Der Autor wird als Journalist neu entdeckt : Was Fontane an den Rand schrieb

Zum 200. Geburtstag interessiert sich auch die Literaturwissenschaft neu für Theodor Fontane - unter anderem, wie sich sein Brotjob als Journalist auswirkte.

Theodor Fontane an seinem Schreibtisch, eine Fotografie von 1895.
Theodor Fontane an seinem Schreibtisch, eine Fotografie von 1895.Foto: akg-images

Zu Lebzeiten wird den wenigsten Schriftstellern der rote Teppich ausgerollt. Auch Theodor Fontane musste hausieren gehen, pitchen heißt das auf neudeutsch. In einem Brief vom Januar 1886 an Jesco von Puttkammer, Redakteur der Zeitschrift Universum, schreibt er: „Die Novelle wird 7 Bogen (vielleicht ein paar Seiten mehr) von ,Nord und Süd’-Format und Druck, wonach ich immer zu rechnen pflege, umfassen. Honorar 500 Mark pro Bogen, zahlbar nach Empfang des Manuskripts. Dem Beginn des Drucks zu Ende Februar würde nichts entgegenstehn.“ Der Brief endet mit „vorzüglicher Ergebenheit, Th. Fontane“.

Es ist Fontane-Jahr und damit Zeit für vielfältige Spurensuchen. Ausstellungen, Lesungen, Bücher, all das bringt solch ein Jubiläum verlässlich mit sich. Doch wie steht es mit der wissenschaftlichen Neugier auf den schnauzbärtigen Berliner Ex-Apotheker, der 1819 in Neuruppin geboren wurde und 1898 in Berlin starb? Verstauben seine Werkausgaben in den Universitätsbibliotheken – oder wird Fontane gerade neu entdeckt? „Es gibt ein enormes wissenschaftliches Interesse und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum“, sagt Peer Trilcke, Germanistik-Professor an der Universität Potsdam und seit 2017 Leiter des Fontane-Archivs. Im Juni richtet das Archiv den großen, internationalen Kongress „Fontanes Medien (1819-2019)“ aus.

Fontane goes Genderforschung

Während Fontane in der literaturwissenschaftlichen Forschung des frühen 20. Jahrhunderts fast gar keine Rolle spielt, wird er zunächst in den 1960ern als sozialkritischer Autor wiederentdeckt. In den 1990ern wächst das Interesse an seinen tiefgründigen, oft tragischen Frauenfiguren: Fontane goes Genderforschung. Lange bleiben die Romane im Fokus der Wissenschaft. Das sei mittlerweile anders, berichtet Trilcke. „Seit einigen Jahren rückt der Journalist Fontane zunehmend ins Blickfeld.“ Zeit seines Lebens muss Fontane, der mit 30 Jahren den sicheren Apothekerberuf aufgibt, von Artikelserien, Theaterrezensionen und Reiseberichten leben. Die Bücher, die er parallel publiziert, verkaufen sich nur schleppend. Diese Umstände interessieren die Wissenschaft sehr: Wie hat sich dieses journalistische Handwerk, das Recherchieren und Redigieren, auf die Entstehung und die Ästhetik der Romane ausgewirkt? Und was macht das mediale Umfeld mit den Texten Fontanes?

Für die neuen Forschungsansätze stehen frisch digitalisierte Quellen zur Verfügung. Was Fontane las und welche Spuren hat er dabei hinterließ, lässt sich jetzt mit wenigen Klicks rekonstruieren. Das Fontane-Archiv hat in Kooperation mit dem UCLAB der Fachhochschule Potsdam kürzlich Fontanes Handbibliothek – also Bücher, mit denen er als Journalist und Schriftsteller regelmäßig arbeitete – digitalisiert und visualisiert. Lediglich 155 Bücher aus Fontanes Nachlass besitzt das Archiv. Der Großteil sei verschollen, „nur ab und zu taucht noch eines auf“, sagt Anna Busch, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin das Digitalisierungsprojekt verantwortet.

