Zoff um Zölle : „Die USA gestalten das Recht so, wie sie es brauchen“

Heinz Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender der Salzgitter AG, über Donald Trump, die Folgen der Zölle für den Stahlkonzern und Geschäfte mit Russland.

Der zweitgrößte deutsche Stahlkonzern wird seit 2011 von Heinz Jörg Fuhrmann geführt.
Der zweitgrößte deutsche Stahlkonzern wird seit 2011 von Heinz Jörg Fuhrmann geführt.Foto: dpa

Herr Fuhrmann, vor einem guten Jahr hielten Sie „die ganze Trumpomanie für überzogen“. Sehen Sie das heute noch so lässig?

Nein. Damals habe ich noch ein erfrischendes Element in Herrn Trump gesehen, der nicht zum politischen Establishment in den USA gehört, das ja zu Teilen ziemlich verbraucht wirkt. Die von mir erhofften positiven Impulse sind jedoch nicht eingetreten. Im Gegenteil: In der Handelspolitik erleben wir, wie auch in der Außenpolitik, die vollständige Abkehr vom Multilateralismus.

Ihr Unternehmen wurde von den Amerikanern bereits vor einem Jahr mit Strafzöllen belegt. Der Schaden hält sich in Grenzen, aber wie ist der Stand des Verfahrens?
Wir sind in den Mühen der Ebene und haben in den USA Klage gegen den Zoll erhoben. Das Verfahren läuft. Es geht dabei um Grobblech, für das uns unterstellt wird, wir hätten es hier im Euroraum generell zu einem höheren Preis als in den USA verkauft. Man bezieht sich dabei allerdings auf einen Einzelfall, bei dem ein aufwendig weiterverarbeitetes Grobblech mit entsprechendem Preisaufschlag verkauft worden ist. Daraus leiten die Amerikaner nun WTO-widrig einen Fall von Preisdumping her, was überhaupt nicht zutreffend ist.

Warum gehen die US-Handelspolitiker dann so brachial dagegen vor?
Es ist eine absichtsvolle Gestaltung von Recht und Politik.

Wenn es mit rechten Dingen zugeht, dann muss der Zoll zurückgenommen werden?
Genau.

Südkorea und Brasilien liefern nur noch bestimmte Kontingente Stahl in die USA und haben dadurch Zölle vermieden. Hätte sich auch die EU darauf einlassen sollen?
Ursprünglich habe ich mit einer Kontingentlösung sympathisiert, doch meine Bedenken sind zunehmend größer geworden. Harte Quoten sind nämlich kaum praktikabel und bieten zudem keine Basis für regelmäßige Lieferungen. Ich halte vielmehr die Position der EU für richtig: Mit Druck und Drohungen lassen wir uns nicht an den Verhandlungstisch zwingen. In diesem Fall agiert Brüssel entschlossen und auch klug.

Wie stark werden die neuen Zölle Salzgitter belasten?
Unsere direkte Betroffenheit ist gering. Wir wiederholen unsere Forderung an die EU-Kommission, kurzfristig geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die EU-Stahlindustrie vor umgelenkten Stahlmengen zu schützen. Aus manchen Ländern sind die Importe in die EU bereits deutlich angestiegen, so zum Beispiel aus der Türkei. Dies könnten durchaus Umlenkungsmengen aufgrund der angekündigten US-Maßnahmen sein. Die Importe in die EU sind jedenfalls auf einem Rekordniveau. Das war vor ein paar Jahren auch so, als die Chinesen den EU- Markt mit riesigen Mengen überschwemmt haben.

Jetzt nicht mehr?
Nein. Die Antidumpingmaßnahmen der EU haben gewirkt, und die Importe aus China haben sich verringert.

Die Überkapazitäten im Stahl werden weltweit auf rund 580 Millionen Tonnen geschätzt, etwa 60 Prozent davon in China. Wie groß ist das Problem in Europa?
Weniger als 25 Millionen Tonnen. Wenn die Konjunktur in der EU sich weiterhin moderat entwickelt und es gelingt, die Importe nicht permanent steigen zu lassen, dann ist das Thema ungenutzter Kapazitäten in Europa in fünf bis sieben Jahren womöglich erledigt.

2015 haben Sie gesagt, die Krise der Stahlindustrie werde noch einige Jahre dauern, doch dann hat Salzgitter bereits 2017 einen Vorsteuergewinn von 240 Millionen erreicht. Was ist passiert?
Das Problem mit dem chinesischen Stahl in der EU hat sich entspannt, das hat geholfen. Doch das Stahlgeschäft bleibt fragil, weshalb wir ja auch vor Umleitungseffekten warnen.

Sie haben nach eigener Aussage in den vergangenen 20 Jahren acht Stahlkrisen erlebt und nur einen Boom. Gibt es jetzt den zweiten Aufschwung?
Der Markt ist in einer ordentlichen Verfassung, aber ein Boom ist das noch lange nicht. Wenn der europäische Markt so abgeschottet wäre wie der US-amerikanische, dann ginge es uns deutlich besser.

Immerhin hat die EU beim CO2-Zertifikatshandel auf die Belange der Branche Rücksicht genommen.
Es ist nicht so schlimm gekommen wie befürchtet, aber schlimmer als erhofft. Wir haben in Europa einen CO2-Zertifikatshandel, den es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Im nächsten Jahrzehnt müssen wir mit einer Verdoppelung der Kosten rechnen, die durch die Energie- und Umweltpolitik verursacht werden. Das ist bei uns ein zweistelliger Millionenbetrag jedes Jahr.

