Tourismusmesse ITB in Berlin : Fleischkonsum und Reisen - so darf es nicht weitergehen

Was beim Fleisch gilt, gilt auch beim Reisen. Billige Discounterschnitzel essen und dann Sonnenschein mit Palmen - es kann nicht jeder immer alles haben. Ein Kommentar.

Immer neue Paradiese erobern? Tourismus muss Grenzen haben.
Immer neue Paradiese erobern? Tourismus muss Grenzen haben.Foto: imago/imagebroker

Auch Reisen geht nicht mehr einfach so. Genau wie es heute Diskussionen darum gibt, ob billige Discounterschnitzel zu rechtfertigen sind, die Tierelend im Maststall einkalkulieren, oder Fast Fashion, die zu Lasten ausgebeuteter Arbeiterinnen in Südostasien entsteht, müssen sich zunehmend auch Urlauber kritischen Fragen stellen.

Wer eine Fernreise plant, dem wird die verheerende Klimabilanz von Flugzeugen vorgerechnet, erst recht wenn er nur für ein schnelles Cityhopping Zeit hat. Wer einen All-Inclusive-Urlaub in exotischen Gegenden gebucht hat, kann sich dazu noch anhören, dass er dazu beiträgt, die örtliche Bevölkerung mit prekären Niedriglohnjobs auszubeuten sowie lokale Strukturen zu zerstören. Und wer in entlegene Gegenden vorstoßen will, wird verdächtigt, die vielleicht letzten Paradiese der Erde zu demolieren.

Insofern hat die Internationale Tourismusbörse Berlin mit ihrem diesjährigen Partnerland eine gute Wahl getroffen: Nach den Malediven 2016 und Botswana 2017 ist es diesmal Mecklenburg-Vorpommern.

In das ostdeutsche Küstenland kann man mit Bahn und Rad fahren. Man kann dort ein Zelt aufschlagen oder ein Zimmer mieten, eine Angel in den See hängen, und falls ein Fischlein anbeißt, es direkt auf dem solarbetriebenen Elektrogrill zubereiten. Ein solcher Urlaub hinterließe einen minimalen CO2- oder sonstigen Fußabdruck, er wäre wie das Bio-Rindersteak vom Ökobauernhof auf dem Teller, oder der selbstgestrickte Pullover aus Wolle von Schafen aus der Region. Er wäre guten Gewissens zu genießen.

Die Frage nach der Zukunft des Planeten

Den meisten Menschen dürfte das Zweischneidige des Ferneländersehens klar sein. Doch etwas wissen und danach handeln sind nicht dasselbe. Bei der Reiseplanung vielleicht noch weniger als beim Lebensmitteleinkauf oder der Shoppingtour, denn der Urlaub als „schönste Zeit des Jahres“ genießt einen Sonderbonus. Da gönnt man sich etwas, lässt es krachen oder sich gehen – und stellt sich die ganzen Fragen, die einen sonst umtreiben und quälen, eben gerade nicht. Auch nicht die nach der Zukunft des Planeten.

Für den sind die Folgen allerdings gravierend. Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass ein Flug von Deutschland auf die Malediven und zurück pro Person einen CO2-Ausstoß von mehr als fünf Tonnen verursacht. Das entspricht 30.000 gefahrenen Kilometern mit einem Mittelklassewagen, wofür manche Autos anderthalb Jahre brauchen dürften. Gemessen daran sind solche Reisen viel zu billig. Es ist die Gewöhnung an Schnäppchen, die es zur Normalität werden ließ, dass auch kleine Geldbeutel Urlaub in der Karibik bezahlen können. Reisen verkaufen sich längst vor allem über den Preis. Was im Nachgang auch zur Abwertung der Ziele führt, verächtliche Abkürzungen wie „Malle“ oder „Domrep“ zeugen davon.

Wie bei der Diskussion um Fleisch und Mode sollte auch beim Reisen gelten: Es kann nicht jeder immer alles haben, denn diese Jedermannverfügbarkeit steht in keinem Verhältnis zu dem, was die damit ausgelöste massenweise Nachfrage anrichtet. Hier die zu Hunderttausenden artwidrig gehaltenen Tiere und ganze Branchen, die auf lebensgefährliche Weise ihre Herstellungskosten niedrig halten, da die extreme Belastung für Luft und Klima. Und der Gegenwert: ein Stück Nahrung, dessen häufiger Konsum ernährungsphysiologisch bedenklich ist, ein T-Shirt, das man bedenkenlos wegwerfen kann, und dort zwei Wochen Sonnenschein und Palmen. Das sind Entwicklungen, die im Ernst kaum jemand für rechtfertigungswürdig geschweige denn fortführenswert halten kann.

Einen kleinen Tribut an die globalen Folgen des Reisens zahlt auch die ITB: Sie will in diesem Jahr erstmals klimaneutral ablaufen. Das kann man als Maskerade abtun, und dennoch zeigt es, dass auch dort Nachhaltigkeit als ein Thema der Zeit begriffen wird – und sei es nur insoweit, als die Branche erkennt, dass eine weitgehend ruinierte Erde niemanden mehr zu Reisen verlockt.

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