Wegen Syrien-Offensive : Wie heftig die US-Sanktionen die türkische Wirtschaft treffen

Am Tag nach der Ankündigung von Trump reagieren die türkische Märkte erleichtert; sie hatten Schlimmeres erwartet. Langfristig dürften die Folgen härter sein.

So nah sind sie sich im Moment nicht: US-Präsident Donald Trump (l.) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Treffen im Juni 2019.
So nah sind sie sich im Moment nicht: US-Präsident Donald Trump (l.) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem...Foto: AFP

Es hätte alles noch schlimmer kommen können für die türkische Wirtschaft. Seit Tagen hatte US-Präsident Donald Trump immer wieder mit Sanktionen gegen die Türkei gedroht, um das Land für den Syrien-Einmarsch zu bestrafen. Trump sprach sogar von der „Vernichtung“ der türkischen Volkswirtschaft. Als Washington dann in der Nacht zum Dienstag das Sanktionspaket verkündete, reagierten die Märkte in der Türkei geradezu erleichtert. Vor allem die Tatsache, dass die Strafmaßnahmen nicht die türkischen Banken berühren, ließ Anleger am Bosporus aufatmen. Mittelfristig dürfte Trumps Sanktionen jedoch ihre Wirkung entfalten. Die Türkei ist als Investitionsstandort noch riskanter geworden. Das sehen auch deutsche Unternehmen so.

Thilo Pahl, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Türkischen Handelskammer in Istanbul, erwartet als Folge des Syrien-Einmarsches und der US-Sanktionen, dass die Mehrzahl der rund 7000 deutschen Firmen in der Türkei erst einmal keine zusätzlichen Investitionen anschieben werden. „Die meisten Unternehmen werden jetzt abwarten“, sagte Pahl dem Tagesspiegel. Die jüngsten Entwicklungen hätten „viel Unsicherheit in den Markt getragen“.

Um die Türkei zur Einstellung ihrer Offensive in Syrien zu zwingen, erheben die USA ab sofort Strafzölle von 50 Prozent auf türkische Stahleinfuhren. Zudem setzt Washington die Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit der Türkei aus, der den Warenaustausch zwischen den beiden Staaten von derzeit 20 Milliarden Dollar auf 100 Milliarden im Jahr anheben sollte. Außerdem wurden mehrere Minister der Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, darunter Verteidigungsminister Hulusi Akar, auf eine Schwarze Liste der US-Regierung gesetzt.

Die Lira legt wieder zu

Der Syrien-Einmarsch und die erwarteten Reaktionen der USA hatten türkische Marktteilnehmer in den vergangenen Tagen sehr pessimistisch gestimmt: Am Montag fielen die Börsenkurse in Istanbul so stark wie seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr. Doch am Dienstag erholte sich der Leitindex wieder – Trumps Strafen waren weniger harsch ausgefallen als befürchtet. Auch die Türkische Lira legte gegenüber dem Dollar an Wert zu. In der Türkei seien die Sanktionen längst eingepreist gewesen, weshalb es am Dienstag kein Schockerlebnis an den Märkten gegeben habe, sagte der Wirtschaftsexperte und Regierungskritiker Mustafa Sönmez dem Tagesspiegel.

Doch auch wenn der große Crash ausblieb: Die amerikanischen Strafmaßnahmen könnten die türkische Wirtschaft empfindlich treffen, warnte Pahl. Europa ist der wichtigste Exportmarkt der Türkei, und auch die USA gehören zu den bedeutenden Abnehmern: „Klar ist, dass Amerika für die Türkei wichtiger ist als umgekehrt.“ Besonders die Metallbranche, der Maschinenbau und der Automobilsektor seien betroffen. Russland als einer der wenigen verbliebenen Unterstützer der international inzwischen weitgehend isolierten Türkei könne als Abnehmer türkischer Exporte die Verluste nicht wettmachen.

Kurzfristig erwartet man in Istanbul keine allzu großen Auswirkungen durch die Trump-Sanktionen.
Kurzfristig erwartet man in Istanbul keine allzu großen Auswirkungen durch die Trump-Sanktionen.Foto: DPA

Nach dem letzten Streit mit den USA im vergangenen Sommer und Herbst, der zu einem dramatischen Absturz der Lira führte und die Inflation nach oben schießen ließ, war die türkische Wirtschaft in jüngster Zeit wieder auf dem Wege der Besserung. Die neue politische Krise sorgt jetzt erneut für Turbulenzen. Pahl rechnet damit, dass die Regierung in Ankara deshalb alles daran setzen wird, Gesprächskanäle zu wirtschaftlichen Fragen mit den Europäern und Amerikanern offen zu halten. Die Türkei brauche mehr Exporte, um ihre Leistungsbilanz zu verbessern. Auch nach der Krise des vergangenen Jahres habe Ankara die Kontakte mit Europa intensiviert. Ähnliches sei trotz der erheblichen politischen Spannungen zwischen der Türkei und ihren westlichen Partnern auch jetzt wieder denkbar. „In der Türkei ist immer viel möglich.“

27 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in der Türkei

Vorerst bleibt die Erdogan-Regierung jedoch bei ihrer harten Linie und will die Offensive in Syrien weiter vorantreiben. Damit bleiben auch die wirtschaftlichen Aussichten getrübt. Im US-Kongress wird der Ruf nach härteren Sanktionen gegen die Türkei lauter; nach Vorstellungen einiger republikanischer Parteifreunde von Trump könnte auch Erdogan persönlich mit Strafmaßnahmen belegt werden. Ob und wie die Verwerfungen bis zum geplanten USA-Besuch des türkischen Präsidenten in einem Monat ausgeräumt werden können, ist völlig unklar.

Fest steht dagegen, dass die Türkei einen neuen Imageschaden erlitten hat. International habe das Ansehen des Landes einen schweren Schlag erhalten, sagte Wirtschaftsexperte Sönmez. Die Türkei gelte bei ausländischen Investoren als besonders riskanter Anlagestandort, weshalb die türkische Regierung für neue Kredite hohe Zinsen zahlen müsse.

Auch wenn Trumps Sanktionen für die Erdogan-Regierung zunächst keine großen innenpolitische Nachteile bringe, sehe es mittelfristig anders aus, sagte Sönmez. Die Syrien-Intervention werde von vielen Türken aus Patriotismus unterstützt, „doch diese Welle wird nachlassen“, prophezeite Sönmez. „Irgendwann werden die Leute wieder mehr auf die Wirtschaftslage schauen.“

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Und dann werde sich für Erdogan und dessen Regierungspartei AKP kein gutes Bild ergeben, sagte Sönmez. Wie das türkische Statistikamt am Dienstag mitteilte, liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei mittlerweile 27 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie die durchschnittliche Erwerbslosigkeit von knapp 14 Prozent. Mehrere drastische Preisanhebungen bei Strom und Gas machen den Verbrauchern ebenfalls zu schaffen, die Inlandsnachfrage lässt deutlich nach. Der Einzelhandel verbuchte nach den jüngsten offiziellen Zahlen einen Verkaufsrückgang von mehr als vier Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr.

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