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Coronavirus breitet sich aus : Tschechien schließt Schulen und Unis – Italien-Urlauber sollen heimreisen

In Tschechien werden womöglich mit dem Coronavirus Infizierte jetzt an den Grenzen abgewiesen. Deutschland gilt als „Risikoland“.

Hans-Jörg Schmidt
Kampf gegen das Coronavirus: Kontrolle an der Grenze zu Tschechien
Kampf gegen das Coronavirus: Kontrolle an der Grenze zu TschechienFoto: dpa/Robert Michael

Tschechien versucht mit scharfen Maßnahmen, einer Ausweitung der Convid-19-Epidemie zu begegnen. Täglich tagt der Sicherheitsrat der Regierung. Anschließend informiert in Live-Sendungen von Hörfunk und Fernsehen Ministerpräsident Andrej Babiš über die Beschlüsse. Die sind derzeit nach denen in Italien die härtesten innerhalb der EU, obwohl sich die Zahl der Infizierten mit dem Coronavirus in Tschechien bislang mit etwa 70 in Grenzen hält.

Oberstes Ziel der Verantwortlichen in Prag ist es, ähnlich wie in Deutschland die Erkrankungsraten zeitlich zu strecken. Die Regeln dafür sind aber strenger als in Deutschland.

Seit Dienstag, 18 Uhr, sind in Tschechien sämtliche Veranstaltungen untersagt, in denen mehr als 100 Menschen teilnehmen würden. Das betrifft alle Bereiche des öffentlichen Lebens, das seither nahezu lahm liegt. Sämtliche Theater, Konzertsäle und Kinos sind geschlossen, Sportwettkämpfe abgesagt. 

Seit Mittwoch ist die bisher umfangreichste Maßnahme mit den größten Folgewirkungen in Kraft getreten: da wurde der Unterricht in sämtlichen Schulen, von der Grundschule bis hoch in die Hochschulen und Universitäten bis auf Widerruf eingestellt. Die Schüler sollen via Internet Aufgaben erhalten. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass der Schulausfall womöglich auch einen Ausfall von Prüfungen am Schuljahresende nach sich zieht. 

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Desinfektion eines Klassenraums in Prag
Desinfektion eines Klassenraums in PragFoto: Reuters/David W. Cerny

Der Schulausfall hat jedoch zur Folge, dass viele Eltern nicht zur Arbeit gehen können, weil sie ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt lassen können. Der Staat stellte betroffenen Eltern einen Lohnausgleich von bis zu 60 Prozent in Aussicht. Viele Firmen ermöglichen es aber ihren Mitarbeitern auch, zuhause zu arbeiten. Problematisch wird die häusliche Betreuung der Kinder durch Eltern, die ihrerseits im Gesundheitswesen tätig sind. Im Kreis Pardubice stand man beispielsweise deshalb am Mittwoch vor der Frage, in den Kliniken womöglich nur noch Notfälle behandeln zu können. Ausgenommen von der Schließung sind die tschechischen Kindergärten. 

Italien-Reisende werden zur Heimkehr aufgefordert

Ebenfalls ohne Einschränkungen bleiben derzeit auch die Möglichkeiten für den Einkauf. Zudem dürfen auch alle gastronomischen Einrichtungen geöffnet bleiben. Gesundheitsminister Adam Vojtěch begründete das mit den Worten: „Es ist zwar erforderlich, schon zu Beginn der Epidemie aktiv zu sein. Wir wollen aber nicht das komplette Leben im Land zum Erliegen bringen.“

Mehrere tausend tschechische Italien-Urlauber sind von der Regierung schon am vergangenen Wochenende aufgefordert worden, möglichst schnell nach Tschechien zurückzukehren. Angehörigen ist empfohlen worden, die Reisenden am besten mit ihrem Privatauto aus Italien abzuholen. Dies sei eine bessere Variante als die Fahrt mit Zügen oder Bussen. 

Die heimgekehrten Italien-Urlauber sind verpflichtet, sich bei einem Arzt zu melden und danach 14 Tage in häuslicher Quarantäne zu bleiben. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer horrenden Geldstrafe von bis zu 3 Millionen tschechischen Kronen rechnen, das sind umgerechnet 120.000 Euro. 

Wer Fieber hat, darf nicht rein nach Tschechien

Seit Beginn dieser Woche gibt es an den Straßen- und Autobahngrenzübergängen Tschechiens zu Deutschland, Österreich und der Slowakei Kontrollen der Autofahrer. Dort wird vor allem Fieber gemessen. Trifft man dort auf Reisende mit mehr als 38 Grad Körpertemperatur, werden ein Notfallarzt und das Gesundheitsamt informiert, die dann über das weitere Vorgehen entscheiden. 

Ausländische Reisende mit Fieber werden nicht ins Land gelassen, sondern in ihre Heimat zurückgeschickt. Die Zahl der Betroffenen hält sich bisher aber in engen Grenzen. Dennoch gilt namentlich Deutschland in Tschechien als ein „Risikoland“. 

Man registriert auch in den Medien sehr umfangreich und genau, wie sich die Lage in der Bundesrepublik entwickelt. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch vor der Presse in Berlin erklärte, dass sich 60 bis 70 Prozent der Deutschen an der neuartigen Erkrankung anstecken könnten, war das den tschechischen Medien eine Eilmeldung wert.

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Regierungschef Babiš warf Merkel vor, Unsicherheit zu verbreiten. „Ich möchte die Lage in Deutschland nicht kommentieren, wenngleich ich denke, dass solche Äußerungen eher Panik hervorrufen“, sagte Babis der Agentur CTK. Sein Land habe zügig Maßnahmen ergriffen, damit von einem solchen „dunklen Szenario“ keine Rede sein könne, sagte der 65-Jährige.

Seit Mittwoch werden Temperaturmessungen auch in den grenzüberschreitenden Zügen unter anderem von Deutschland kommend durchgeführt. Von Grenzschließungen ist bislang jedoch keine Rede.

Mitarbeiter sprühen Desinfektionsmittel im Wagen einer Prager Straßenbahn.
Mitarbeiter sprühen Desinfektionsmittel im Wagen einer Prager Straßenbahn.Foto: dpa/CTK/Ondøej Deml

Sorge um die Wirtschaftsleistung

Die getroffenen Beschränkungen haben Folgen für die Wirtschaft des Landes. „Eine 14-tägige Quarantäne, die die Hälfte der Firmen beträfe, würde zu einer Senkung des Bruttoinlandsproduktes von 0,3 Prozent führen“, sagte ein Analyst der Mittwochausgabe der Wirtschaftszeitung „Hospodářské noviny“.

Zu Hamsterkäufen ist es in Tschechien bislang nur bei Desinfektionsmitteln gekommen. Der größte tschechische E-Shop Alma verzeichnet aber eine extrem gestiegene Nachfrage von Firmen nach Notebooks. Damit sollen Angestellte für die häusliche Arbeit ausgestattet werden.

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Der gemeinhin sehr stark genutzte Öffentliche Personennahverkehr in Prag wurde am Mittwoch nicht so stark wie normal frequentiert. Deutlich ruhiger ging es auch auf dem Prager Hauptbahnhof zu. Die Züge der gemeinhin stark ausgelasteten Strecken von und nach Mähren verzeichneten auffallend weniger Reisende.

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