• Agenda für Macrons Europäische Universitäten: Kosmopolitisch, werteorientiert, offen

Agenda für Macrons Europäische Universitäten : Kosmopolitisch, werteorientiert, offen

Wie lässt sich der Vorschlag des französischen Staatspräsidenten umsetzen, Europa-Unis zu gründen? Mit einer globalen Perspektive und mit Beteiligung der Bürgergesellschaft, meint unsere Gastautorin.

Angela Borgwardt
Nationalflaggen verschiedener europäischer Länder vor dem Europäischen Parlament in Brüssel als Symbol für künftige Europäische Universitäten.
Flagge zeigen. Die neuen Europa-Unis könnten als unabhängige Orte des offenen Diskurses und der kritischen Reflexion eine breite...Foto: IMAGO

Die europäische Idee ist in eine Krise geraten. Sichtbare Zeichen sind zunehmender Rechtspopulismus und Nationalismus in der Europäischen Union, aber auch das Votum für den Brexit. Immer lauter werden europafeindliche Stimmen, die die Brüsseler Politik als überbürokratisiert und bürgerfern kritisieren, bis hin zur Forderung nach einem Ende der EU.

Dabei gerät aus dem Blick, dass das europäische Projekt eine einzigartige Erfolgsgeschichte ist: Ehemals verfeindete, sich bekriegende Nationalstaaten leben heute in Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand zusammen. Diese Errungenschaften gilt es zu verteidigen. Zugleich muss die europäische Einigung weiterentwickelt werden. „Europa gibt es nicht, es gibt nur Europäisierung, verstanden als institutionalisierter Prozess der Dauerveränderung“, schrieben Ulrich Beck und Edgar Grande 2014 in ihrem Buch „Das kosmopolitische Europa“. Die transnationale europäische Gesellschaft basiere darauf, Andersheit anzuerkennen und bleibe offen dafür, sie weiter auszugestalten.

Hochschulen als ureigene europäische Erfindung

Die wesentlichen Zutaten sind dabei grenzüberschreitender Austausch und enge Zusammenarbeit. Was wäre dafür besser geeignet als die Wissenschaft? Hochschulen als ureigene europäische Erfindung können die Europäisierung vorantreiben, was die Erfolge des EU-Mobilitätsprogramms Erasmus+ und der europäischen Hochschul- und Forschungskooperationen eindrucksvoll zeigen.

Die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Angela Borgwardt.
Unser Gastautorin, die Politikwissenschaftlerin und Publizistin Angela Borgwardt.Foto: privat

Durch die Gründung Europäischer Hochschulen aus EU-Mitteln könnte das europäische Projekt gestärkt und erneuert werden. Dieser Vorschlag des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron im Herbst 2017 hat die Debatte darüber befeuert, wie solche Hochschulen aussehen könnten. Als Gemeinsamkeit bisheriger Ideen zeigt sich, dass eine besondere Intensität der innereuropäischen Zusammenarbeit und des wissenschaftlichen Austauschs als entscheidend betrachtet wird. Studierende, Lehrende und Forschende sollten längere Zeit an anderen europäischen Hochschulen verbringen. Wichtig seien zudem integrierte Studiengänge mit gemeinsamen Abschlüssen, Europaprofessuren, ein europäischer Kernbereich im Curriculum, europäische Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt. Bei Hochschulkooperationen und Forschungsverbünden sollten gezielt europäische Partner einbezogen werden.

Europäisches Profil mit verantwortungsvollem Weltbürgertum verbinden

Sicherlich wären diese Aspekte für Europäische Hochschulen zentral. Doch müssten weitere hinzukommen, um das europäische Projekt nachhaltig und in der Breite zu verankern.

Erstens sollten Europäische Hochschulen ein europäisches Profil mit verantwortungsvollem Weltbürgertum verbinden, um ihre spezifische Stimme in einer globalisierten Welt einzubringen und zugleich eine eurozentristische Perspektive zu vermeiden. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel oder globale Armut können nur in internationaler, interdisziplinärer Zusammenarbeit gelöst werden. Sinnvoll könnte ein Qualitätslabel für Europäische Hochschulen mit definierten Merkmalen sein, ergänzt durch das unverzichtbare Kriterium der Wissenschaftsfreiheit, die in vielen Ländern immer mehr unter Druck gerät.

Zweitens müsste eine Europäische Hochschule ein werteorientierter Gegenentwurf zu einem ökonomisierten Hochschulmodell sein, in dem Bildung und Forschung auf wirtschaftliche Verwertungsmöglichkeiten reduziert wird. Im Sinne ganzheitlicher Bildung sollten sich die Studierenden nicht nur fachliche und wissenschaftliche Kompetenzen für die Berufsausübung aneignen, sondern auch (inter)kulturelle und soziale Fähigkeiten sowie humanistische Grundwerte. Ein besonderes Gewicht hätte die Entwicklung junger Menschen zu mündigen, verantwortungsvollen, kritisch reflektierenden und schöpferischen Persönlichkeiten, die bereit sind, sich für die Demokratie und das Gemeinwohl zu engagieren.

Die Bürger an Lehr- und Forschungsprojekten beteiligen

Drittens sollten Europäische Hochschulen die Bürgergesellschaft stärken, indem sie neben ihren Kernaufgaben von Forschung und Lehre ihre Third Mission ernst nehmen, sich stärker in die Gesellschaft öffnen und „offene Wissenschaft“ (Open Science) betreiben. Wissenschaftliche Ergebnisse sind der Öffentlichkeit zu vermitteln, doch müssen den Bürgerinnen und Bürgern auch Möglichkeiten geboten werden, sich an Lehr- und Forschungsprojekten zu beteiligen – nicht zuletzt, um dem schwindenden Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft entgegenzuwirken und die fundierte Argumentation gegenüber „Fake News“ zu stärken. Die Digitalisierung bietet hier Chancen für mehr Transparenz und neue Teilhabe- und Zugangswege zu inklusiver Bildung.

Als unabhängige Orte des offenen Diskurses und der kritischen Reflexion würden Europäische Hochschulen eine breite gesellschaftliche Debatte über europäische Werte anstoßen und notwendige Veränderungen in der EU thematisieren. So könnten sie als Keimzellen einer neuen gesellschaftlichen Europäisierungsbewegung maßgeblich dazu beitragen, dass mehr Bürgerinnen und Bürger das europäische Projekt als ihres annehmen und aktiv mitgestalten.

Die Autorin ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin. Unlängst erschien von ihr ein Essay zum Thema: „Doing European!“ – Wie Hochschulen das europäische Projekt befördern können (Debattenbeitrag zur Konferenz „Wissenschaft hält Europa zusammen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Studienförderung).

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