"Muster" von Armin Nassehi : Die Digitalisierung löst Probleme, die sie selbst geschaffen hat

Der Soziologe Armin Nassehi hat eine Theorie der digitalen Gesellschaft entworfen – und erkennt Muster in unserem heutigen Leben. Eine Buchrezension.

Christoph H. Winter
Warum echte Bilder sehen, wenn es auch virtuell geht?
Warum echte Bilder sehen, wenn es auch virtuell geht?Foto: dpa

Zwei Referenzpunkte, die herangezogen werden könnten, um die Chronologie jener Ereignisse und Prozesse zu vergegenwärtigen, die gemeinhin als „Digitalisierung der Gesellschaft“ bezeichnet werden, stellen die Jahre 2006 und 2007 dar: Am 21. März 2006 wurde der erste Tweet auf der Mikroblogging-Plattform Twitter abgesetzt. Weniger als ein Jahr später, am 09. Januar 2007, stellte Steve Jobs das erste iPhone vor.

Anhand dieser beiden Ereignisse lässt sich ablesen, wie scheinbar neu jene Geräte und Plattformen sind, die inzwischen fest im gesellschaftlichen Leben verankert sind. Darüber hinaus ließe sich fragen und zugleich bezweifeln, ob die zeitliche und räumliche Nähe – die Unternehmen Apple und Twitter haben ihren Firmensitz beide in San Francisco – dieser Ereignisse ein Zufall ist. Nicht zuletzt ließe sich fragen, wann jene Prozesse und Ereignisketten ihren Anfang nahmen, die im Senden des ersten Tweets und in der Vorstellung des ersten iPhones einen vorläufigen Höhepunkt fanden.

Würde die letztgenannte Frage dem Soziologen und Professor der LMU München Armin Nassehi gestellt, so würde er vermutlich antworten, dass die wesentlichen Entwicklungen, die schließlich zur Digitalisierung der Gesellschaft führten, länger zurückliegen und grundlegender in westliche Gesellschaftsformen eingeschrieben sind als zunächst erwartet.

Unüberschaubare Informationen werden zum Problem

Das Buch „Muster“, das, wie der Untertitel ankündigt, nicht weniger bereitstellen will als eine Theorie der digitalen Gesellschaft, leitet Nassehi mit der Frage danach ein, welches Problem durch die Digitalisierung gelöst wird. Durch diese funktionalistische Grundausrichtung seiner Überlegungen insinuiert er – und genau diese Perspektive macht sein Buch so wichtig wie interessant –, dass Gesellschaften mit der Erfindung neuer Technologien zur Lösung von Problemen beitragen, die sie selbst geschaffen haben.

Digitalisierte Technologien, Praktiken und Prozesse seien, so eine seiner wesentlichen Thesen, lediglich Hilfsmittel, um mit immer unüberschaubareren Informationsmengen umzugehen, die durch stetige Weiterentwicklung der Gesellschaft entstehen. Ein Problem, das durch Digitalisierungsprozesse gelöst wird, bestehe im immer komplexer werdenden Wissen der Gesellschaft über sich selbst. Einerseits wächst das menschliche Wissen im Allgemeinen beständig, zum anderen wird das, was die Menschheit über sich selbst weiß, immer hochauflösender und granularer.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Jahr 2003 mag einen vorläufigen Höhepunkt der Wissensproduktion in den biologischen Disziplinen darstellen. Die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit trägt genauso zum globalen Wissenswachstum bei wie die Erforschung erneuerbarer Technologien oder das wissenschaftliche Nachdenken über Goethe und Schiller. Vor allem die Sozialwissenschaften begannen ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts damit, immer mehr Informationen über den Menschen zu sammeln: Informationen zur Einkommensentwicklung bei Männern und Frauen, Informationen darüber, welche Berufsgruppen am häufigsten von welchen Krankheiten betroffen sind; Informationen darüber, welche Kaufentscheidungen welche Altersgruppen treffen, die dann noch einmal nach Beruf und Geschlecht aufgeschlüsselt werden.

Tweets prägen Berichterstattung

Die Digitalisierung der Gesellschaft, so lautet eine der Thesen Nassehis, stellt nichts anderes dar als die Technologisierung sozialwissenschaftlicher Methoden – das Sammeln und Auswerten von Informationen zum Zwecke der Mustererkennung. Wie der Buchdruck, so trage auch das Methodenensemble der Digitalisierung zur Selbstbeschreibung und -gestaltung der Gesellschaft bei, indem es einerseits bereits bestehendes Wissen konserviert und andererseits dieses Wissen zu gesellschaftstransformierenden Kräften bündelt – die massenhafte Verbreitung der Bibel in den jeweiligen Volkssprachen konnte einer klerikalen Elite die Deutungshoheit über das Seelenheil einer Gemeinschaft entziehen, so, wie umgekehrt die Tweets der Demonstrierenden die Berichterstattung über den Arabischen Frühling prägten.

Der Kultursoziologe Armin Nassehi.
Der Kultursoziologe Armin Nassehi.Foto: picture alliance / Horst Galusch

Buchdruck und Digitalisierung seien insofern Störungen bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse, da sie deren Grenzen unterminieren und die bis zu ihrem Wirksamwerden stabilen Selbstbeschreibungsmechanismen infrage stellten. Indem die digitalen Methoden und Prozesse dabei helfen, immer komplexer werdende Datenmengen auszuwerten, tragen sie zur Selbstbeschreibung und Selbstvergewisserung der Gesellschaft bei, die diese Informationsmengen produziert.

Gut nachvollziehbar wird dies an einem Kooperationsprojekt der Universität Potsdam und der Higher School of Economics in Moskau, das digitale Methoden dazu nutzt, nicht mehr einzelne Dramen zu untersuchen, sondern darauf abzielt, möglichst viele Dramen möglichst vieler Epochen und möglichst vieler Autoren auszuwerten und Muster hinsichtlich Personalumfang, Plotmuster und Interaktionsstrukturen zu identifizieren, nur um in einem weiteren Schritt deutschsprachige mit russischsprachigen Dramen zu vergleichen.

Nassehis innovative, weder kulturpessimistische noch euphorische Perspektive scheint jedoch aus den Augen zu verlieren, dass die Problemlösungsstrategien der Digitalisierung neue hochkomplexe Problemlagen – Überwachung, Netzneutralität, Wegfall von Arbeitsplätzen – schaffen. Davon erzählt Nassehi hoffentlich in seinem nächsten Buch.
Armin Nassehi: „Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft“, C.H. Beck, 2019, Hardcover, 352 Seiten.

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