"Möglicherweise nicht unterstützt" : Das bedeuten die irritierenden Meldungen in der Corona-Warn-App

Das Programm liefert regelmäßig Hinweise, doch die sind nicht immer verständlich. Auch mit anderen Problemen haben Nutzer und Entwickler noch zu kämpfen.

Daniel Böldt
Die Corona-Warn-App ist bereits auf Millionen deutschen Smartphones installiert.
Die Corona-Warn-App ist bereits auf Millionen deutschen Smartphones installiert.Foto: dpa

Mehr als zwei Wochen ist die Corona-Warn-App inzwischen verfügbar, 14,4 Millionen Menschen haben sie inzwischen heruntergeladen. Auch Warnungen über Kontakte mit Infizierten gibt es über die App inzwischen regelmäßig. Die genauen Zahlen dazu sind nicht bekannt, auch wie viele Infektionen App-Nutzer bisher genau gemeldet haben ist unklar.

Es lägen noch keine konsolidierten Auswertungen vor, erklärt das Robert Koch-Institut (RKI). Es sei jedoch geplant, weitere Informationen regelmäßig über die Themenseite des RKI zu veröffentlichen. Solange muss man sich auf Auswertungen wie die von Michael Böhme stützen: Der Spezialist für rechnergestützte Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat einen Tracker programmiert, um die anonymisierten Diagnoseschlüssel auszuwerten.

Die Schlüssel der als infiziert gemeldeten Nutzer werden einmal pro Tag von allen anderen Apps von einem Server abgerufen, dann wird auf dem Smartphone selbst geprüft, ob dort eine Begegnung mit einem der gemeldeten Codes gespeichert wurde. Diese Daten sind auf dem Server einsehbar, sodass Böhme seine täglichen Auswertungen durchführen kann.

Demnach werden seit dem 23. Juni Infektionsmeldungen versendet, pro Tag sind es bislang zwischen zehn und 24. Insgesamt wurden nach der Auswertung 144 Infektionsmeldungen in das System eingespeist. Im Verhältnis zu den insgesamt an das RKI gemeldeten Neuinfektionen heißt das, dass vier bis fünf Prozent der täglichen Covid-19-Fälle auch an die Nutzer der Corona-Warn-App weitergegeben werden. Die Werte sind allerdings Schätzungen. So liegt die Zahl der verteilten Schlüssel viel höher, da auch fingierte Schlüssel ausgespielt werden, um die Anonymität weiter zu erhöhen.

Niedriges Infektionsrisiko trotz Risikobegegnungen? 

Wie viele Warnmeldungen dann aus den gesendeten Diagnoseschlüsseln generiert werden lässt sich nicht sagen, da diese dezentral auf den Smartphones selbst erzeugt werden. „Da die Prüfung lokal auf den Smartphones der Nutzerinnen und Nutzer erfolgt, ist es nicht möglich zu sagen, wie viele Personen eine Risiko-Benachrichtigung erhalten haben“, erklärt das RKI.

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Neben Nutzern, die solche Hinweise auf ein „erhöhtes Risiko“ durch „Risiko-Begegnungen“ erhalten haben, wobei der Hintergrund des entsprechenden Feldes von grün auf rot gefärbt wurde, gibt es auch Meldungen zu Kontakten, die manche irritieren. So wird einigen Nutzern auf grünem Hintergrund angezeigt, dass sie zwar „Risiko-Begegnungen“ hatten, aber dennoch nur ein niedriges Infektionsrisiko fürchten müssten. Warum das trotz der Risiko-Begegnung so ist, lässt die App zunächst offen.

