re:publica 2018 : Gute Daten, schlechte Daten

Restaurants ohne Kellner, Läden ohne Kassen – und grenzenlose soziale Kontrolle: Auf der re:publica zeigt sich, dass Algorithmen immer mächtiger werden. Was bedeutet das?

Eine Frau macht von sich im Bällebad bei der Internetkonferenz re:publica ein Foto.
Eine Frau macht von sich im Bällebad bei der Internetkonferenz re:publica ein Foto.Foto: dpa/Britta Pedersen

Blicke in die Zukunft gibt es auf der Internetkonferenz re:publica zwar an allen Ecken. Direkt erleben kann man sie jedoch ganz woanders, in China. In kurzer Zeit hat sich das Land zum Vorreiter des Fortschritts aufgeschwungen. „Selbst Facebook guckt inzwischen, was in China abgeht und nicht umgekehrt“, sagt Karl Krainer, Chef der Innovationsagentur Gedankenfabrik.

Der Österreicher hat zuvor für Google, Ebay oder Coca Cola gearbeitet und verschiedene Start-ups geleitet. Nun hilft er Unternehmen bei der Digitalisierung – und reist dazu sooft es geht nach China. Auf der re:publica präsentierte Krainer in verschiedenen Videos die neuesten Trends. So zum Beispiel Restaurants ohne Kellner: Bestellt und bezahlt wird mit der Universalapp Wechat, das Essen kommt dann auf einem Band aus der Küche gefahren.

Auch kassenlose Läden breiten sich rasant aus. Sie sehen aus wie Container mit einer Glasfront. Per Gesichtserkennung lässt sich die Tür öffnen, der Kunde nimmt die gewünschten Waren und bezahlt dann ebenfalls wieder per Smartphone. In Schanghai wird sogar ein selbstfahrender Laden getestet. „Einen Großteil der Innovationen sieht man heute eher in China als in den USA“, bestätigt Handelsexperte Olaf Kohlbrück.

Auf der Internetkonferenz re:publica trafen sich in dieser Woche etwa 10 000 Teilnehmer in Berlin. Das Motto der Veranstaltung lautete in diesem Jahr Pop. Es soll symbolisieren, dass die Themen des einstigen Blogger- und Nerdtreffen längst massentauglich sind, spielt aber auch mit Populismus und „Power of People“.
Auf der Internetkonferenz re:publica trafen sich in dieser Woche etwa 10 000 Teilnehmer in Berlin. Das Motto der Veranstaltung...Fotos: Britta Pedersen, Jens Kalaene/dpa

In China zeigen sich die Schattenseiten der Digitalisierung

Die Schattenseiten der Digitalisierung zeigen sich in China allerdings auch in besonderer Ausprägung. Per Gesichtserkennung werden Menschen identifiziert, die bei Rot über die Ampel gehen – den Strafzettel gibt es gleich digital auf das Handy. Bis 2020 wird die zunehmende Überwachung um ein „Social Scoring“ ergänzt, ein Punktesystem, bei dem die Vertrauenswürdigkeit eines jeden Bürgers, in finanzieller, aber auch sozialer und politischer Hinsicht erfasst und für jeden sichtbar angezeigt wird.

Schon jetzt nutzen viele Anbieter eine Vorstufe des Punktesystems. Es beeinflusst, ob und zu welchen Konditionen man Zimmer oder Autos mieten kann und erhöht sogar die Chancen auf Datingplattformen. Und auch sonst dürfte das Punktesystem die persönlichen Beziehungen beeinflussen, denn schlechte Werte von Freunden und Bekannten ziehen auch das eigene Scoring nach unten.

Jede Stromquelle genutzt: Teilnehmer der re:publica 2018.
Jede Stromquelle genutzt: Teilnehmer der re:publica 2018.Foto: dpa

Neben all den Chancen und Möglichkeiten, die die neuen Technologien bieten, waren Manipulationen und der Missbrauch von Daten oder die Gefahren der zunehmenden Macht von Algorithmen zentrale Themen, die sich durch viele Vorträge und Diskussionen zogen.

Genau darin liegt auch die Besonderheit der re:publica, dass nicht wie auf vielen anderen Digitalkonferenzen vor allem nach dem nächsten großen Ding gejagt wird, sondern die gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien in all ihrer Komplexität besprochen werden. Man muss dabei freilich nicht bis nach China gucken, um manche Big-Brother-Dystopien schon jetzt im Alltag zu entdecken.

So sind im öffentlichen Raum neben Videokameras auch akustische Überwachungssysteme auf dem Vormarsch. ShotSpotter heißt ein System, das schon in fast 100 US-Städten installiert ist. Die Mikrofone orten Schüsse und melden sie automatisch an die Polizei. Datenschützer sorgen sich jedoch, was damit noch alles mitgehört werden könnte. Genau diese Bedenken gibt es auch bei intelligenten Lautsprechern mit Sprachassistenten wie Amazons Alexa.

