Turbulente Sparverhandlungen bei der Lufthansa : Reizen, bitten und drohen

Die Lufthansa-Beschäftigten sollen auf mindestens 1,5 Milliarden Euro Einkommen verzichten – andernfalls könnte es Kündigungen geben.

Abgestellt. Lufthansa setzt 100 Flugzeuge außer Betrieb.
Abgestellt. Lufthansa setzt 100 Flugzeuge außer Betrieb.Foto: dpa

Chaostage bei der Lufthansa. Der Flugbetrieb nimmt langsam wieder Fahrt auf, doch in den Sparrunden mit den Gewerkschaften kommt die Konzernführung nur mühsam voran. Am Donnerstagvormittag teilte eine Sprecherin mit, die Verhandlungen mit Verdi würden ebenso fortgesetzt wie mit der Pilotenvereinigung Cockpit (VC). Am Mittag hieß es dann, die Gespräche seien „nach 20 ergebnislosen Runden abgebrochen worden“, weil nicht genug angeboten worden sei: Verdi habe sich auf Einkommenseinbußen für 26 000 Beschäftigte am Boden einlassen wollen, die sich in den kommenden Jahren auf 600 Millionen Euro summiert hätten.

„Das reicht aber nicht“, sagte eine Lufthansa-Sprecherin, weil sich die Personalkosten in den betroffenen Beschäftigtengruppen in dem Fall nur um knapp zehn Prozent reduzierten. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo habe dagegen Kürzungen um mehr als 13 Prozent für die 22 000 Stewardessen und Purser zugestimmt. Mit VC werde nach zwischenzeitlichen Irritationen weiterverhandelt. Hier wird seit Wochen ein Sparvolumen von 380 Millionen Euro gehandelt.

22 000 Arbeitsplätze zu viel

Vor der Corona-Pandemie hatte der Lufthansa-Konzern mit seinen diversen Marken, darunter Eurowings, Austria Airlines, Swissair und Brussels Airlines, knapp 138 000 Mitarbeiter. Das Virus stoppte den Flugbetrieb fast komplett, und vor 2024 erwartet Konzernchef Carsten Spohr keine Rückkehr auf das Niveau von 2019. Deshalb will der Konzern dauerhaft 100 Flugzeuge außer Betrieb nehmen und 22 000 Arbeitsplätze streichen. Diese Stellen verteilen sich nach Angaben der Airline auf alle Geschäftsfelder und Unternehmen der Gruppe. Allein der Flugbetrieb der Kerngesellschaft Lufthansa ist mit rechnerisch knapp 5000 Stellen betroffen, davon 600 Piloten, 2600 Flugbegleiter und 1500 Bodenmitarbeiter. Weitere 1400 Stellen in der Zentrale und in der Administration anderer Konzerntöchter sollen wegfallen. Die Lufthansa Technik hat angeblich einen Personalüberhang von rund 4500 Stellen, davon 2500 in Deutschland. Im Cateringgeschäft der LSG Group sind weltweit 8300 Stellen zu viel, 1500 in Deutschland.

Flugbegleiter verzichten auf 500 Millionen

Mit der Ufo hatte sich der Konzern bereits Ende Juni auf ein Sparpaket geeinigt. Unter anderem werden Einkommenserhöhungen ausgesetzt und die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich reduziert. Ferner sinken die Beiträge zur betrieblichen Altersversorgung. Darüber hinaus haben sich beide Parteien auf ein Paket freiwilliger Maßnahmen und Abfindungsprogramme geeinigt. Für ein Beschäftigungsjahr soll es ein Monatsgehalt als Abfindung für die Flugbegleiter geben, die das Unternehmen verlassen.

Verdi argumentiert mit Staatshilfen

Alles in allem summieren sich die Einsparungen beim Kabinenpersonal bis 2023 auf 500 Millionen Euro. Das wäre relativ mehr als die 600 Millionen Euro, die Verdi nach Angaben der Lufthansa bereit ist bei den 26 000 Beschäftigten am Boden (ohne die Cateringgesellschaft Sky Chefs) einzusammeln. Deshalb beendete das Management nun die Gespräche und forderte Verdi auf, mit einer größeren Verzichtsbereitschaft an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Verdi wiederum spielt den Ball zurück. „Die Verweigerungshaltung ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“, meinte die stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Christine Behle, die als Arbeitnehmervertreterin auch im Aufsichtsrat der Lufthansa sitzt. Behle erinnerte an die Staatshilfen von neun Milliarden Euro, die der Lufthansa das Überleben sicherten. „Vor diesem Hintergrund ist es absolut inakzeptabel, dass der Konzern gravierende Einkommensverzichte der Beschäftigten fordert, ohne im Gegenzug Garantien zum Beschäftigungsschutz oder zu Maßnahmen eines sozialverträglichen Arbeitsplatzabbaus zu geben“, sagte Behle.

Kündigungen stehen im Raum

Die Lufthansa wiederum gibt an, eine Beschäftigungssicherung zugesagt zu haben. Behle appelliert an die Bundesregierung, „ihren Einfluss auf das Unternehmen zum Schutz von Beschäftigung und dem Erhalt der deutschen Infrastruktur im Luftverkehr geltend zu machen“. Die Bundesregierung hatte beschlossen, sich trotz Beteiligung in Höhe von 20 Prozent nicht in die Geschäftspolitik einmischen zu wollen. Stattdessen vereinbarten Regierung und Konzern einen gestaffelten Zins, der von Jahr zu Jahr steigt, weshalb Spohr die Staatshilfen spätesten 2023 zurückzahlen will.

Spitzengespräch am Donnerstagabend

„Betriebsbedingte Kündigungen sind jetzt nicht mehr ausgeschlossen“, sagte eine Lufthansa-Sprecherin am Donnerstag. Bereits vor einer Woche hatte das auch Spohr bei der Vorlage der tiefroten Halbjahreszahlen angekündigt: Wegen der Entwicklung im globalen Luftverkehr sei der Verzicht auf Kündigungen „nicht mehr realistisch“. Allerdings sind auch Kündigungen teuer. Vor allem für die vielen Aktivitäten am Boden gibt es Dutzende eigenständige Gesellschaften, die Sozialpläne bräuchten. Das beansprucht weitere Wochen, verursacht Konfliktkosten und Verdruss in der Belegschaft. Am Donnerstagabend wollten Verdi-Vize Behle und Personalvorstand Michael Niggemann ausloten, ob man nicht doch noch eine tarifliche Lösung findet.

Inklusive Kurzarbeit spart der Konzern Milliarden

Mit den Piloten hat der Konzern angeblich ein neues Eckpunktepapier verfasst, das sich an der bereits vor Monaten zugesagten Sparsumme von 380 Millionen Euro orientiert. Danach hatte die VC allerdings interne Probleme und musste nacharbeiten. Der Tarifpoker begann erneut. Die VC möchte vor allem auch Piloten aus anderen Konzerngesellschaften bei der neuen Ocean GmbH einsetzen, mit der die Lufthansa künftig die touristische Langstrecke fliegen will.

VC rechnet im Übrigen anders als die Lufthansa: Inklusive Kurzarbeit würde der Konzern allein bei den Piloten 800 Millionen Euro sparen und in der Kabine 1,5 Milliarden Euro. Zuzüglich des von Verdi vertretenen Bodenpersonals kämen bei dieser Rechnung mehr als vier Milliarden Euro Einsparungen bis 2023 zusammen.

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