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Verbraucherschützer warnen: Wie steigende Preise immer mehr Menschen belasten
Immer mehr Menschen müssen Schulden machen, um ihren Alltag zu finanzieren. Ramona Pop, oberste Verbraucherschützerin Deutschlands, nennt die Lage „dramatisch“.
Stand:
Viele Verbraucherinnen und Verbraucher sehen dem gerade begonnenen Jahr mit finanziellen Sorgen entgegen. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger sorgt sich wegen der steigenden Lebenshaltungskosten, 45 Prozent schränken sich bereits beim Kauf von Lebensmitteln ein. 52 Prozent der Menschen blicken insgesamt negativ auf das Jahr 2026. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Telefonbefragung, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Dezember im Auftrag des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV) durchgeführt hat.

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Ramona Pop sieht diese Zahlen mit Besorgnis. Denn inzwischen machen viele Verbraucher Schulden, um ihre Lebenshaltungskosten zu finanzieren. Mehr als vier von zehn Bundesbürgern haben sich in den vergangenen zwei Jahren Geld geliehen, meist wurden Familienmitglieder angepumpt, hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Barclays Bank ergeben. Mehr als ein Viertel der Erwachsenen hat das geliehene Geld gebraucht, um die alltäglichen Kosten zu decken. „Viele Verbraucher sind dauerhaft im Dispo“, sagt VZBV-Chefin Pop, das ist „dramatisch“.
Lebensmittel sind 37 Prozent teurer als 2020
Neben den steigenden Mieten sind es vor allem teure Lebensmittel, die Menschen belasten. Nahrungsmittel kosten nach Angaben des Statistischen Bundesamts heute 37 Prozent mehr als 2020. Einzig Butter ist derzeit billig, das 250-Gramm-Päckchen gibt es schon für 99 Cent. Der Butterpreis hat sich damit innerhalb eines Jahres halbiert, zum Verdruss der Milchbauern.
Ohnedies profitieren die Bauern kaum von den Preissteigerungen im Supermarkt. Nach einem kürzlich vorgestellten Gutachten der Monopolkommission sind die Preise für Milcherzeugnisse im Supermarkt in den vergangenen Jahren deutlich stärker gestiegen als die Erzeugerpreise. Die großen Ketten Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland sowie Aldi kontrollieren 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels. Die Gutachter halten diese Konzentration für bedenklich.
Kennzeichnungspflicht für Mogelpackungen gefordert
Doch nicht nur die Erzeuger, auch die Verbraucher haben das Nachsehen, meint Deutschlands oberste Verbraucherschützerin und denkt dabei an die Mogelpackungen. Lebensmittelhersteller reduzieren die Menge, und verkaufen weniger Inhalt zum selben oder gar zu einem höheren Preis. Oder sie tauschen qualitativ hochwertige Zutaten wie Früchte gegen billigere wie etwa Zucker aus. „Das ist Verbrauchertäuschung“, ärgert sich Pop.
Schon seit Langem fordern Verbraucherschützer, dass die Politik eingreift. Pop wünscht sich nach dem Vorbild Frankreichs eine Preisbeobachtungsstelle, um herauszufinden, wer an den hohen Preisen verdient. In Frankreich, Ungarn und Spanien müssen Lebensmittelproduzenten kennzeichnen, wenn sie Mengen oder Rezepturen verändern. Auch das wäre nach Meinung des VZBV ein Vorbild für Deutschland. Doch bislang gibt es keine Pläne in der Bundesregierung zu handeln. „Verbraucher haben das Gefühl, von der Politik nicht gesehen zu werden“, kritisiert Pop, „das hat politische Sprengkraft“.
Ausstieg aus dem Gas kann teuer werden
Andere Gruppen werden besser behandelt: Die Gastronomie kann sich über eine Mehrwertsteuersenkung freuen, die Preise in den Restaurants werden aber nicht sinken. Die Industrie ist bei der Stromsteuer entlastet worden, private Haushalte nicht. „Deutschland hat europaweit die höchsten Strompreise“, sagt Pop. Für einige Verbraucher könnten die Belastungen noch steigen: Wenn Gaskunden aus der Versorgung mit Gas aussteigen wollen, verlangen die Netzbetreiber hohe Kosten für die Stilllegung.
35 Kassen haben die Zusatzbeiträge erhöht
Nicht nur Lebensmittel, auch die steigenden Kosten für die Gesundheitsversorgung machen Verbrauchern zu schaffen. 35 Krankenkassen haben ihre Zusatzbeiträge erhöht, kritisiert Michaela Schröder, die zusammen mit ihrer Kollegin Jutta Gurkmann beim VZBV den Geschäftsbereich Verbraucherpolitik leitet. „Die Menschen sollen mehr zahlen, aber sie haben das Gefühl, immer weniger Leistung zu bekommen“, sagt sie. Viele Patienten würden lange auf einen Termin beim Arzt warten. Von der Wiedereinführung der Praxisgebühr hält Schröder aber nichts. Das habe schon beim ersten Mal außer viel Bürokratie nichts gebracht.
Schröder plädiert dafür, dass Patienten mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Symptome in einer digitalen Ersteinschätzung oder am Telefon zu schildern, um zu klären, ob ein Arztbesuch nötig ist. Um die Kassen finanziell zu entlasten, schlägt die Verbraucherschützerin vor, versicherungsfremde Leistungen wie die kostenlose Mitversicherung von Familienangehörigen oder die Versicherung von Bürgergeldempfängern nicht mehr aus Kassenbeiträgen, sondern über Steuern zu zahlen. Auch in der Pflegeversicherung ließe sich viel Geld sparen, wenn man versicherungsfremde Leistungen nicht über Beiträge, sondern über Steuern finanziert. So wartet die gesetzliche Pflegeversicherung bis heute darauf, die Kosten für Corona-Tests in Pflegeheimen erstattet zu bekommen. Es handelt sich um fünf Milliarden Euro.
Fünf Euro mehr fürs Deutschlandticket
Teurer ist das neue Jahr auch für die Nutzer des öffentlichen Personenverkehrs geworden. Das Deutschlandticket kostet jetzt 63 Euro im Monat, fünf Euro mehr als im Vorjahr, und das, obwohl Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart hatten, den Preis stabil zu halten. „Ich fürchte, ab 2027 wird es weitere Preissteigerungen geben“, warnt Jutta Gurkmann. Dann sollen Preisanpassungen durch einen Index gesteuert werden, der Lohn-, Energie- und Trassenkostensteigerungen berücksichtigt.
Auch die Abkehr vom Aus für Verbrenner-Autos sieht die Verbraucherschützerin kritisch. Wer ein Auto kauft, braucht Planungssicherheit, sagt sie. Mit einer klaren Entscheidung für das E-Auto hätte die Politik diese schaffen können. E-Autos, glaubt Gurkmann, wären dann günstiger geworden. Dennoch seien Verbraucher gut beraten, auf Elektrofahrzeuge umzusteigen. Denn besonders auf dem Land könnte es schwierig werden, Sprit zu bekommen. Von 2000 bis 2025 hat sich die Zahl der Tankstellen von 18.300 auf 14.400 reduziert.
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