Zu Goethe notiert Fontane viele Fragezeichen

Was beim Scannen und Transkribieren von Fontanes zahlreichen Randnotizen auffällt? Der Mann war nicht zurückhaltend mit seinen Meinungen. „Gut, schlecht, gefällt, famos, brillant“, schreibt er häufig an den Rand. Bei Goethe fänden sich vergleichsweise wenig Anmerkungen, berichtet Busch. Wenn, dann vor allem Fragezeichen. Leuchtete Fontane nicht ein, was er beim großen Klassiker las? „Durch die Anmerkungen in den Büchern können wir Fontane direkt beim Arbeiten zuschauen.“

Die Lesespuren lassen sich im frei zugänglichen Online-Portal der Handbibliothek auch grafisch darstellen. Das Potsdamer Team hat dazu eine Visualisierung entwickelt, die gerade für den Designpreis Brandenburg nominiert wurde. In welchen Bücher hat Fontane besonders viel unterstrichen? In welchen kaum? Durch farbige Balken lässt sich das sehr leicht erkennen. Außerdem kann nach einzelnen Begriffe gefiltert werden, beispielsweise nach Adjektiven. Für die künftige Forschung können solche Auswertungen wichtige Impulse liefern: Welche übergeordneten Muster, die bei bisherigen Einzeluntersuchungen nicht deutlich geworden sind, lassen sich über die gesamte Handbibliothek hinweg erkennen? Viel zu tun für die nächste Germanisten-Generation.

Seine "Glückssucher-Romane"

An Fontane begeistertem wissenschaftlichem Nachwuchs mangelt es nicht. „Bis oben hin voll“ seien die Seminare, die er über Fontane anbiete, erzählt Archivleiter Trilcke. Die Studierenden hätten großes Interesse an dem vielseitigen Autor des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Trilcke führt das unter anderem auf Fontanes Sprache und die Grundkonstellationen in den Romanen zurück: „Das sind Figuren, die mit Zwängen kämpfen; es geht um gesellschaftliche Erwartungen und eigene Wünsche.“ Kurz gesagt: Es sind „Glückssucher-Romane“. Hinzu komme, dass Fontane nicht als „literarischer Gott“, sondern als ambivalenter Mensch wahrgenommen werde. Ein früher Berliner Freelancer, der auf die politischen und medialen Umbrüche seiner Zeit reagieren und immer auch seine Honorare im Blick behalten musste.

Doch trotz der Parallelen zur Gegenwart ist Fontane außerhalb der Germanistik kein Selbstläufer bei der jüngeren Leserschaft. Als Nicola Lepp, Professorin für Kultur und Vermittlung an der Fachhochschule Potsdam vor zwei Jahre gemeinsam mit Kollegen das interdisziplinäre Lehrprojekt „Warum eigentlich Fontane?“ startete, sei es anfangs schwierig gewesen, Studierenden zur Teilnahme zu motivieren, erzählt sie. „Wir mussten erst mal gegen die negativen Schulerinnerungen ankommen.“

Eine Ausstellung zum Autor

Fontane rief keinen spontanen Jubel bei den Studierenden aus den Fachbereichen Kulturarbeit, Fotografie, Redaktionelle Gestaltung und Interface Design hervor. Über zwei Semester entwickelte Lepp daraufhin mit den Studierenden kreative Vermittlungsideen – Bilder, Fotografien, interaktive Installationen, Spiele –, die jetzt in Neuruppin ausgestellt werden. Denn ein Geburtstagsjubiläum allein mache noch keine lebendige Erinnerungskultur. „Wir müssen immer wieder aus der Gegenwart heraus Fragestellungen entwickeln und Zugänge zu den Werken finden.“

Die 35 Studierenden fanden etliche diskussionswürdige Facetten in Fontanes Werk, darunter die damaligen Geschlechterrollen. Daraus entstanden recht drastische Coverentwürfe für Fontane-Reclamhefte. Auch die versuchte politische Vereinnahmung – „Theodor Fontane wäre heute AfD-Mitglied“, behauptete die AfD-Fraktion 2016 im Brandenburgischen Landtag – nahmen die Studierenden unter die Lupe. Was schreibt er denn zum Thema Heimat?
Eine augenzwinkernde Arbeit entwickelte ein Student, indem er sich von einem berühmten Effi-Briest-Zitat inspirieren ließ: „Jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten“, sagt Brautvater Briest zu seiner Frau, „es ist ein weites Feld“. Ein Satz, der am berühmten Ende wieder aufgenommen wird. Für die Ausstellung wurde daraus ein Landschafts-Memory mit durchaus erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Denn alle fotografischen Motivpaare zeigen weite Brandenburger Felder.

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