• Atomreaktor in Wannsee wird abgeschaltet: Strahlungsforschung „bis zum letzten Neutron“

Atomreaktor in Wannsee wird abgeschaltet : Strahlungsforschung „bis zum letzten Neutron“

Der Kernreaktor im Süden Berlins wird abgeschaltet. Geforscht wird künftig mit Synchrotronstrahlung

Der Kernreaktor in Berlin-Wannsee diente Forschungszwecken, 47 Jahre lang. Jetzt wird er abgeschaltet.
Der Kernreaktor in Berlin-Wannsee diente Forschungszwecken, 47 Jahre lang. Jetzt wird er abgeschaltet.Foto: Bernhard Ludewig/dpa

Der Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee hat manche Debatte in der Stadt ausgelöst. Wertvolles Werkzeug für Materialuntersuchungen war er den einen, andere forderten aus Angst vor möglichen radioaktiven Belastungen die sofortige Stilllegung. Vor allem nahe Anwohner des Helmholtz-Zentrums Berlin für Materialien und Energie (HZB) waren mitunter beunruhigt, wenn sie regelmäßig über Gefahren aufgeklärt wurden.

Als die Fertigstellung des künftigen Hauptstadtflughafens BER scheinbar näher rückte, wurde die Angst vorm Atom abermals bemüht, um die Flugroute über Wannsee zu verhindern. Ohne Erfolg. Das von den Klägern befürchtete Risiko eines betriebsbedingten Flugunfalls und der dadurch ausgelösten Freisetzung ionisierender Strahlung liege im Bereich des sogenannten Restrisikos, das als „Lebensrisiko“ von jedem zu tragen sei, entschied das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg vor zwei Jahren.

Ende des Reaktors – die einen feiern Partys, die anderen planen einen „würdevollen Abschied“

Noch geht kein Flieger vom BER, doch die Ära des BER II, so der Name des „Berliner Experimentierreaktor“, ist nun zuende. Gebaut 1972 und nach einem Umbau 1991 wieder in Betrieb gegangen, wird er am Mittwoch, 11. Dezember, um 14 Uhr, endgültig abgeschaltet. Zwei Feiern sind geplant. Das „Anti-Atom-Bündnis in Berlin und Potsdam“ macht in Babelsberg eine „Abschaltparty“ und stellt auf dem Plakat seine Sicht der Dinge dar: „Am Ende bleibt für uns und nachfolgenden Generationen nur unendlicher Müll von Neutronenforschern.“

Das HZB hingegen plant einen „würdevollen Abschied“, wie der Wissenschaftliche Geschäftsführer Jan Lüning erklärt. „Das wird ein bewegender Moment, auch wenn man schon lange weiß, dass er kommt. Wie im Privatleben, wenn man umzieht oder in den Ruhestand geht.“ Wehmut hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und würden sich darauf konzentrieren, die Experimentierbedingungen in gewohnter Qualität zu bieten. „Auch in diesen Tagen sind noch Forscher hier und nutzen die Anlage, bis zum Mittwoch, bis zum letzten Neutron, das aus dem Strahlrohr kommt“, sagt Lüning.

[Warnung aus dem Wannsee-Reaktor für den Katastrophenfall: "Im Haus bleiben, Fenster schließen, Kopf waschen, Tiere duschen, das Freiluftgemüsebeet ignorieren, Kleidung in Plastikbeutel stecken..." Lesen Sie mehr hier konkret im Spandau-Newsletter. Dort galt die Warnung nämlich auch. Den Spandau-Newsletter gibt es in voller Länge und kostenlos hier leute.tagesspiegel.de]

Neutronen können sehr tief in Materie eindringen und erlauben daher buchstäblich tiefe Einblicke in Forschungsobjekte. So gelang es beispielsweise 2009 erstmals, magnetische Monopole zu entdecken. Hier sind Nord- und Südpol sehr weit voneinander getrennt, was normalerweise nicht vorkommt. Die Quantenphysik hat solche seltsamen Pole zwar vorhergesagt, doch erstmals nachgewiesen wurden sie am HZB. Kunstwerke und Fossilien wurden durchleuchtet oder neue Materialien.

Forschungsreaktor war nicht mehr auf hohem Niveau zu betreiben

Aktuell arbeiten Forscher an Lithium-Schwefel-Batterien und analysieren mittels Neutronen, was während des Ladens und Entladens im Inneren der künftigen Akkus geschieht, um diese weiter zu verbessern, berichtet Lüning.
Das Aus für den Reaktor wurde 2013 durch den HZB-Aufsichtsrat beschlossen, nachdem klar war, dass die Synchrotronquelle Bessy in Adlershof und die Neutronenquelle in Wannsee nicht zugleich auf hohem Niveau zu halten sind. Dies erfordert regelmäßige Umbauten und Verbesserungen, die Geld kosten. Zu viel Geld für das HZB.

