Verspieltes Berlin : Wo die Gamingbranche kreative Energie bekommt

Öko-Krimi, NS-Widerstand, einsame Stadt: In Berlin haben Computerspiele-Entwickler ungewöhnliche Ideen. Ein Rundgang anlässlich des Beginns der Gamesweek.

Dominik Schott
Gamerin mit VR-Brille
Gamerin mit VR-BrilleFoto: MATTHEW KNIGHT / AFP

Wenn alles so läuft, wie es sich der Entwickler Jörg Friedrich wünscht, dann wird noch dieses Jahr ein kleines Beben durch die Spielebranche gehen. Das Epizentrum dieses Bebens: Berlin. Der Anlass: die Veröffentlichung seines aktuellen Projekts „Through the Darkest of Times“, ein Computerspiel, das seine Spieler zu Widerstandskämpfern zur Zeit des Nationalsozialismus macht – ein Konzept, das es so bisher noch nicht gab, wie Friedrich erklärt: „Wir wollen eine Perspektive anbieten, die die Welt jener Zeit nicht über Kimme und Korn zeigt. Wir wollen beweisen, dass auch ein Spiel, das nicht die üblichen Machtfantasien gewährt, eine mitreißende Erfahrung bietet.“

Im Herzen Kreuzbergs arbeitet Friedrich gemeinsam mit drei Kollegen an dieser Vision. Er und sein Team „Paintbucket Games“ empfinden Berlin als Standortvorteil: „Es gibt sicher nur wenige Orte auf der Welt, an denen man so viele Games-Kreative auf einem Fleck hat. Es gibt viele Events, auf dem viele Entwicklerinnen und Entwickler zusammenkommen und sich austauschen oder Feedback für aktuelle Projekte bekommen können.“

Mit diesem Lob ist Friedrich und sein Team nicht alleine: Eine Studie der Hamburg Media School zählte im Jahr 2018 fast 140 Games-Unternehmen in der Hauptstadt. Zu ihnen gehören die Ausbildungsstätte der Games Academy, der Sitz des Verbandes der deutschen Spielebranche und nicht zuletzt Dutzende kleinere Entwicklerteams, die an ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten.

Es gibt also reichlich Möglichkeiten, sich untereinander auszutauschen – oder direkt in eine gemeinsame Entwickler-WG zu ziehen, wie es Paintbucket Games getan haben, die gemeinsam mit einigen anderen Entwicklern im „Saftladen“ arbeiten: „Der Saftladen ist ein Indie-Games-Kollektiv. Der Unterschied zu einem typischen Co-Working-Space ist, dass der Saftladen keine Gewinnabsicht verfolgt und wir uns als eine Gemeinschaft verstehen.“

Obwohl die Teams untereinander häufig um die gleichen Fördergelder buhlen, herrscht laut Friedrich eine kollegiale Atmosphäre: „Gerade so einem kleinen Team wie unserem hilft diese Gemeinschaft dabei, über den Tellerrand zu blicken und nicht nur im eigenen Saft zu schmoren. Es ist toll, so viele talentierte Leute um sich zu haben, die man jederzeit um Feedback oder Hilfe bitten kann.“

Die Welt ein kleines bisschen besser machen

Einen Steinwurf vom Kreuzberger Saftladen entfernt liegt das Büro von Eric Jannot. 2014 gründete er das Entwicklerstudio „Waza! Games“, das einen ganz besonderen Schwerpunkt legt: „Serious Games“, also Lernspiele. Klingt trocken, soll aber laut Jannot mehr bieten als lediglich Schulunterricht zum Nachspielen: „Wir produzieren nicht einfach nur Serious Games, sondern verbinden fesselnde Unterhaltung mit Themen, die zum Nachdenken und Lernen anregen. Unsere Spiele trauen sich, Spaß zu machen, ohne dabei auf ernste Inhalte zu verzichten. Jedes Waza!-Projekt soll die Welt zumindest ein kleines bisschen besser machen.“

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt das Point-and-Click-Adventure „Moving Tomorrow“, auf das Jannot und sein vierköpfiges Team ganz besonders stolz ist. Jannot fasst die Prämisse des Spiels zusammen: „Der Spieler schlüpft in die Rolle der Projektmanagerin Lucy. In einer Kriminalgeschichte rund um ein Start-up mit ökologischem Schwerpunkt entdeckt man die Vielfalt von Unternehmenskulturen im In- und Ausland.“ Dabei werde dem Spieler laut Jannot nicht nur Hintergrundwissen zu interkulturellem Handeln vermittelt. Zusätzlich achteten die Entwickler auch auf Diversität bei Herkunft und Geschlecht der Charaktere – ein Aspekt, den viele internationale Entwicklerteams noch immer vernachlässigen.

Und diese Sorgfalt scheint sich auszuzahlen: „Moving Tomorrow“ ist dieses Jahr für den Deutschen Computerspielpreis, die wichtigste Auszeichnung der Branche, als bestes Serious Game nominiert. Neben Prestige winkt den Gewinnern außerdem ein vierstelliges Preisgeld, das für kleinere Entwicklerteams eine große Unterstützung bedeutet.

