• Berliner Wissenschaftspreis: Beatrice Gründler und Steve Albrecht von Regierendem ausgezeichnet

Berliner Wissenschaftspreis : Beatrice Gründler und Steve Albrecht von Regierendem ausgezeichnet

Beatrice Gründler erforscht arabisch-europäische Kulturgeschichte: Dafür erhält sie den Berliner Wissenschaftspreis. Den Nachwuchspreis bekommt Steve Albrecht.

Die Arabistin Beatrice Gründler, der Materialforscher Steve Albrecht.
Die Arabistin Beatrice Gründler, der Materialforscher Steve Albrecht.Fotos: Bernd Wannenmacher, A. Kubatzki/HZB /Montage: Tsp

„Wir gucken ihnen genau auf die Finger“, sagt Beatrice Gründler über die Protagonisten ihrer Forschung. „Vom Tintenklecks auf dem Manuskript des Ahmad al Rabbat, dem Inhaber einer Leihbibliothek in Aleppo, bis zu den Bits in unserer Datenbank.“ Gründler, Arabistikprofessorin an der Freien Universität Berlin, arbeitet mit ihrem Team an einer digitalen Edition der arabischen Fabelsammlung „Kalila und Dimna“, die einst in ganz Europa verbreitet war.

Wenn Beatrice Gründler von ihrem Projekt erzählt, öffnen sich Fenster zur arabischen Schriftkultur vom 9. bis zum 19. Jahrhundert, in die Literatur- und Kulturgeschichte des europäischen Mittelalters – und in die digitalen Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts. Dafür hat Beatrice Gründler am Donnerstagabend im Museum für Naturkunde den Berliner Wissenschaftspreis erhalten. Der Regierende Bürgermeister verleiht die mit 40.000 Euro dotierte Auszeichnung seit 2008 für „in Berlin entstandene hervorragende Leistungen in Wissenschaft und Forschung“.

Zuletzt geehrt wurden der Mathematiker und heutige Präsident der FU, Günter M. Ziegler (2017), und die Genetikerin Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie (2018).

Michael Müller würdigt, dass Gründler „die vielseitigen globalen Verflechtungen der arabischen Literatur über fast anderthalbtausend Jahre hinweg“ sichtbar mache. Damit trage sie „immer wieder zu einem öffentlichen und differenzierten Diskurs über die arabisch-islamische Kultur bei“, so der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator.

Beatrice Gründler kam 2014 aus Yale an die FU

Den diesjährigen Nachwuchspreis, der mit 10.000 Euro dotiert ist, erhält Steve Albrecht, Juniorprofessor an der Technischen Universität Berlin und am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Albrecht forscht zu Tandemsolarzellen, die die Photovoltaik effizienter machen – „Innovationen, die wir im Kampf gegen den Klimawandel benötigen“, wie Müller erklärt.

Hauptpreisträgerin Beatrice Gründler betreibt ihr Berliner Großvorhaben seit gut vier Jahren – mit stetig wachsender Unterstützung durch die Forschungsförderung. 2014 wurde sie aus Yale an die Freie Universität Berlin berufen. Sie stammt aus Kehl am Rhein, studierte Arabistik in Straßburg, Tübingen und Harvard, wo sie promoviert wurde.

Ursprünglich wurden die Fabeln im alten Indien erzählt

Für ihre „Studien zur Vielstimmigkeit der arabischen Poesie und Kultur“ erhielt Gründler den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis 2017 der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Unterdessen lief schon ihr Projektantrag beim Europäischen Forschungsrat – mit Erfolg: Im April 2017 bekam Gründler vom ERC noch einmal 2,4 Millionen für die Kalila-und-Dimna-Edition.

Worin aber liegt die Bedeutung der Fabelsammlung für die arabisch-europäische Kulturgeschichte – und für Berlin? Erzählt und aufgeschrieben hat man die Fabeln zuerst im alten Indien. Vollendet wurden sie dort im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. Über das Mittelpersische kamen die Fabeln im 8. Jahrhundert in den arabischen Raum – um zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in zahlreiche nahöstliche und europäische Sprachen übersetzt zu werden.

Der Fuchs und die Krähe: Eine Illustration aus der Fabelsammlung "Kalila and Dimna", die die Arabistin Beatrice Gründler erforscht.
Der Fuchs und die Krähe: Eine Illustration aus der Fabelsammlung "Kalila and Dimna", die die Arabistin Beatrice Gründler...Foto: mauritius images / The Picture Art Collection / Alamy

Eingebettet sind die lehrreichen Episoden in einen Fürstenspiegel zur Erziehung dynastischer Nachwuchskräfte. Die Kunst des Regierens bringt ihnen ein Weiser nahe, der seine Botschaften in Fabeln kleidet. „Über die Jahrhunderte wurde der Fürstenspiegel zu einer ,Weisheitsliteratur‘ für alle Stände und damit zum gängigen Hausbuch“, erklärt Gründler. Die erste deutsche Ausgabe erschien 1483 als „Buch der Beispiele der alten Weisen“.

Eine arabische Fabelsammlung, die ihren Weg ins deutschsprachige Bürgertum des Hochmittelalters machte: Diesen Kulturtransfer will Gründler wieder ins Bewusstsein heben, zumal die arabische Buchkultur hierzulande häufig auf Ignoranz trifft. Im Nahen Osten haben sich „Kalila wa-Dimna“ dagegen als Kinderliteratur erhalten, die Fabeln gehören zum geistigen Gepäck vieler Geflüchteter etwa aus Syrien. Auch sie sollten wissen, woher dieser Schatz stammt, meint Gründler.

In den Schreibwerkstätten des arabischen Mittelalters

Im Zentrum ihrer Forschung stehen rund 120 Manuskripte und Fragmente, die Kopisten auf der Grundlage der nicht erhaltenen ersten Übertragung ins Arabische anfertigten. Ihnen gucken Gründler und ihr Team durch den minutiösen Vergleich aller Fassungen „genau auf die Finger“. Dabei zeige sich etwa, dass sie eigentlich „Redaktoren“ waren, sagt Gründler. „Sie verschafften sich mehrere Vorlagen und schrieben diese zusammen, mixten Passagen aus der klassischen arabischen Literatur hinein oder fügten andersherum Kapitel des Werks in die populäre Märchensammlung ,1001 Nacht‘ ein“.

Gründler denkt sich so in die Schreibwerkstätten des arabischen Mittelalters zurück. Und doch passt ihr Projekt auch zum Digitalschwerpunkt der Berliner Wissenschaftslandschaft. Denn die unzähligen Querverbindungen und Metamorphosen der Texte lassen sich nur durch die Digitalisierung aller Manuskripte und Erkenntnisse verstehen – ein Pilotprojekt für die Digital Humanities.

Gefragt nach weiteren Berlin-Bezügen, sprudelt es nur so aus Beatrice Gründler heraus: Die Diversität, die deutsche Arabischlerner und arabische Studierende an die Universität bringen. Der „Talentpool“, aus dem schon etliche ihrer Bachelorabsolventen zu wissenschaftlichen Mitarbeitern wurden. Und eines der 120 Manuskripte ist ein Berliner Fundstück – das Werk Ahmad al Rabbats aus Aleppo liegt in der Staatsbibliothek.

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