Werbung von H&M, C&A und Zalando : Wenn „nachhaltig“ auf dem nicht-nachhaltigen T-Shirt steht

Experten sehen in vielen Angeboten Greenwashing, die Unternehmen widersprechen. Verbraucherschützer fordern, den Begriff „nachhaltig“ rechtlich zu schützen.

Viele Modeketten haben inzwischen Kollektionen herausgebracht, die nachhaltig produziert worden sein sollen.
Viele Modeketten haben inzwischen Kollektionen herausgebracht, die nachhaltig produziert worden sein sollen.Foto: Bild ohne Text

Es ist inzwischen sieben Jahre her, dass H&M das Thema Nachhaltigkeit entdeckt hat. Seitdem bringt die Modekette ein- bis zweimal im Jahr eine sogenannte „Conscious Collection“ heraus, eine Modelinie, die nachhaltig produziert sein soll. Zudem können Kunden ihre alten Klamotten zum Recyclen in den Filialen abgeben. Gemeinsam, so bewirbt der schwedische Konzern das Angebot, könne man „den Kreis der Mode schließen“.

Auch andere große Marken wie C&A oder Zalando haben das Thema Nachhaltigkeit entdeckt und bewerben entsprechende Angebote offensiv. Doch hält das, was hier als nachhaltig angepriesen wird, was es verspricht oder hat die Modebranche stattdessen das Greenwashing entdeckt?

Nachgefragt beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Dort arbeitet Verena Bax als Referentin für Umweltpolitik. Auf Tagesspiegel-Nachfrage hat sie sich die ConsciousCollection von H&M genauer angeschaut. Ihr Urteil ist deutlich: „Die H&M Conscious Collection ist aus meiner Sicht nicht ökologisch nachhaltig.“ Dennoch lobt sie die Kollektion als „kleinen Schritt in die richtige Richtung“. „Doch die Modelinie erfüllt ökologische Nachhaltigkeitskriterien nicht vollumfänglich“, erklärt Bax. „So ist der Anbau der Baumwolle beim Bio-Label zwar biologisch, doch die Weiterverarbeitung nicht.“

Bei dieser werde viel Chemie wie zum Beispiel Bleichmittel oder Weichmacher eingesetzt und damit sowohl das Wasser als auch die Luft verunreinigt. Auch die Better Cotton Initiative, der sich die H&M Conscious Collection verpflichtet, bietet aus Nabu-Sicht wenig Mehrwert. „Denn hier kann auch Gentechnik eingesetzt werden“, meint Bax und kritisiert weiter: „Ohnehin ist der Anteil der Conscious Collection am Gesamtgeschäft recht klein.“

H&M hat 20.649 Tonnen Kleidung recycelt

H&M sieht das etwas anders. Auf Nachfrage verweist eine Sprecherin darauf, dass 95 Prozent der Baumwolle und insgesamt 57 aller Materialien bei H&M nachhaltig gewonnen würden. Zudem experimentiere man mit „innovativen nachhaltigen Materialien“. So sei im vergangenen Jahr etwa recyceltes Silber verwendet worden oder auch eine zu 100 Prozent regenerierte Nylonfaser aus Fischernetzen und anderen Abfällen. In diesem Jahr seien Stoffe aus Ananasblättern, Algen und Orangenschalen hinzugekommen.

Auch den Vorwurf, abseits der Conscious Collection nicht nachhaltig zu produzieren, wollen die Schweden nicht auf sich sitzen lassen. „Losgelöst von unserer Conscious Collection haben wir das ganze Jahr über in all unseren Abteilungen Produkte aus nachhaltigen Materialien im Sortiment“, teilt H&M mit.

Zudem sei in diesem Frühjahr zum ersten Mal eine saisonale Kollektion gelauncht worden, die komplett aus nachhaltigen Materialien wie Bio-Baumwolle, recyceltem Polyester und Tencel gefertigt war. Nach eigenen Angaben hat H&M überdies im vergangenen Jahr weltweit 20.649 Tonnen Textilien zur Wiederverwertung eingesammelt. Das entspräche rund 103 Millionen T-Shirts. In Deutschland seien seit dem Start der Recycling-Initiative im Frühjahr 2014 insgesamt 9568 Tonnen Klamotten gesammelt worden.

"Hier werden teils krebserregende Chemikalien verwendet"

Doch die Nabu-Expertin kann das nicht überzeugen. Auch Recycling ist aus ihrer Sicht kein Allheilmittel. „Die Wiederverwertung ist zwar eine gute Idee, aktuell aber noch sehr schwer umsetzbar“, erklärt Bax. Denn es sei ausgesprochen schwierig, Fasermixe zu trennen. „Wenn ein T-Shirt etwa aus Baumwolle und Polyester ist, braucht es im Moment sehr viel Chemie, um das zu trennen“, sagt Bax. „Derzeit gibt es in Europa nur eine Anlage, die das in großem Stil und hoher Qualität kann. Doch auch hier werden teils krebserregende Chemikalien verwendet.“ In Deutschland gebe es nur Recyclinganlagen, die ein Downcycling betreiben. Das heißt, die Fasern verlieren dabei an Qualität, sodass sie nicht mehr für T-Shirts verwendet werden könnten.