Professorin will Schlussfolgerungen der App besser verstehen

Eine Nutzerin aus dem süddeutschen Raum, die eine solche Meldung erhalten hatte, zeigte sich im Gespräch mit Tagesspiegel Background irritiert über den Informationswert dieser Meldung. Die App könne schließlich nur Distanz und Zeitpunkt einer solchen Begegnung erfassen, nicht aber die Intensität – etwa, ob man in einem geschlossenen Raum trotz eines gewissen Abstands Aerosolen ausgesetzt war. Das Wissen um eine nicht-gefährliche Risikobegegnung sorge für Ungewissheit und werfe mehr Fragen auf als nötig sei.

Grafik: Die Corona Tracing App
Grafik: Tagesspiegel/ Rita Böttcher

Auch Jeanette Hofmann, Professorin für Internetpolitik an der FU Berlin, hat eine entsprechende Meldung erhalten. „Ich hadere mit der Information über den Risikokontakt“, sagt Hofmann, „sie verunsichert doch erheblich, ohne in irgendeiner Weise handlungsrelevant zu sein.“ Einen Test will sie nicht machen, da dieser ja nicht empfohlen wurde. Die Leiterin der Forschungsgruppe Politik der Digitalisierung am WZB will nun aber das Risikomodell der Corona-Warn-App eingehender studieren, um besser nachvollziehen zu können, ob sie die Schlussfolgerungen der App teile oder nicht.

Bugs und Probleme mit dem Tage-Zähler

Eine Erklärung zu der Meldung findet sich auf der Website zur App: Begegnungen zu Infizierten, die insgesamt weniger als zehn Minuten gedauert haben oder bei denen die Smartphones im Durchschnitt mehr als circa acht Meter voneinander entfernt waren, werden als unbedenklich verworfen. Das RKI verweist darauf, dass Nutzer entsprechende Erläuterung auch in der App selbst finden, wenn Sie die Anzeige antippen.

Doch das ist nicht die einzige Meldung, die Fragen aufwirft. So wunderten sich Nutzer über die Art und Weise, wie die App die „aktiven Tage“ zählt. Es gab Berichte darüber, dass der in der App integrierte Zähler nach 14 Tagen auf einen scheinbar willkürlichen Wert zurückspringe. Bei anderen wurde „15 von 14 Tagen aktiv“ angezeigt. Apple-Nutzer sollen die App mit der neuesten Version 1.0.3. aktualisieren. „Danach ist es möglich, dass der Tagezähler wieder von vorn beginnt. Zurückliegende Kontakte sind aber weiterhin auf dem Gerät gespeichert und nicht verloren“, sagt ein SAP-Sprecher. Auch generell werde an der Zähleranzeige gearbeitet. Denn auch wenn alles normal läuft, wird auch nach mehr als zwei Wochen Nutzungszeit weiter „14 von 14 Tagen aktiv“ angezeigt. „Das ist unglücklich und irritierend“, räumt ein SAP-Sprecher ein.

Apple-Nutzer bekamen Warnmeldungen

Auch eine Reihe weiterer Fehler sorgt für Fragen. So fanden Apple-Nutzer außerdem Warnmeldungen auf ihrem Bildschirm, wonach die App in der jeweiligen Region „möglicherweise nicht unterstützt“ werde. Andere hatten angeblich zu wenig Speicher, obwohl genug frei ist. Bei vielen Bugs handelt es sich aber offenbar um ein Problem mit der von Apple und Google bereitgestellten Schnittstelle. Dazu gibt es Gespräche, doch manche können nur durch ein iOS-Update behoben werden.

Wie das Risiko für eine Infektion ermittelt wird, ist nicht jedem Nutzer klar.
Wie das Risiko für eine Infektion ermittelt wird, ist nicht jedem Nutzer klar.Foto: dpa

Trotzdem wünscht sich Henning Tillmann eine transparentere und proaktivere Kommunikation. „Man kann es den Leuten einfacher machen und muss sie in der App auch besser informieren“, sagt der Informatiker und Co-Vorsitzende der Digitalinitiative D64. „Der Startkredit darf jetzt nicht verspielt werden, man darf die Leute mit den Problemen nicht allein lassen.“ Auch an den Informationsbereichen werde gearbeitet, heißt es bei SAP. So wurde gerade die Website mit den häufigsten Fragen aktualisiert, es wird auch diskutiert, wie das in der App selbst besser verknüpft werden kann.