Viele Chancen bietet auch die Künstliche Intelligenz

Wer hätte vor 30 Jahren, als in Berlin die Stasi spitzelte, geglaubt, dass die Menschen freiwillig Kameras und Mikrofone in ihre Wohnungen stellen?, fragte Ranga Yogeshwar und verwies auf intelligente Lautsprecher mit Sprachassistenten wie Amazons Alexa. Er zeigte dann Patentanmeldungen, die zeigen, wie Amazon auch Emotionen anhand der Sprache registrieren will. Doch so praktisch die Sprachboxen auch sein mögen. „Wollt ihr, dass Amazon jeden Ehestreit mitkriegt?“, fragte Yogeshwar.

Dabei war sein Vortrag kein Plädoyer gegen den Fortschritt – im Gegenteil: „Mit einem Internetanschluss hat man heute in Bombai und Berlin den gleichen Zugang zu Informationen, das hat es in der Geschichte der Menschheit nie zuvor gegeben.“

Viele Chancen bietet auch die Künstliche Intelligenz (KI). Die selbst lernenden Algorithmen machen gerade solche Sprünge, dass es manchmal schon schwerfällt, zwischen Mensch und Maschine zu unterscheiden. So auch bei verschiedenen klassischen Musikstücken, die Yogeshwar den Zuhörern vorspielte: Einige waren von Computern komponiert, andere von Menschen. Für einen validen Test waren sie zwar zu kurz, doch nur jeweils die Hälfte lag mit der Einschätzung richtig.

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Chelsea Manning auf der re:publica: Auch Softwareentwickler*innen haben eine Verantwortung
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Allerdings: Die KI agiert oft wie eine Blackbox

Ein großes Problem ist es jedoch, dass KI oft wie eine Blackbox agiert. Genau hier müssten Grenzen gezogen werden, vor allem wenn es um ethische oder moralische Entscheidungen geht. „Wenn wir beispielsweise zulassen, dass ein Algorithmus sagt, wer schuldig ist, ohne dass wir wissen, warum, kommen wir in eine Welt des Orakels", warnte Yogeshwar. Auch der Stargast der Veranstaltung, Whistleblowerin Chelsea Manning, die für die Weitergabe von geheimen Militärdokumenten an die Enthüllungsplattform Wikileaks ins Gefängnis musste, forderte mehr Nachvollziehbarkeit und Kontrolle über maschinenbasierte Entscheidungsprozesse. Sie habe schon im Irak mit riesigen Datensätzen gearbeitet, und Entscheidungen über Leben und Tod basierten auf Algorithmen. „Die Entwicklungen, die mich schon vor zehn Jahren besorgt haben, wurden noch beschleunigt“, sagte Manning.

Als weitere zentrale Frage zog sich die Macht der Internetkonzerne durch die Veranstaltung. So begründete der Chef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, seinen Vorstoß mit einer elektronischen Gesundheitsakte auch mit der potenziellen Konkurrenz aus den USA. „Meine Sorge ist, dass das sonst Apple oder Google machen“, sagte Baas.

In der Akte sollen die ohnehin vorhandenen Daten, beispielsweise frühere Befunde, zusammengeführt werden. Zu oft haben Ärzte keine Informationen über frühere Erkrankungen, Befunde oder auch alle Medikamente, die ein Patient nimmt.

Machtkonzentration ist Wesensmerkmal digitaler Plattformen

Mehr Informationen könnten Behandlungen deutlich verbessern. Dazu kommt der Trend, dass immer mehr Menschen mit Fitnessarmbändern oder Smartwatches selbst ihre Gesundheit überwachen. Baas „Horrorszenario“ ist daher, dass Google oder Apple die zentrale Stelle für Gesundheitsdaten werden und die Kassen zu Zulieferern und Finanzverwaltern degradieren.

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Die Machtkonzentration ist ein Wesensmerkmal der digitalen Plattformen. „Facebook ist nur so gut, weil es so groß ist“, sagte der Anwalt und Mitgründer des Blockchainverbandes Bundesblock. Seiner Ansicht nach wird es die Monopolbildung daher auch immer weiter geben und auch eine Aufspaltung von Facebook hätte wenig Sinn: Dann würde eines der Einzelteile zu einem neuen Giganten werden. Als Alternative träumt er von Plattformen, die von den Nutzern kontrolliert werden, so wie Wikipedia. Und er glaubt, durch die Blockchain-Technologie könnten solche dezentralen Infrastrukturen entstehen.

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