Archäologie : Rettung für Roms Hafenstadt

Gefährdete Marmorpracht: Seit zehn Jahren arbeiten Berliner Archäologen in Ostia. Ein Werkstattbericht über den Rettungsversuch für die römische Kolonie.

Axel Gering
Archäologen arbeiten in einer Säulenhalle von Ostia.
Auf den letzten Zentimetern übersahen Ausgräber in der Mussolini-Zeit wichtige Funde, die heute noch geborgen werden können.Foto: Ostia Forum Projekt

Ostia und Portus, die ehemals wichtigsten Hafenstädte von Rom, sind durch den träge fließenden Tiber seit Jahrhunderten verlandet. Wo einst Schiffe sicher ankerten, breiten sich heute Kleingärten auf fruchtbaren Tiber-Sedimenten aus. Doch die römischen Ruinen waren nie ganz vergessen, zumal das Kapitol, der Haupttempel von Roms erster Kolonie, immer markant aus der für lange Jahrhunderte eintönigen Sumpflandschaft herausragte.

Alle antiken Hinterlassenschaften im Stadtzentrum der antiken Hafenmetropole Ostia zu erforschen, ist seit gut zehn Jahren das Ziel des an der Humboldt-Universität angesiedelten Ostia-Forum-Projekts. In Kooperation unter anderem mit der Sopraintendenz von Rom und Ostia, der Universität Aarhus und der FU Berlin finden seit 2008 jährliche Grabungskampagnen statt. Dabei werden die Altgrabungen seit dem späten 18. Jahrhundert erstmals auf neuestem Stand der Technik dokumentiert, bislang vernachlässigte Bereiche ausgegraben und alle Funde in ihrem historischen Kontext rekonstruiert. Die Entwicklung der ersten Kolonie Roms wird sich so erstmals bis zum Ende der Antike lückenlos verfolgen lassen.

Einst das Vorzeigeprojekt Mussolinis

In Ostia wird seit über drei Jahrhunderten gegraben. Nachdem aber die in dem Sumpfgebiet grassierende Malaria im frühen 20. Jahrhundert zunehmend erfolgreich bekämpft wurde, begannen mit Dante Vaglieri und seinem fleißigen Assistenten Raffaele Finelli exakte Ausgrabungen. Diese wurden seit 1921 vom faschistischen Italien vereinnahmt, vergrößert und avancierten bald zum Vorzeigeprojekt Benito Mussolinis.

Ostia, das mit ehemals bis zu sechsgeschossigen Hochhäusern das Leben in einer antiken Großstadt illustriert, war Vorbild für den faschistischen Wohnungsbau in Italien. Nach 1945 wurde es unter gewandelten politischen Vorzeichen aber ruhig um die Ruinenstätte. Erst seit 1991 stören wieder internationale Ausgrabungsteams die Ruhe der Ruinen, die idyllisch in einen schattigen Pinienhain – Pflanzungen der faschistischen Epoche – integriert sind.

Das Kapitol von Ostia.
Das Kapitol von Ostia.Foto: Ostia Forum Projekt

Doch Natur und Kultur lassen sich nicht immer störungsfrei miteinander verbinden. Die Wurzeln der allen Ausgräbern willkommenen Schattenspender, vor allem Zypressen und Pinien, vernichten unwiederbringliche Kulturgüter. Ostia, einst kosmopolitische Hafenmetropole und Handelsdrehscheibe im Zentrum des römischen Weltreichs, gilt als die Stadt mit den meisten Marmorinschriften und Statuen der römischen Welt mit Ausnahme der Kapitale Rom selbst.

Weltgrößte Flächengrabung einer römischen Stadt

Das Ergebnis der Altgrabungen ist durchaus beeindruckend: Ostia ist die weltgrößte Flächengrabung einer römischen Stadt, wurde zum Teil wiederaufgebaut und ist – im Gegensatz etwa zu Pompeji – auch vollständig begehbar. In faschistischer Zeit wurde allerdings ungelerntes Personal bei den Grabungen eingesetzt, daher fehlt die Dokumentation von Bodenschichten. Drei bis sieben Meter Kulturschichten späterer Epochen wurden stadtweit abgegraben, bis man auf römische Bauten oder erhaltenswerte Funde wie Statuen oder Inschriften stieß.

Bei den jährlichen Kampagnen werden Baumwurzeln entfernt, die Marmorböden und Mauerwerk zerstören.
Bei den jährlichen Kampagnen werden Baumwurzeln entfernt, die Marmorböden und Mauerwerk zerstören.Foto: Ostia Forum Projekt

Das erweist sich heute als großes Problem – und als Chance: Nirgendwo anders kann man, ohne selbst Tonnen von Erde bewegen zu müssen, allein durch feinste Untersuchungen weniger Zentimeter „vergessener“ Bodenschichten sensationelle Entdeckungen machen, die den Ausgräbern von einst entgangen waren.

Doch wie kann man das seit Langem freigelegte, bislang aber nie wissenschaftlich dokumentierte Kulturerbe einer ganzen Stadt für die Zukunft erhalten? Kulturerbestätten verstehen sich heute oft als Landschaftspark, in dem Natur und Kultur nur noch gleichermaßen gut konserviert werden müssen. Aber warum ist dafür überhaupt noch Archäologie nötig? Eine Dokumentation dieser Orte historischen Wissens für zukünftige Generationen kann nur durch eine aktive Archäologie mit spezifischen Methoden auf dem jeweils neuesten Stand der Grabungs- und Dokumentationstechnik erfolgen.

