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Arbeiten im Rentenalter: Das macht hauptsächlich Männer glücklich
Wer nach dem offiziellen Renteneintrittsalter weiterarbeitet, ist oft glücklicher. Doch dieser Effekt tritt vor allem bei Menschen auf, die ihren Job mögen, gut verdienen oder sich stark über ihre Arbeit definieren.
Stand:
70 Jahre ist Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich geworden, also eigentlich schon lange ein Fall für die Rente. Doch der CDU-Mann will weiterarbeiten, und das könnte ihn und andere laut einer aktuellen Studie gesünder und zufriedener machen. Allerdings gilt das nicht für alle gleichermaßen.
Für ihre Analyse griffen die israelischen Forscherinnen auf Befragungen von mehr als 5200 Landsleuten zurück, die sich kurz vor oder nach dem Renteneintritt befanden. Abgefragt wurden unter anderem die Zufriedenheit mit ihrer familiären und finanziellen Situation, das allgemeine Lebensglück und ihr emotionales Wohlbefinden: ob sie etwa viel grübeln, schlaflos sind und von depressiven Zuständen geplagt werden.
Alle Teilnehmer leben in Israel, wo rund ein Drittel der 65- bis 70-Jährigen trotz Rentenanspruchs in irgendeiner Form weiterarbeitet. Hierzulande liegt die Quote bei 20 Prozent.
Das Ergebnis der Studie: Die „Silverworker“ sind zufriedener mit ihrem Leben. Und im Bereich der Familie erleben das vor allem diejenigen, die Vollzeit arbeiten und besser verdienen. „Damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt Studienleiterin Alisa Lewin von der Universität Haifa. Denn ein Fulltime-Job lasse weniger Zeit für die Familie, während der gute Verdienst insgesamt die Ansprüche, also auch an die Familie, hochschraube.
Emotional profitieren vor allem Männer vom Weiterarbeiten. Sie zeigen eine größere psychische Stabilität als Gleichaltrige, die mit der Rente aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Eine mögliche Erklärung: Männer definieren sich traditionell stärker über ihren Beruf als Frauen. Lewins Fazit lautet deshalb: „Arbeit nach Erreichen des Rentenalters kann zu einem gesunden Altern beitragen und den Übergang in den Ruhestand erleichtern, insbesondere für Männer.“
„Wir haben hierzulande – ohne eine Differenzierung der Geschlechter – eine ähnliche Situation vorgefunden“, berichtet Ruth Maria Schüler vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. In ihrer zusammen mit Jennifer Potthoff vorgelegten Studie zeigte sich, dass jemand, der im Alter noch erwerbstätig ist, zufriedener ist als die klassischen Ruheständler.
„Besonders stark unterscheidet sich jedoch die Lebenszufriedenheit der Silverworker von jenen Personen, die sich in den letzten fünf Jahren vor ihrem Renteneintritt befinden und nicht mehr arbeiten“, so Schüler. Demgegenüber sei ihre Lebenszufriedenheit tatsächlich um 8 Prozent höher.
Als Erklärung für die höhere Zufriedenheit und bessere Gesundheit der erwerbstätigen Rentner bemühen Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler gerne einen Begriff aus der Darwin‘schen Evolutionstheorie: die Selektion.
Arbeit nach Erreichen des Rentenalters kann zu einem gesunden Altern beitragen und den Übergang in den Ruhestand erleichtern, insbesondere für Männer.
Soziologin Alisa Lewin von der Universität Haifa in Israel
Denn kurz vor dem Erreichen des Rentenalters findet man noch viele, die arbeiten müssen, obwohl sie gar nicht mehr wollen. Danach verschwinden sie jedoch weitgehend aus dem Erwerbsleben, während überwiegend jene zu Silverworkern werden, denen die Arbeit vorher schon Spaß gemacht hat. „Wir wissen aus anderen Studien, dass finanzielle Gründe nachrangig sind, wenn jemand weiterarbeitet“, erläutert Schüler. Ausschlaggebende Gründe seien Spaß an der Arbeit und die damit einhergehenden sozialen Kontakte.
Wer hingegen nicht mehr weiterarbeitet, dem droht laut einer Studie der Universität Freiburg der direkte Fall ins Stimmungsloch. „Nicht-erwerbstätige Neurentner erleben in den ersten drei Jahren des Ruhestands einen deutlichen Rückgang der Lebenszufriedenheit“, berichtet Studienleiter Bernd Raffelhüschen.
Was nicht nur daran liegt, dass sie dann konkret und abrupt merken, wie ihnen viele Alltagsstrukturen und Sozialkontakte wegbrechen, sondern auch daran, wie viel Geld ihnen im Unterschied zu früher fehlt. Tröstlich immerhin: Sind die ersten drei Jahre durchgestanden, geht es mit der Zufriedenheitskurve der nicht erwerbstätigen Rentner wieder deutlich bergauf. Sie erreicht allerdings nicht ganz die Kurve der Silverworker.
Raffelhüschen und Schüler betonen beide, dass man ernsthaft über das Arbeiten im Rentenalter nachdenken sollte, sofern der Job Spaß macht und die Gesundheit es zulässt. Es müsse ja nicht in Vollzeit sein, und die meisten Arbeitgeber nehmen das mittlerweile in Anbetracht des Fachkräftemangels durchaus hin.
Lewin verweist allerdings auch auf die Studienlage, wonach der gelebte Ruhestand oft einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden von Menschen in körperlich anstrengenden und stressigen Berufen hat: „Hier kann der Rückzug aus dem Arbeitsleben nach Erreichen des Rentenalters eine Erleichterung sein.“
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