Berlin und Brüssel nehmen nicht genug Rücksicht auf die Industrie?
Ja. Die Industrie bietet 3,5 Millionen direkte Arbeitsplätze, die überwiegend hochqualifiziert und trotz eines harten internationalen Wettbewerbs gut bezahlt sind. Die notwendige Konkurrenzfähigkeit übersehen Politiker gerne bei der Verteilung von Zusatzlasten.

Was erwarten Sie von der Regierung?
Es wäre schön, wenn mal für eine gewisse Zeit keine neue „energiepolitische Sau“ durchs Dorf getrieben würde. Es gab in den letzten zehn Jahren nicht ein Jahr ohne umweltpolitische Themen, die für uns im schlimmsten Fall existenzbedrohende Folgen hätten haben können. Energie und Rohstoffe machen mehr als zwei Drittel unserer Kosten aus. Wir investieren für viele Jahrzehnte und brauchen dafür Investitions- und Rechtssicherheit.

Thyssen-Krupp legt den Stahlbereich mit Tata zusammen und will sich dann auf das Industriegeschäft konzentrieren. Warum macht das Salzgitter nicht auch?
Weil wir unserer DNA nach ein Stahlkonzern sind und es erfolgreich beherrschen, uns mit dem Auf und Ab der Stahlkonjunktur zu bewegen. Die Salzgitter AG definiert sich somit als diversifiziertes Stahl- und Technologieunternehmen und wird das auch bleiben.

Sie gehen aber davon aus, dass Wachstum nur noch außerhalb des Stahls möglich ist.
Das gilt für quantitatives Wachstum. Dies erzielen wir zum Beispiel in den Bereichen Handel, Mannesmann und Technologie. Qualitativ ist mit Stahl noch viel möglich. Dieser Werkstoff ist die Basis der Industrie, wir entwickeln ihn weiter und produzieren spezialisierte Stahlgüter. Die Vielfalt an hochqualitativem Stahl ist heute doppelt so groß wie vor 20 Jahren. Stahl ist nach wie vor der wichtigste Werkstoff für die Autoindustrie.

Viele Anlagen stammen aus den 1930er Jahren. Wie lange geht das noch gut?
Das ist nicht richtig. Wir betreiben in Salzgitter eines der weltweit modernsten und effizientesten Hüttenwerke. Unsere Hallen stammen zum Teil aus dieser Zeit – aber doch nicht die Anlagen. Wir haben in den letzten Jahren Hunderte von Millionen Euro investiert. In Elektronik und Hydraulik, in die Prozesse, Logistik und vieles mehr. Ein stillgesetzter Hochofen wurde wieder in Betrieb genommen. Zurzeit planen wir eine dritte Feuerverzinkungsanlage für qualitativ hochwertige Bleche, unter anderem für die Autoindustrie. Wir investieren auf hohem Niveau. Und der Stahl trägt deutlich mehr als die Hälfte zu unserem Gewinn bei.

Dann gibt es bald wieder einen Boom wie 2004 bis 2008?
Vielleicht 2050. Im Ernst: Das hängt ganz stark von den Preisen ab. In den USA ist die Tonne Stahl derzeit rund 200 Euro teurer als in Europa. Die rigiden Handelsschutzmaßnahmen, die es in den USA auch schon vor Trump gab, wirken. Mit solchen Preisen könnten wir Ergebnisse wie während des Booms erzielen.

Am Ende zahlt der Kunde die sogenannten Handelsschutzmaßnahmen.
So ist das. Die weiterverarbeitenden Industrien wie der Fahrzeug- und Maschinenbau oder auch die Bauindustrie müssen in den USA den teuren Stahl zahlen. Dagegen ist die EU der größte offene Stahlmarkt der Welt, was ich im Grundsatz auch nicht beanstanden will.

Sie haben 2014 Siemens-Chef Kaeser verteidigt, als der trotz Krimkrise Putin besuchte. Ist die EU zu kritisch mit Moskau?
Als Staatsbürger halte ich es für ganz wichtig, dass wir mit unseren Nachbarn in einem gedeihlichen Dialog bleiben. Es gilt auch hier: Niemand hat zu 100 Prozent recht oder unrecht. Wenn ich an das von Russland monierte Verschieben der Nato- Grenze – entgegen aller Zusagen – denke, wenn ich daran denke, wie die USA Luftwaffen- und Flottenbasen überall auf der Welt beanspruchen, dann muss ich das Verhalten der Russen zumindest auch dialektisch würdigen.

Welche Geschäfte macht Salzgitter mit den Russen?
Wir waren bei Nord Stream I, South Stream sowie jetzt bei Nord Stream II als Lieferant der Röhren beteiligt, und das läuft alles störungsfrei.

Gibt es Beziehungen zum Iran?
In den jüngst von den USA sanktionierten Geschäftsfeldern nicht. Das Anstreben außenpolitischer Ziele über wirtschaftlichen Druck zulasten von Verbündeten und Freunden und zugunsten von Chinesen und Indern ist schon erstaunlich. Die tägliche Wettervorhersage hat einen Zuverlässigkeitshorizont von 72 Stunden, aber die maßgeblichen Entscheidungen der Weltpolitik werden alle 24 Stunden neu getroffen. Das ist – neben allem anderen – auch lästig für uns, denn rund 25 Prozent unserer Geschäfte wickeln wir außerhalb der EU ab.

Haben Sie Angst vor dem Brexit?
Nein.

Italien?
Italien war schon immer anders.

Und Ihre Meinung zu Macron?
Im Kern positiv. Zu simpel wäre es, die französische Vision mit deutschem Geld zu finanzieren. Aber viele seiner Ideen sollten aufgegriffen werden. Das Ergebnis könnte gut für die EU sein.

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