Kollateralschäden durch wachsende Besucherströme

Der moderne Besucher Ostias geht direkt auf den Fußböden der antiken Stadt, meist allerdings ungeachtet deren Alters und Fragilität. Die Fehlstellen potenzieren sich nicht nur bei Mosaiken oder Marmorböden, sondern vor allem in den unscheinbaren obersten, bei den Altgrabungen „vergessenen“ Bodenschichten aus Erde oder Mörtel, die Münzen und Funde noch an ihrer antiken Position enthalten.

Wird diese originale Fundlage zerstört, ist die bau- und kulturhistorische Aussagekraft der Artefakte irreversibel verloren. Jedes Jahr nehmen die Besucherzahlen zu. Die Kollateralschäden sind jedoch vor allem auf den Hauptrouten eines zunehmend kanalisierten Tourismus deutlicher denn je zu beobachten.

Konservierende Eingriffe mit modernen Materialien erweisen sich oft als kontraproduktiv. Auch ist die Vegetation kaum zu bändigen, Wurzeln, Erosion und Unachtsamkeit zerstören die Schichtenabfolge am Boden sowie die noch stehenden Mauern. Kann man den unwiederbringlichen Verlust dieser einzigartigen Evidenz antiken Lebens überhaupt verhindern? Als einzig vollständiger Schutz bliebe, die Stätte komplett von Vegetation und Besuchern zu befreien und zuzuschütten. Allein beim didaktischen Wert der Stätte ist das natürlich keine Handlungsoption für die Antikenbehörden: Neben den Reisenden kommen viele Schulklassen, die hier oft ihren Erstkontakt mit der für das heutige Europa grundlegenden römischen Zivilisation erleben.

Virtuelle Rettung im 3-D-Modell

Und hier kommt die Archäologie wieder ins Spiel. Mit mikroarchäologischen Methoden, die maximalen Erkenntnisgewinn bei minimalem Eingriff in die Erde ermöglichen, können auch seit Langem ausgegrabene Stätten auf dem neuesten Stand der Grabungstechnik aufgearbeitet und danach hochauflösend digital dokumentiert werden. Das gestattet eine zumindest virtuelle Konservierung des Status quo aller Böden vor zukünftiger Schädigung.

Eine solche präventive Dokumentation leistet das Ostia-Forum-Projekt insbesondere bei voraussehbaren „Verluststellen“ des antiken Befunds entlang der beliebtesten Touristenwege. Jahr für Jahr werden Böden von Wurzeln befreit, detailliert ausgegraben und dokumentiert. Alle archäologischen Befunde, aber auch naturwissenschaftliche Informationen dazu, etwa Bodenproben, werden derzeit in ein 3-D-Gesamtmodell der Innenstadt integriert. Eine langfristig angelegte Dokumentation ist dank einer Förderung durch die Stiftung Humboldt-Universität (SHU) zunächst bis 2022 möglich.

3-D-Modell des Stadtzentrums von Ostia.
3-D-Modell des Stadtzentrums von Ostia.Foto: Ostia Forum Projekt

900 Jahre Stadtentwicklung im Zentrum von Roms erster Kolonie werden so auf einen Blick sichtbar: von den frühesten Kultbauten, die ein neues Licht auf die Kulturpolitik Roms selbst werfen, bis zur Geschichte von Ostias Untergang, der wesentlich später, aber auch katastrophaler als bislang vermutet ablief.

Ein Erdbeben und ein Tsunami könnten Ostia zerstört haben

Vieles deutet darauf hin, dass Ostias Marmorpracht und ein Großteil seiner Bevölkerung bei einer See- und Erdbebenkatastrophe im Jahr 443 n. Chr. untergingen. Bei der Rekonstruktion bislang unbekannter historischer Erdbeben etwa hilft die relativ neue Archäoseismologie. Anhand vermessbarer Schadensbilder können Erdbeben als Katalysator von Umbau, Neubau oder auch Aufgabe erfasst werden. Durch Maueranalysen an seit 2000 Jahren stehenden Bauten werden derzeit auch erstmals antike anti-seismische Baumaßnahmen erforscht. Bodenproben in einer stadtweit verbreiteten Schwemmschicht ergaben zudem 2018, dass diese nicht auf eine gewöhnliche Tiberüberschwemmung, sondern auf eine vom Meer kommende Flutwelle zurückging. Davon zeugen Marmorfragmente, die bei den neuesten Ausgrabungen noch im Lehm steckend aufgefunden wurden.

Marmorfragment in der Schwemmschicht von Ostia.
In der Schwemmschicht lassen sich bis heute zahlreiche Fragmente von Marmorinschriften finden.Foto: Ostia Forum Projekt

Die Ausgrabung endet jedoch keineswegs mit dem Aufenthalt vor Ort. Die Auswertung der Grabungsdaten und Bodenproben, ohne die weder Erdbeben noch Tsunami von bestreitbaren Hypothesen in historische Realitäten überführt werden könnte, ist das Ergebnis eines Teamworks verschiedenster Disziplinen. Archäologie geht heute mit ihren Kooperationen und Erkenntnismöglichkeiten weit über die Grenzen der Geisteswissenschaften hinaus und verbindet sie mit Naturwissenschaft und 3-D-Technik zu einer Gesamtschau auf unsere Kulturgeschichte.

Der Autor ist Stiftungs-Sonderprofessor am Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin und leitet das Ostia-Forum-Projekt (zur Homepage geht es hier).

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