Die Warnung „Kern in Betriebsposition“ am Forschungsreaktor BER II wird ab Mittwoch 14 Uhr obsolet sein. Das Helmholtz-Zentrum Berlin wird den Kernreaktor dann endgültig abschalten.
Die Warnung „Kern in Betriebsposition“ am Forschungsreaktor BER II wird ab Mittwoch 14 Uhr obsolet sein. Das Helmholtz-Zentrum...Foto: Jörg Carstensen/dpa


Mit dem Ende für BER II werde das Gewicht mehr zu Bessy verschoben, sagt Lüning. Dort würde Personal dringend gebraucht, weil die Anlage von zahlreichen Gastforscherinnen und -forschern stark nachgefragt sei.

Einige HZB-Entwicklungen für die Neutronenforschung, beispielsweise Mess- und Analysegeräte, werden nun an andere Einrichtungen übergeben. Dorthin müssen auch die HZB-Forscher, die weiterhin Neutronen benötigen, etwa um Batteriematerialien bei der Arbeit zuzusehen.

Infrage kommen Reaktoren in Garching und Grenoble sowie ab 2023 eine neuartige Spallations-Neutronenquelle im schwedischen Lund, die ohne Kernspaltung auskommen wird. Auch diese Anlage der nächsten Generation war ein Grund für den Aus des BER II. Er hätte nicht mehr lange mithalten können.

Nun steht der Abbruch bevor. Mindestens zehn Jahre werde es dauern, rund 240 Millionen Euro seien dafür veranschlagt, sagt die HZB-Sprecherin Ina Helms. Der Rückbau der Anlage erfolgt von außen nach innen. Alle Teile, deren Radioaktivität unter dem Grenzwert ist, wie zum Beispiel Beton der Gebäude oder Möbel, kommen auf gewöhnliche Deponien.

Stark strahlende Reaktorabfälle sollen nach Ahaus

Der Rest soll in Schacht Konrad gelangen, das derzeit vorbereitete Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, wenn dieses in voraussichtlich acht Jahren fertig ist. Die stark strahlenden Brennelemente bleiben für die nächsten drei Jahre in Berlin zum Abklingen und werden dann ins Zwischenlager Ahaus gebracht. Ein Endlager hierfür gibt es bekanntermaßen noch nicht.

Für den Rückbau ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig. Welche konkreten Maßnahmen etwa für den Abbau des Reaktors darin vorgeschrieben werden, steht noch nicht fest. Das HZB als „Vorhabensträger“ ist verpflichtet, einen Vorschlag für beteiligte Behörden zu formulieren. Dazu hat das Zentrum vor zwei Jahren Kontakt zu Anwohnern, Verbänden und weiteren Gruppen gesucht. Bei regelmäßigen Treffen werden die Interessen aufgenommen und diskutiert.

Hannes Schlender, der diesen Dialogprozess vonseiten des HZB koordiniert, bezeichnet die Runden als „sehr konstruktiv“. „Wenn man persönlich zusammenkommt, ist es etwas ganz anderes, als nur übereinander zu sprechen“, sagt er. „Das heißt nicht, dass wir uns immer einig sind. Wenn es Dissens gibt, dann halten wir das auch fest.“

Einer der Streitpunkte ist die Frage, ob es zwingend einen vollständigen Rückbau geben soll oder ob ein „sicherer Einschluss“ zumindest erwogen werden soll. Dabei würden die stark belasteten Teile (Beryllium-Reflektoren und Reaktorbeckeneinbauten) sowie das Beckenwasser entfernt. Der Rest bliebe für Jahrzehnte stehen, um weiter abzuklingen, der endgültige Rückbau erfolgte später.

Diskussion um den Reaktorrückbau „offener geworden“

„Möglicherweise ist mit dieser Variante die Strahlenbelastung für die Umwelt geringer“, sagt Stephan Worseck vom Anti-Atom-Bündnis. „Ich hätte mir wenigstens eine Prüfung dieser Option gewünscht.“ Für das HZB steht diese Variante nicht zur Debatte. „Wir wollen das Vorhaben jetzt sauber beenden“, sagt Schlender. „Wenn wir den Reaktor 70 Jahre stehen lassen, müssen einzelne Teile wohl trotzdem in ein Endlager und wir wissen nicht, ob dann eines verfügbar ist.“

Auch Worseck hebt die konstruktive Atmosphäre in den Dialoggesprächen hervor. „Die Kommunikation mit dem HZB hat sich deutlich verändert, sie ist offener geworden und wir Bürger werden frühzeitig eingebunden, erhalten auch Zugang zu vertraulichen Informationen.“

Er wünscht sich außerdem eine wissenschaftshistorische Aufarbeitung der Betriebszeit. „Ich vermute, dass er unterm Strich nicht den ursprünglich angestrebten Nutzen gebracht hat und die Gefährdung der Bevölkerung nicht gerechtfertigt war.“ Dies werden die Forscherinnen und Forscher am Zentrum anders sehen.

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