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Der Historiker Ernst Nolte, geb. am 11. Januar 1923.

© Thilo Rückeis

Ernst Nolte zum 90. Geburtstag: Der Eigensinnige

Der Berliner Historiker Ernst Nolte, der am 11. Januar seinen 90. Geburtstag feiert, löste einst den Historikerstreit um den Zusammenhang von Bolschewismus und Nationalsozialismus aus. An seinen umstrittenen Thesen hielt er immer fest.

Im intellektuellen Leben der Republik gibt es keine so erratische Erscheinung wie ihn. In seinem Fach, in der Geschichte, ist Ernst Nolte seit langem keine Stimme mehr, die zählt, in der öffentlichen Debatte zumeist ein Stein des Anstoßes. Dass er – worauf er gerne hinweist – in Italien Resonanz genießt, ändert daran wenig. Doch in irritierender Weise hält Ernst Nolte fest an seiner Sicht der Dinge, die ihn von einem hoch anerkannten Gelehrten zum Außenseiter gemacht haben. Obwohl zumindest der große Herausforderungszug seines Denkens, die These von einem „kausalen Nexus“ von Bolschewismus und Nationalsozialismus, nirgendwo eine auch nur interessierte Aufnahme gefunden hat.

Dabei bleibt der große Zug seiner Geschichtsschreibung, dieser Ehrgeiz, die bewegenden Ideen und Motivationen des tumultuarischen 20. Jahrhunderts auf den Begriff zu bringen, unvergessen. Der Erstling „Der Faschismus in seiner Epoche“, mit dem Nolte 1963 aus einer Studienratsexistenz für alte Sprachen heraustrat, war ein Ereignis, für die Wissenschaft wie die Öffentlichkeit. Der Zugriff seines Forschens und Schreibens, nach seinem Verständnis eher das eines Geschichtsdenkers denn eines Geschichtsschreibers, faszinierte.

Obwohl vor allem in den USA heftig kritisiert, war sein 1974 erschienenes Buch „Deutschland und der kalte Krieg“ doch der einzige Versuch, die Weltbewegungen der Nachkriegszeit in ihrer ganzen Komplexität und Tragweite zu erfassen. Der Eindruck einer großen Historiker-Existenz setzte sich fort: mit „Marxismus und industrielle Revolution“ (1983), das tief in die Entstehungsgeschichte der marxistischen Ideologie eindrang, mit anspruchsvollen Sondierungen im Spannungsfeld von Totalitarismus und Bürgerlichkeit.

Damals stand Ernst Nolte für das kühne und fruchtbare Unterfangen, die Auseinandersetzungen, die seit dem Ersten Weltkrieg Europa und die Welt erschüttert haben, Kriege, linke und rechte Ideologien, Holocaust, als einen großen Weltbürgerkrieg zu begreifen. 1987 setzte er, ganz selbstbewusster Gedanken-Baumeister, diesem ehrgeizigen Unternehmen unter dem Titel „Der europäische Bürgerkrieg“ den Schlussstein. Aber da war Nolte bereits hineingeraten in den intellektuellen Schlagabtausch, der als „Historikerstreit“ in der Bundesrepublik Epoche machte. Und zwar so nachdrücklich, dass er als dessen Anstifter gelten konnte. „Vergangenheit, die nicht vergeht“ hieß 1986 der Aufsatz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dessen Titel in den Formelschatz einschlägiger Dispute eingegangen ist.

Ein Apologet des Nationalsozialismus ist Nolte nie gewesen

Aus diesem Getümmel der Vorwürfe und Unterstellungen hat Nolte, so scheint es, nicht mehr herausgefunden. Längst hat der Historikerstreit Patina angesetzt, der damals ausgerufene Feldzug gegen eine deutsch-nationale Wende in der Geschichtswissenschaft ist mangels Evidenz abgeblasen worden, seine Fronten abgeräumt. Und nicht wenige, die seinerzeit heftig mit von der Partie waren, sehen heute ihre Rolle mit gemischten Gefühlen. Doch Nolte hält nicht nur die Stellung, die damals den Anstoß für einen Flächenbrand in den intellektuellen Quartieren der Republik abgab. Irgendwie lebt in seinen Thesen und Einlassungen das hoch entzündbare, seinerzeit die Debatten durchdringende Gemisch von Rechthaberei und gesinnungshaftem Überdruck noch immer fort.

Seither fällt Nolte, dem Himmel sei’s geklagt, vor allem durch Behauptungen und Argumente auf, die die Öffentlichkeit vor den Kopf stoßen. Er scheint den Tritt in Fettnäpfchen unseres, zugegeben, von political correctness imprägnierten politischen und gesellschaftlichen Debatten-Klimas geradezu zu suchen. Aber auch die Achtung vor seiner intellektuellen Spannkraft kann nicht davon ablenken, dass hier die Unbedingtheit seines Denkens und Urteilens allzu oft umschlägt in amokläuferische Rechthaberei und die Volten selbstgewisser Spitzfindigkeit.

Zumal in der nach wie vor unabweisbaren deutschen Kardinal-Debatte um Schuld und Verantwortung im Dritten Reich, lässt ihn seine Neigung zur Zuspitzung immer wieder in aberwitzige Polemiken geraten. Dabei ist Nolte wahrhaftig kein Apologet des Nationalsozialismus. Das Abgrundtiefe des mit ihm verbundenen Zivilisationsbruchs hat er vielleicht tiefer erfasst als viele andere. Aber das schützt ihn nicht vor Behauptungen und Insinuationen, die sich im Zusammenhang mit diesem Thema schlicht verbieten. Wenn ihm der kluge Konservative Joseph Rovan „eine Art von Genialität“ bescheinigte, „gepaart mit etwas, was auf französisch ,absense de bon sense’ heißt“, so ist das noch das zurückhaltendste Urteil über ihn. Eher drängt sich der Eindruck auf, dass es diesen grundgelehrten Kopf immer wieder obsessiv zu intellektueller Zündelei und Exzentrik drängt.

Als Seiteneinsteiger ist Nolte in die Wissenschaft geraten. Ein Einzelgänger ist der Lehrersohn aus Witten geblieben. Ob Lebensumstände dazu beigetragen haben – die Handverkrüppelung, die ihn von der Kriegserfahrung seiner Generation ausschloss, der gefallene Bruder, universitäre Nachkriegswirren – kann dahin gestellt bleiben. Am Ende ist es sein intellektueller Lebensweg, sind es die Rigorosität seiner Wissenschafts-Vorstellung und ein unbezwingbarer Eigensinn, die ihn darauf verwiesen haben, die Rolle des „einsamen Wolfs“ (Walter Laqueur) unter seinen Fachkollegen anzunehmen. An diesem Freitag vollendet Ernst Nolte in Berlin sein 90. Lebensjahr. Hermann Rudolph

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