeit und zu dem Eindruck, die Arbeit sei nie getan. „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass man so nicht richtig abschalten kann, was wiederum essenziell für die Erholung ist“, sagte Dettmers. Darüber hinaus könne es zu Rollenkonflikten kommen: Ist Mama zu Hause nicht ganz Mama, sondern beim Abendessen noch immer mit der Arbeit beschäftigt, könnten der Partner wie auch die Kinder enttäuscht sein.

Immer schneller, immer mehr parallel

Von den 3000 Beschäftigten, die an der repräsentativen Umfrage der BKK teilnahmen, meinten zwar 40 Prozent, dass sie ihre Aufgaben mit Hilfe digitaler Technologien schneller erledigen und leichter an mehreren Aufträgen gleichzeitig arbeiten könnten. Doch mehr Beschleunigung und mehr Multitasking sind gleichzeitig Faktoren, die Arbeitnehmer Kraft kosten. Dazu kommen laut Dettmers die viel zu vielen Informationen, unter anderem in Form von E-Mails, die den Einzelnen auch noch permanent davon ablenken, eine Aufgabe an einem Stück zu erledigen. „Man muss sich heute richtig dazu zwingen, sich zu konzentrieren“, meinte er.

Der Gesundheitssoziologe Holger Pfaff sprach zudem den „Optionsstress“ der Beschäftigten an. Wegen der vielen Unterbrechungen während ihres Arbeitstages müssten sie sich immer wieder überlegen, was sie denn nun als erstes tun. In einem Beitrag schreibt er, dass Wissenschaftler schon befürchten würden, dass „durch die Digitalisierung die Fähigkeit des Menschen, sich zu fokussieren und dadurch kreativ Probleme zu lösen, verloren geht“. Der Neurologe Manfred Spitzer wird in seinem weltweit beachteten Buch „Digitale Demenz“ noch drastischer und schreibt darin, dass die digitalen Medien dem Menschen seine geistige Arbeit abnähmen und dem Gedächtnis stark schaden würden. Seitdem man im Internet alles sofort nachlesen könne, sei das Behalten oder gar Auswendiglernen von Informationen unwichtig bis überflüssig geworden.

Generell findet laut Pfaff gerade „eine Verschiebung von physischen zu überwiegend psychischen Anforderungen“ statt. Aus Sicht mancher Experten sei dies auch die Erklärung für die steigende Zahl von Fehltagen auf Grund von Erschöpfung, Ängsten und Depressionen. Während vor zehn Jahren zehn Prozent aller Krankschreibungen als Ursache ein psychisches Leiden hatten, waren es im vergangenen Jahr 16 Prozent. Tendenz: weiter steigend. BKK-Chef Franz Knieps nannte als eine Ursache dafür ebenfalls die Digitalisierung. Hinzu kommt aber auch, dass es mittlerweile gesellschaftlich akzeptierter ist, über psychische Probleme zu sprechen – auch mit dem Vorgesetzten.

Die Folge: Der Boom von Yoga und Meditationen

Eine sichtbare Folge von alldem ist, dass Yoga, Meditation, und ein achtsamer Lebensstil zu gesellschaftlichen Supertrends geworden sind. Immerhin lautet die Botschaft: Hier kannst du entspannen, hier kommt dein Geist endlich zur Ruhe. Neben diesen Angeboten und unzähligen Gesundheits-Apps verlangt BKK-Vorstand Knieps aber auch mehr Angebote für eine bessere digitale Kompetenz von Betrieben wie von Arbeitnehmern. Letztlich seien sie auch selbst für sich verantwortlich. Deswegen sein Vorschlag: Die Menschen sollten am besten schon im Kindergarten lernen, gescheit mit dem Smartphone umzugehen. „Wir brauchen einen digitalen Führerschein“, sagte er.

Bei all den Kritikpunkten nannten die Experten am Dienstag auch Vorteile der Digitalisierung. So sprach Dettmers die Möglichkeiten an, mal zu anderen Zeiten oder von zu Hause aus zu arbeiten. Würde der Chef von seinem Mitarbeiter nicht nur Flexibilität verlangen, sondern ihm auch Zugeständnisse machen, „wenn er mal früher gehen muss, um das Kind abzuholen“, sei derjenige schon ein bisschen zufriedener. Außerdem befreie die Technik den Menschen ja auch vom Papierkram – der auch gut nerven könne.

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