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In Trümmern. In der stark beschädigten Umayyaden-Moschee von Aleppo steht ein syrischer Aufständischer. Eine Aufnahme von 2012.
© AFP

Bürgerkrieg in Syrien: Die Weltkultur brennt

In Aleppo, Palmyra und an anderen Stätten wird das historische Erbe Syriens zwischen den Fronten des Bürgerkriegs aufgerieben. Nach dem historischen Basar brannte jetzt auch die Umayyaden-Moschee in Aleppo. Archäologen sprechen von katastrophalen Verlusten.

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Die Bilder, die derzeit aus Aleppo eingehen, sind so grausam, dass man sie nicht zeigen kann. Die Kämpfe haben das Herz der Stadt erreicht, die syrischen Regierungstruppen bombardieren die Stadt, schießen mit Artillerie in die Wohngebiete der Altstadt – mit verheerender Wirkung. In den engen Schluchten der Gassen irren traumatisierte Menschen umher, grau von Staub wie nach 9/11, Eltern trauern um tote, zerfetzte Kinder. Aber Syrien verliert nicht nur Menschenleben, sondern auch wertvolle, unersetzliche Kulturgüter. Zuletzt hatten sich syrische Rebellen sogar in der Umayyaden-Moschee verschanzt, dem bedeutendsten mittelalterlichen Sakralbau Syriens.

Die Kämpfer hatten den Schutz der dicken Moscheemauern gesucht, und die Regierungstruppen beschossen sie mit Artillerie. Die Fotos der am 13. Oktober ausgebrannten Moscheeräume sind entsetzlich. Es hatte zuvor schon im historischen Basar gebrannt, nun die Umayyaden-Moschee, die kleine Schwester der berühmten Moschee in Damaskus und neben der Zitadelle das Wahrzeichen Aleppos. Das schlanke, 45 Meter hohe Minarett ist Ausdruck einer eigenen syrischen Kunstform im Mittelalter, die sich von den Vorgaben aus Irak absetzt. Als säkularer Staat gestattete Syrien auch Nichtgläubigen den Besuch der Moschee, deren Innenhof immer voller Leben war. Ein Ort des Friedens und der Toleranz.

Man könne die Zerstörung historischer Gebäude nicht mit der menschlichen Tragödie im Land vergleichen und die beiden Auswirkungen des Konflikts nicht gegeneinander aufwiegen, sagt auch Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin. Dennoch dürfe man den immensen Verlust des syrischen Kulturerbes nicht kleinreden oder relativieren, sagt Weber. „Die Schäden in Aleppo und in anderen Städten sind eine Katastrophe.“ Syriens Kulturschätze sind seit Beginn des Konflikts im Frühjahr 2011 akut gefährdet oder bereits zerstört. Sie lodern in den Flammen des Schlachtengetümmels, zerbersten im Artilleriefeuer, werden von Panzerketten zermalmt, in Schützengräben gestürzt, achtlos gesprengt. Was nicht den unmittelbaren Kampfhandlungen zum Opfer fällt, wird zur Beute organisierter Plünderer und des illegalen Kunst- und Antikenhandels. Jahrtausendealte Zeugen nicht der syrischen, sondern der Menschheitsgeschichte gehen für immer verloren.

Für die Syrer ist dies ein Raub an der Vergangenheit ihrer Heimat – und an der Zukunft. Das Land erwirtschaftete vor dem Bürgerkrieg mehr als ein Zehntel seiner Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, vor allem aus dem Kulturtourismus. Sechs Weltkulturerbestätten der Unesco befinden sich in Syrien und darüber hinaus zehntausende weitere antike und historische Stätten. Die Neolithische Revolution dürfte vor rund 10 000 Jahren unter anderem hier ihren Ausgang genommen haben. Sumerer, Aramäer, Nabatäer, Hethiter, Ägypter, Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Perser, Araber und Osmanen hinterließen ihre Spuren. Der spätere Missionar des Urchristentums, Paulus von Tarsus, bekehrte sich in Damaskus zu Jesus.