Digitalpolitiker sieht "noch einige Kinderkrankheiten"

Manuel Höferlin, digitalpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag und Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda sieht bei der App „noch einige Kinderkrankheiten“. So sei ihm „völlig unverständlich, wieso es immer noch keine Lösung für die älteren Smartphones gibt“. Auf einigen Geräten (etwa dem iPhone 6) laufe die Anwendung nicht, obwohl die entsprechende Technik verbaut ist. Mit einem Feature-Update des Betriebssystems könnte die App auf vielen dieser Geräte nutzbar gemacht werden.

Darüber hinaus, so Höferlin, müsse Apple dringend die Altersbeschränkung herabsetzen, gerade im Hinblick auf den wieder anlaufenden Schulbetrieb: „Da die App erst ab 17 Jahren freigegeben ist, wird quasi eine ganze Generation ausgeschlossen“. Er sehe keinen Grund, wieso die Altersgrenze der Corona-Warn-App bei 17 Jahren liege und die für Instagram beispielsweise bei 13.   

QR-Code-Funktion läuft nun

Fortschritte gibt es derweil bei einer zentralen Funktion der App, die zum Beginn noch gar nicht einsatzfähig war. Um ein positives Testergebnis in der App zu hinterlegen gibt es zwei Wege: Entweder ein Patient bekommt nach seinem positiven Test eine TAN per Hotline übermittelt, mit der er seinen Befund in der App eintragen kann. Oder, und das wäre der schnellere Weg, der Patient hinterlegt bereits seinen Testauftrag mittels eines QR-Codes in der App. Ist das Testergebnis positiv, würde die Information ohne Verzögerung vom Labor an die App übertragen – und könnte somit auch schneller potentielle Kontakte warnen.

Doch eben jener QR-Code stand den Getesteten zum Start der App noch gar nicht zur Verfügung. Grund dafür: Das entsprechende Formular für labor-medizinische Leistungen musste erst noch angepasst werden. Verantwortlich hierfür ist die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die das Formular am 24. Juni schließlich freigab.

Anbindung der Labore rückt in den Fokus

Seitdem funktioniert also im Grunde auch die QR-Code-Funktion der App – mit einer weiteren Einschränkung. Um Testergebnis tatsächlich an die App zu übermitteln müssen die medizinischen Labore auch an die Infrastruktur der App angebunden sein. Zum Start der App sei dies nur für 20 Prozent der Testkapazitäten der Labore der Fall gewesen, teilte das RKI mit. Eine Zahl ohne große Bedeutung zunächst, da ja auch der QR-Code noch auf sich warten ließ.

Doch seit der QR-Code einsatzbereit ist, rückt auch die Anbindung der Labore wieder in den Fokus. Eine aktuelle Zahl, wie viele Labore an die App angebunden sind, könne das RKI derzeit nicht nennen, heißt es auf Anfrage von Tagesspiegel Background. Im Digitalausschuss des Bundestages hieß es am Mittwoch, dass nun über die Hälfte der Labore angeschlossen seien. In Köln sei auch bereits eine größere Zahl QR-Codes ausgespielt worden. Der Rest solle in den nächsten Tagen folgen.

Die technische Schnittstelle zwischen App und Laboren wurde von der Telekom entwickelt. Vom Verein der Akkreditieren Labore der Medizin (ALM) heißt es, dass viele Labore mit dieser Lösung nicht wirklich zufrieden seien. So sei etwa kein Testlauf der Anwendung möglich, außerdem laufe es ausschließlich auf Microsoft-Betriebssystemen. Viele Labore, so die ALM, würden daher eine Lösung der KV-Digital bevorzugen, die in wenigen Wochen erwartet wird.

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