Ohnehin würden auch recycelte Produkte an dem Fast-Fashion-Prinzip nichts ändern. „Das Recycling bei H&M ist ein guter Ansatz zur Etablierung einer Kreislaufwirtschaft“, findet Bax. „Allerdings bekommt jeder Kunde dort für seine Altkleider einen Gutschein, wodurch nur noch mehr Konsum angeregt wird.“ Auch wenn Klamotten ökologisch und sozial korrekt hergestellt wären, hielten sie trotzdem nicht länger, hätten keine höhere Qualität und würden zu kurz genutzt, meint Bax. „Sie werden Teil des Wegwerf-Kreislaufs und verschwenden daher Ressourcen.“

Auch wenn die Baumwolle Bio-Qualität hat, heißt das noch nicht, dass das gesamte Kleidungsstück als nachhaltig bezeichnet werden kann.
Auch wenn die Baumwolle Bio-Qualität hat, heißt das noch nicht, dass das gesamte Kleidungsstück als nachhaltig bezeichnet werden...Foto: Getty Images

Doch auch andere Ketten haben sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Online-Händler Zalando führt nach eigenen Angaben 15.000 als nachhaltig gekennzeichnete Artikel. „Von Premiummarken wie Filippa K zu bis zu Denim von Nudie Jeans“, sagt eine Sprecherin. Insgesamt verzeichnet Zalando über 40.0000. Auch C&A hat mit #WearTheChange ein explizit nachhaltiges Label eingerichtet. Doch auch das bezeichnet Bax als „lasch“. „An die Verarbeitung sind, ähnlich wie bei H&M, keine hohen nachhaltigen Ansprüche gestellt“, so die Nabu-Expertin. „Zudem sind bei beiden Initiativen soziale Aspekte außen vor.“

Auch Verbraucherschützer sind mit der Art, wie nachhaltige Mode derzeit angeboten wird, nicht zufrieden. „Problematisch ist, dass Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit den Produktionsbedingungen in der Textilbranche kein rechtlich geschützter Begriff ist“, sagt Kathrin Krause vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). „Jeder Produzent kann seine Kleidung nachhaltig nennen, selbst wenn nur ein winziger Teil der Herstellung ökologisch oder sozial besser produziert wurde.“ Als Vorbild für den Schutz des Begriffs könne das Biosiegel für Lebensmittel gelten. „In der Lebensmittelindustrie darf „Biologisch erzeugt“ nur bei Einhaltung der EG-Öko Verordnung genutzt werden“, erklärt Krause.

Der Grüne Knopf soll Klarheit bringen

Dass die Werbung mit dem Begriff der Nachhaltigkeit mitunter zu weit geht, hat der vzbv erst im April vor Gericht bestätigt bekommen. Galeria Kaufhof hatte einen Bügel-BH damit beworben, er sei „besonders umweltfreundlich und/oder sozialverträglich hergestellt worden“. Was genau das bedeutet, wurde jedoch nirgendwo erklärt. Das Landgericht Köln erkannte darin unlauteren Wettbewerb, da Verbraucher ohne jegliche Erläuterung keine informierte Kaufentscheidung treffen könnten. „Wenn Unternehmen solch irreführenden Werbeaussagen verwenden, betreiben sie Green- und Social-Washing“, so Krause.

Auch die Politik will den Verbrauchern einen besseren Überblick ermöglichen. Allerdings ohne neue Gesetze, dafür mit einem weiteren Siegel. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) will am Montag den sogenannten Grünen Knopf vorstellen, ein Label, das künftig an allen nachhaltig hergestellten Textilien angebracht sein soll. Unternehmen müssen sich dafür bewerben, anschließend prüfen private Firmen wie der Tüv, ob die Bewerber alle 26 Kriterien auf sozialer und ökologischer Ebene einhalten. Schon jetzt regt sich in der Branche allerdings Widerstand, weil auch Firmen wie Kik dem Vernehmen nach vor einer Zulassung stehen, die bisher nicht gerade als Umweltschützer aufgefallen waren.

Dabei muss nachhaltige Mode beileibe nicht teuer sein. Sagt jedenfalls Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende des Netzwerks Femnet, das sich für faire Arbeitsbedingungen von Näherinnen einsetzt. „Klar, ein nachhaltiges T-Shirt kann nicht nur drei Euro kosten“, räumt sie ein. „Doch die Lohnkosten machen schließlich nur ein Prozent des Verkaufspreises aus.“ Die großen Ketten haben daher aus ihrer Sicht genug Spielraum, auskömmliche Löhne an ihre Textilarbeiterinnen zu zahlen.

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