Zu faul zum Schälen : Die Deutschen meiden die Kartoffel

Die Deutschen essen immer weniger Kartoffeln. Landwirte wollen das mit ausgefallen Sorten ändern.

Marie Just
Bodenschatz. Die Rote Emmalie fällt allein schon durch ihre Farbe auf. Sie ist die „Kartoffel des Jahres“.
Bodenschatz. Die Rote Emmalie fällt allein schon durch ihre Farbe auf. Sie ist die „Kartoffel des Jahres“.Foto: dpa

Sie ist der Exot unter den Knollen. Schon durch ihre rötliche Schale sticht sie heraus, aufgeschnitten fällt die „Rote Emmalie“ erst recht auf: Ihr Fleisch ist rosa, fast lilafarben. Und auch sonst ist die „Rote Emmalie“ eine Besonderheit. Denn sie stammt nicht wie so viele Kartoffelsorten aus dem Zuchtlabor eines Saatgutkonzerns, sondern von einem Hof in der Lüneburger Heide. Dort hat Bio-Bauer Karsten Ellenberg sie gezüchtet und dafür verschiedene Kartoffelsorten aus Frankreich, Schottland und Peru gekreuzt. Ihre Farbe verdankt Emmalie dem Pflanzenfarbstoff Anthocyan, der in ähnlicher Ausprägung auch in Erdbeeren und Himbeeren vorkommt. Der Aufwand hat sich für Bauer Ellenberg gelohnt: Seine „Rote Emmalie“ ist am Donnerstag zur Kartoffel des Jahres gekürt worden.

Ziel dieses Wettbewerbs, den ein Arbeitskreis aus Unternehmen, Agrar- und Umweltorganisationen jährlich auslobt, ist es, die Vielfalt der Kartoffelsorten hervorzuheben. Denn obwohl es weltweit noch über 2000 Sorten gibt, von denen in Deutschland 200 zugelassen sind, kennen die Verbraucher die wenigsten.

Über zehn Millionen Tonnen Kartoffeln ernten Landwirte jedes Jahr

Dabei ist die Bundesrepublik eigentlich ein Kartoffelland. Das merkt man allein schon an all den Namen, die das Nachtschattengewächs hier hat. Manche nennen die Kartoffel Ärpel, Bramburi, Erdapfel, Flezbrin, Grübling oder Krumbeer. Auch werden hierzulande noch immer so viele Knollen geerntet wie sonst in keinem anderen Land der EU. Über zehn Millionen Tonnen Kartoffeln ziehen die deutschen Landwirte jedes Jahr aus dem Boden – wovon 70 Prozent allerdings ins Ausland gehen.

Der Grund: Die Liebe der Deutschen zur Kartoffel ist etwas eingeschlafen. Durfte sie früher bei keiner Mahlzeit fehlen, sei es als Püree, Salz- oder Pellkartoffel, kommt sie heute sehr viel seltener auf den Tisch. Hat jeder Deutsche noch 1950 im Schnitt 202 Kilogramm Kartoffeln pro Jahr verspeist, sind es heute lediglich 53 Kilogramm. Noch dazu verspeisen die Deutschen mehr als die Hälfte davon in verarbeiteter Form – als Fertigpüree, Pommes oder Chips. Ein Trend, der sich in den letzten zehn Jahren verstärkt hat: Der Konsum von Speisekartoffeln ist in dieser  Zeit noch einmal deutlich zurückgegangen, während Fertigprodukte an Beliebtheit gewonnen haben.

Neue Sorten sollen die Lust auf die Kartoffel wecken

Experten erklären sich das vor allem mit dem Aufwand. Kartoffeln muss man schließlich schälen, während man FertigPommes einfach aufs Blech schüttet. Die Kartoffel, einst der Liebling der Deutschen, hat also ein Imageproblem. Kartoffelbauern bereitet das Sorgen. Sie tun inzwischen einiges, um den Deutschen die Speisekartoffel wieder schmackhaft zu machen. Neben Klassikern wie Linda, Sieglinde oder Annabelle bringen sie deshalb vermehrt wieder alte, fast vergessene Sorten wie Hermanns Blaue, Ackersegen oder Shetland Black auf den Teller.

„Es gibt in Europa noch etwa tausend zugelassene Sorten, aber auf dem Markt sind nur eine Handvoll“, beklagt auch Landwirt Karsten Ellenberg. Die Schuld gibt er dafür zum Teil dem Handel, der vor allem auf den Preis achte. Dabei geht es seiner Ansicht nach bei der Wahl der richtigen Kartoffel um sehr viel mehr. Robustheit, Ertrag, Lagerfähigkeit – all das macht für ihn eine gute Knolle aus. Der Rest ist Geschmackssache. Wie beim Wein gebe es für jeden die richtige Sorte. Mag es der eine eher nussig, schmeckt dem anderen eine buttrige Kartoffel besser. Auch gibt es Sorten, deren Geschmack eher fruchtig, speckig oder würzig ist – ganz abgesehen von der Frage, ob man je nach Zubereitungsart nach einer mehligen, festkochenden oder vorwiegend festkochenden Kartoffel greift.

Um die Sorte Linda gab es Streit

Ellenberg selbst mag am liebsten die bunten Sorten, von denen er gleich mehrere anbaut: Neben der Roten Emmalie sind das zum Beispiel die Blaue Eliese, Violetta und Heiderot. Um solch ausgefallene Sorten zu züchten, gibt er auch schon mal etwas mehr Geld aus. „Ich möchte selbst entscheiden, was ich anbauen und verkaufen will“, sagt er. „Da möchte ich mir nichts von Saatgutkonzernen vorschreiben lassen.“

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Dass der Landwirt das ernst meint, hat er bereits bewiesen – im Streit um die Sorte Linda. 2005 hatte der Saatguthersteller Europlant die Kartoffel beim Bundessortenamt abgemeldet. Der Grund: Die Erträge waren gering und durch das Auslaufen des Schutzrechts hätte der Konzern daran nicht mehr viel verdient. Bauer Ellenberg wollte Linda aber weiterhin anbauen und gründete deshalb den „Rettet-Linda-Freundeskreis“. Nach Jahren des Streits und diversen  Gerichtsterminen erreichte der in Großbritannien eine erneute Zulassung für Linda. Noch heute hat Ellenberg die Sorte im Angebot. Allein schon aus Protest. mit dpa

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