Viele Zeugnisse dieser einzigartigen Geschichte drohen nun zu verschwinden – für immer zerstört, geraubt, verschoben zu werden. Im Frühjahr veröffentlichte Emma Cunliffe, Archäologin an der englischen Durham University, einen Bericht über das Ausmaß der Schäden. Da es ausländischen Archäologen und Journalisten seit Ausbruch des Bürgerkriegs kaum oder gar nicht möglich ist, sich in Syrien selbst ein Bild von der Lage zu machen, war die Wissenschaftlerin auf private Kontakte und auf Informationen im Internet angewiesen. Manche der Quellen sind dabei schwer einzuschätzen und kaum zu verifizieren. Als relativ unabhängige Quelle erwies sich, erklärt Cunliffe, vor allem die Gruppe „Le patrimoine archéologique syrien en danger“ (Das archäologische Erbe Syriens in Gefahr), die aktuelle Berichte, hauptsächlich aber Fotos und Videos aus Syrien auf Facebook veröffentlicht.

Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts können Stätten nicht schützen

In Trümmern. In der stark beschädigten Umayyaden-Moschee von Aleppo steht ein syrischer Aufständischer. Eine Aufnahme von 2012.
In Trümmern. In der stark beschädigten Umayyaden-Moschee von Aleppo steht ein syrischer Aufständischer. Eine Aufnahme von 2012.
© AFP

Cunliffes Resümee war niederschmetternd: Antike Städte würden durch Artilleriefeuer und Panzer zerstört, historische Burgen von beiden Seiten als Stützpunkte genutzt, Räuber und Plünderer bedienten sich an archäologischen Stätten und in Museen. Die Lage hat sich inzwischen verschlimmert. „Wir haben seither nur noch mehr Berichte über Zerstörungen bekommen“, sagt Cunliffe. „Raubgrabungen und Plünderungen haben enorm zugenommen.“ Die Altstädte von Damaskus und Aleppo sind durch die Ausweitung der Kampfhandlungen massiv bedroht. Die sogenannten Toten Städte, antike, dörfliche Siedlungen im Norden Syriens, stehen teils unter Feuer, werden teils ausgeplündert. In Palmyra haben Tanks und gepanzerte Fahrzeuge auf antiken Straßen, zwischen Säulen Stellung bezogen und gerieten unter Beschuss. Soldaten hoben teilweise mit Baggern Schützengräben aus.

An gut einem halben Dutzend dieser Welterbe-Stätten arbeiteten die Wissenschaftler des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), bis sie Anfang Mai 2011 Syrien verließen. Aufgegeben ist die Außenstelle Damaskus der Orient-Abteilung des DAI deshalb nicht, wie deren Leiterin Karin Bartl in Berlin betont: „Unsere syrischen Kollegen arbeiten weiter.“ Deshalb bestünde auch noch ein mehr oder weniger regelmäßiger Kontakt zu dem Haus nahe dem Präsidentenpalast in Damaskus. Wie es um die deutschen Ausgrabungen steht, ist allerdings schwer zu erfahren, denn niemand kann die Stätten besuchen. „Schon Überlandfahrten sind extrem gefährlich.“

Was die Kampfhandlungen übersteht, gerät ins Visier von Plünderern. Manche der Räuber sind sattsam bekannt, meint Museumsdirektor Weber, der selbst lange Zeit in Syrien gelebt und gearbeitet hat: „Es gibt Kanäle in der Armee, die Antikenschmuggel betreiben.“ Andere Coups werden derart professionell geplant und durchgeführt, dass es sich dabei nur um das Werk bestens organisierter Banden handeln kann. So setzte ein Team von Plünderern Bagger und Spezialwerkzeuge ein, um in der antiken Stadt Apamea mehrere Mosaike auszugraben und wegzuschaffen.

Die syrische Antikenverwaltung versucht derweil mit ihren wenigen verbliebenen Mitteln und mäßig erfolgreich, weitere Raubzüge zu verhindern. In Maarat an-Numan, einer Stadt in Westsyrien, halten Rebellen der Freien Syrischen Armee das örtliche Mosaikenmuseum besetzt, um Räuber abzuwehren. Und im Norden beschützen bewaffnete Bauern aus dem Umland einige der Toten Städte aus dem Altertum. „Die Syrer schätzen ihr kulturelles Erbe sehr und wollen es bewahren“, sagt Emma Cunliffe. Die wichtigste Voraussetzung dafür scheint jedoch ferner denn je: Frieden im Land.

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