Förderung durch das Medienboard

Preise zu gewinnen, ist allerdings nicht die einzige Möglichkeit, als Spieleentwickler in Berlin an Geld zu kommen: Das Medienboard Berlin-Brandenburg verteilt jedes Jahr an vielversprechende Projekte und Spielkonzepte Fördergelder, die in der Vergangenheit bereits sowohl Jörg Friedrichs „Through The Darkest Of Times“ als auch einige der Projekte von Eric Jannot finanzierten.

Insofern fühlt sich der Entwickler mit seinem Team in Berlin wohl, auch wenn er durchaus Kritik an der Organisation einiger lokaler Events anbringt: „Es wäre schön, wenn Veranstaltungen wie ,Quo Vadis‘ oder ,A MAZE‘ Inhabern von Sozialtickets sowie Geflüchteten einen rabattierten Eintritt anbieten: Spieleentwicklung sollte nicht elitär sein, sondern so vielen wie möglich zugänglich gemacht werden.“

Auch Cornelia Geppert profitierte mit ihrem Team „Jo-Mei Games“ in der Vergangenheit von den Fördergeldern des Medienboards: „Bereits drei Spieleprototypen konnten wir mit Hilfe des Medienboards entwickeln. Viele Indie-Entwickler ziehen nach Berlin, nur um auch Medienboard-Förderung beantragen zu können“, sagt sie.

Die Schöneberger Büros von Jo-Mei Games liegen nur einen kurzen Spaziergang von den Schreibtischen Jannots und Friedrichs entfernt. Hier arbeiten die zwölf Mitarbeiter an sogenannten „Emotional Games“: zutiefst emotionale Spielerfahrungen, die zwischenmenschliche Begegnungen in den Mittelpunkt rücken, wie Geppert erklärt. „In unseren Spielen wollen wir immer zwei Hauptaspekte vereinen: eine menschliche Geschichte, mit der jeder sich identifizieren kann, und eine fantastische Welt, die Entdeckerdrang weckt und die auch Spieler, die weniger auf die Geschichte achten wollen, genießen können.“

Auch Berlin beflügelt die Entwickler

Ein Paradebeispiel für diesen Leitsatz ist Gepperts aktuelles Projekt „Sea of Solitude“, das von der jungen Frau Kay erzählt. Sie muss eine verlassene Stadt voller Gefahren erkunden – eine Geschichte, die zunächst nur wenig mit der realen Welt zu tun zu haben scheint, tatsächlich aber von den eigenen Erfahrungen der Chefentwicklerin mit Einsamkeit und dem Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein, inspiriert wurde.

Doch es sind nicht nur die persönlichen Erfahrungen, aus denen Geppert Ideen für ihre Spiele schöpft, auch Berlin selbst beflügelt die Entwicklerin: „Die Stadt hat für mich eine unglaublich starke kreative Energie. Es inspiriert mich schon, nur durch die Straßen zu schlendern und all die kleinen Kunstwerke zu entdecken, die ihre Bewohner überall anbringen. Seien es gestrickte ‚Socken‘ für Lampenmasten oder kleine Figürchen, die Yoga auf Straßenschildern machen.“

Die Schlaglichter, die die Gespräche mit den drei Entwicklern auf Berlin werfen, leuchten die Hauptstadt nicht nur als wichtigen Industriestandort, sondern darüber hinaus als farbenfrohes Kreativ-Biotop aus: Hier gedeiht eine gut vernetzte Branche, deren Mitglieder meist in direkter Nachbarschaft an ganz unterschiedlichen Projekten arbeiten und sich bei einer Vielzahl von Events austauschen und inspirieren können.

Hohe Mieten machen Probleme

Dennoch stellt Jörg Friedrich eine Entwicklung fest, die den Spielestandort Berlin auf Dauer gefährden könnte: „Über fast allen Firmen schwebt ein Damoklesschwert: die galoppierenden Mieten. Als Gewerbetreibender bekommt man nur noch befristete Verträge. Nach drei Jahren wird neu verhandelt. In Kreuzberg wurden viele Gewerbemieten zwischen 2017 und heute mehr als verdoppelt – wer das nicht stemmen kann, fliegt raus.“

Für viele Kreative sei das unbezahlbar, sagt Friedrich. Er befürchtet, dass diese Entwicklung viele seiner Branchenkollegen aus der Stadt treiben könnte: „Die Politik reagiert hier leider zu wenig oder mit Rezepten, die in der Old Economy funktioniert haben, aber nicht übertragbar sind: Gewerbeparks irgendwo im Speckgürtel mögen für mittelständische Handwerksunternehmen sinnvoll gewesen sein, aber für die neue digitale Kreativszene ist der ständige physische Austausch unabdingbar.“

Um diesen Austausch zu gewährleisten, müsse sich die Politik stärker für die Interessen der Berliner Kreativen einsetzen, damit auch in Zukunft „Games made in Berlin“ als Qualitätssiegel erhalten bleibt.

Am Montag beginnt die Games Week in Berlin. Alle wichtigen Infos finden sie unter gamesweekberlin.com.

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