Osteuropa : Die größten Firmen Ungarns stammen aus Deutschland

Vor allem die deutsche Autobranche ist in Ungarn stark vertreten. Trotz Korruption und Abwanderung: Orbáns Wirtschaftspolitik gefällt Unternehmen

Audi-Motoren werden im westungarischen Györ montiert.
Audi-Motoren werden im westungarischen Györ montiert.Foto: imago/Xinhua

Ungarn und Polen haben in der Europäischen Union einen schlechten Ruf. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (Fidesz) und Polens Premier Mateusz Morawiecki (PiS) wettern gegen die vermeintlich liberale Flüchtlingspolitik der EU und setzen in ihren eigenen Ländern politische Gegner unter Druck. Gegen beide Länder laufen in Brüssel Vertragsverletzungsverfahren. Ein Bericht der holländischen EU-Parlamentarierin Judith Sargentini attestierte Ungarn im vergangenen Juni die Verletzung der Grundsätze des Rechtsstaats in zwölf Bereichen, unter anderem die Unabhängigkeit der Justiz betreffend sowie Korruption, Interessenkonflikte und soziale Rechte. Polen steht ebenfalls wegen einer Justizreform in der Kritik.

Für deutsche Unternehmen, besonders aus der Autoindustrie, sind die beiden Länder aber unverändert attraktiv. „Viele wissen nicht, wie bedeutend diese Länder für die deutsche Wirtschaft sind“, sagt Andreas Metz vom Ost-Ausschuss - Osteuropa Verein der Deutschen Wirtschaft. Der Verein ist das Sprachrohr für deutsche Unternehmen, die in einem der 29 Länder von Aserbaidschan bis zur Slowakei investieren oder Handel betreiben. Insgesamt belief sich das Volumen des deutschen Osthandels im ersten Halbjahr 2018 auf 263 Milliarden Euro. Polen belegt mit knapp 68 Milliarden Euro Platz eins der 29 Länder, Ungarn folgt auf Platz vier mit etwa der Hälfte (32 Milliarden Euro). Im Vergleich zum Vorjahr ist der Umsatz, den deutsche Unternehmen in beiden Ländern erwirtschaften, jeweils um etwa acht Prozent gestiegen.

BMW baut Standort in Ungarn aus

BMW kündigte im August an, sein erstes Werk in Europa seit 2000 zu bauen, nahe der ungarischen Stadt Debrecen. 150000 Autos sollen hier pro Jahr montiert werden von rund 1000 Mitarbeitern. Die Investition beläuft sich laut Ungarns Außenminister Péter Szíjjártó auf über eine Milliarde Euro. BMW wurde von der ungarischen Regierung mit umgerechnet knapp 38 Millionen Euro unterstützt. Das neue Werk werde „die Zukunft dieser Stadt neu schreiben“, formulierte Bürgermeister László Papp.

Zwischen 2010 und 2018 erhielten ausländische Unternehmen doppelt so viel staatliche Unterstützung von Ungarn wie in den acht Jahren vor der Regierung Orbán. Deutsche Unternehmen haben davon von allen ausländischen Investoren am meisten profitiert. Das 2012 verabschiedete neue Arbeitsgesetz senkt zudem die Verpflichtungen von Arbeitgebern gegenüber Arbeitnehmern und schränkt die Macht der Gewerkschaften stark ein.

„Wir können auf die Gelder der EU verzichten, aber nicht auf den Markt“, diese Einschätzung sei Konsens in der ungarischen Regierung, heißt es beim Osteuropaverein. Die deutsche Industrie ist wichtig für Ungarns wirtschaftlichen Erfolg und damit den politischen Erfolg Orbáns: Audi, die Bosch-Gruppe und MercedesBenz belegen die Plätze zwei bei vier der umsatzstärksten Unternehmen in Ungarn. Nur die ungarische Mineralölfirma MOL steht vor den deutschen Firmen auf Platz eins.

Der Staat gibt Starthilfe

Zuständig für einen reibungslosen Ablauf ausländischer Investitionen ist die Investitionsförderungsagentur HIPA. Sie unterliegt direkt dem Ministerium für Außenhandel und Außenpolitik. Auf ihrer Webseite präsentiert sich HIPA als „one-stop-shop“: Die Agentur kümmert sich um alles, von der Standortsuche bis zur Information über Steuer- und Arbeitsmarktregulierungen und die Betreuung nach Investitionsstart.

„Hervorragend“ nennt C. L. Theodor Wuppermann die Zusammenarbeit mit HIPA. Wuppermann ist Vorstandssprecher des Stahlverarbeiters Wuppermann AG und stellvertretender Vorsitzender des Ost-Ausschusses. Wuppermann hat eine Produktionsanlage für Stahlflachprodukte in Gönyü an der Donau nahe der westungarischen Stadt Györ. Mit über 110 Millionen Euro ist das ungarische Werk die größte Investition der Firma seit 1872. „Die Regierung und alle Behörden haben uns extrem gut unterstützt“, sagt Wuppermann. Innerhalb von drei Jahren konnte die Firma das Werk im Dezember 2017 eröffnen.

Zu den Standortvorteilen gehören, dass man von hier in einer Stunde am Flughafen Wien-Schwechat ist, und die Lohnkosten in Ungarn mit neun Euro pro Stunde fast viermal niedriger als in Österreich sind, wo sie bei 34 Euro liegen.

„Die deutsche Wirtschaft ist sehr zufrieden mit der Wirtschaftspolitik Orbáns“, sagt Gabriel Brennauer von der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Außenhandelskammer. Dem Ministerpräsidenten ginge es darum, eine wettbewerbsfähige, exportorientierte Wirtschaft aufzubauen. Gerade für das produzierende Gewerbe aus Deutschland gebe es dabei klare Vorteile. Die Politik sei in letzter Zeit weniger „erratisch“, aus ungarischer Sicht sogar konsistent, so Brennauer.

Drei Unternehmern gehören 400 Firmen im Land

Dabei läuft in der ungarischen Wirtschaft viel über Nepotismus, das Geld konzentriert sich in der Hand einiger reicher, Orbán-naher Oligarchen. Fast 400 Unternehmen im Land lassen sich auf drei Unternehmer zurückführen, fand das Investigativportal Átlátszó im Oktober heraus. Allein 125 davon gehören Lörincz Mészáros, einem gelernten Klempner, der früher in Orbáns Heimatdorf Felcsút Bürgermeister war. Korruptionsvorfälle beschäftigen auch die europäische Antikorruptionsagentur OLAF, die strukturelle Korruption bei der Vergabe von EU-Geldern feststellte. Die Investitionen deutscher Unternehmen sind von dieser Praxis weniger betroffen. Doch je näher die Branche am Staat ist, desto stärker spüren die Unternehmen Einschränkungen auf Grund von Orbáns zentral organisierter Politik. Ein Beispiel dafür ist die Schulbuchbranche, die dreißig Jahre nach der Privatisierung nun wieder beinahe komplett staatlich organisiert ist. Im Zuge dieser Reglementierungen ist der deutsche Klett-Verlag als einziger westlicher Verlag in Ungarn geblieben, aber auch nur noch in der Nische „Deutsch als Fremdsprache“. Vorstandssprecher Philipp Haußmann gibt die Hoffnung nicht auf: Man hoffe darauf, dass sich die Investitionsbedingungen in der Medienbranche wieder verbessern.

Im Vergleich dazu seien die Bedingungen für den Klett-Verlag in Polen deutlich einfacher. Hier könne man weiterhin sehr frei investieren, sagt Haußmann. Auch die Korruption sei in Polen weniger ausgeprägt: „Sehr intensive Betriebsprüfungen“ würden sowohl in- als auch ausländische Unternehmen betreffen, berichtet Michael Kern von der Deutsch- Polnischen Industrie- und Außenhandelskammer.

Auch Ungarn spürt den Fachkräftemangel

Trotz der Willkommenskultur in Ungarn und Polen gegenüber deutschen Unternehmen stellt sich für viele Firmen ein Problem: genug qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Zwar zahlen deutsche Firmen oft viel besser als ihre inländischen Konkurrenten, aber sowohl in Ungarn als auch in Polen hat sich die Auswanderungsrate seit 2005 verzehnfacht: Aus Ungarn wanderten nach Angaben von Eurostat 2016 knapp 40000 Menschen aus, aus Polen waren es im selben Jahr sogar 236000. Zu den wirtschaftlichen Gründen, wie höhere Löhne in den westlichen Nachbarländern, kommt bei vielen Auswanderern die politische Unzufriedenheit, die sie dazu bewegt, in andere EU-Länder zu ziehen.

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