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Wissenschaft und Kunst: Die Weltverbesserungsmaschine

Ein kuratorisches Projekt und eine museale Erzählung über die verloren gegangene Einheit von Kunst und Wissenschaft.

Kunst und Wissenschaft wird die Fähigkeit zugeschrieben, eine enorme Wirkung auf die Gesellschaft entfalten zu können. Ihnen wohnt das Versprechen inne, bei der Überschreitung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit zur Weltverbesserung beizutragen. Viele Künstler und Wissenschaftler setzten und setzen sich bewusst dieses Ziel. Wenn nun Kunst und Wissenschaft miteinander verschmelzen, muss daraus beinahe zwangsweise eine ideale Weltverbesserungsmaschine entstehen.

Und tatsächlich gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert im Geheimen den Plan, einen solchen Mechanismus zur Weltverbesserung zu bauen. Die Gründungen der Akademie der Künste im Jahr 1696, der Akademie der Wissenschaften im Jahr 1700 und der Staatlichen Museen zu Berlin waren wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Realisierung dieser Idee. Wenn auch offiziell getrennt forschend, dienten die Akademien und Museen einem gemeinsamen Ziel: dem Bau dieser geheimnisvollen Maschine.

Die herausragenden Gelehrten ihrer Zeit arbeiteten in Berlin an diesem Werk mit. Genannt seien nur: Gottfried Wilhelm Leibniz, Jacob Paul von Gundling, Voltaire und Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, Eberhard von Danckelmann, Bernhard Rode und Daniel Nikolaus Chodowiecki, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Rudolf Virchow und Wilhelm von Bode.

Nun wird der Versuch unternommen, diese geheimnisvolle Maschine und ihre Geschichte zu rekonstruieren. Denn erst jüngst wurde dieses Geheimprojekt zwischen Wissenschaften und Künsten wieder in die Erinnerung gerufen. So haben eine Reihe von Manuskripten, die in einer Geheimschrift verfasst worden sind, sowie Karten und Pläne in den Archiven der DDR-Akademien überdauert. Heute befinden sie sich in Privatbesitz und konnten Dank neuester Computerlinguistik decodiert werden.

Im Rekonstruktionsversuch kommen viele bislang unbekannte Details der Berliner Kunst- und Wissenschaftsgeschichte zu Tage. So basiert die Weltverbesserungsmaschine auf der Annahme, dass einzig durch die richtige Zusammenstellung bestimmter Wissens- und Erkenntnisträger, also von Artefakten aus Kunst und Wissenschaft, die Welt verbessert werden könne. Welche Teile hierfür notwendig wären und die korrekte Ordnung der Dinge herauszufinden, sei sowohl die Aufgabe der Wissenschaften als auch der Künste – so die im 18. Jahrhundert ausformulierte Haltung. In den im 19. Jahrhundert gegründeten Museen sollten dann auch die notwendigen Erkenntnisträger, die möglicherweise für den Bau der Maschine in Frage kämen, gesammelt und archiviert werden. Zu diesem Zweck wurden künstlerische und wissenschaftliche Produkte aus der ganzen Welt zusammengetragen, die bis heute in den Berliner Museen aufbewahrt werden und den Reichtum an Exponaten in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ausmachen.

Wirkung der Weltverbesserungsmaschine im 18. Jahrhundert umstritten

Die Zusammenfügung dieser Artefakte aus Kunst und Wissenschaft sollte eine für unmöglich gehaltene Wirkung hervorbringen. Was allerdings die Weltverbesserungsmaschine erreichen würde und könnte, war schon im 18. Jahrhundert umstritten. So wurde seiner Zeit zwar vielerorts über eine „andere Welt“, die Befreiung des Menschen von Sklaverei sowie über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gesprochen. Gottfried Wilhelm Leibniz, der erste Präsident der Akademie der Wissenschaften, war hingegen der Meinung, da der allwissende Gott alle Welten geprüft und die bestehende als die beste aller möglichen ausgewählt hat, könne die Weltverbesserungsmaschine „nur“ zu einer Verfeinerung der bestehenden Ordnung beitragen. Auch heute kann über die Funktionsweise der Maschine nur spekuliert, ihre Wirkung nicht im Vorhinein beschrieben werden. Sichere Antworten könnte letztlich nur der tatsächliche Bau der Weltverbesserungsmaschine geben.

Doch nicht nur in Berlin, sondern auch an anderen Orten wurde und wird nach wie vor versucht, Weltverbesserungsapparaturen zu bauen. Eine zentrale Rolle bei diesen Experimenten spielten häufig pyramidale Konfigurationen – erinnert sei nur an die mesopotamischen Zikkurate, die Pyramiden von Gizeh, die mexikanischen Stufenpyramiden von Teotihuacàn, die erzgebirgischen Weihnachtspyramiden und die von Richard Buckminster Fuller 1965 entworfene riesige Pyramide „tetrahedral city“, die in die Bucht von San Francisco geplant war. Aktuelle pyramidale Versuchsanordnungen finden sich darüber hinaus in der Großen Pyramide von Dessau sowie in der regen Forschungstätigkeit in der ehemaligen Sowjetunion. So ließ zum Beispiel die GAZPROM neben einem Gasfeld in Astrachan in Russland eine pyramidale Weltverbesserungsmaschine errichten, mit deren Hilfe Umweltprobleme behoben werden sollten. Insgesamt befinden sich in der ehemaligen Sowjetunion heute fast 20 solcher Versuchsmaschinen.

In Berlin wurden die exklusiven Wissensbestände sowie die Ergebnisse der Forschungen über den Bau und die Funktionsweise der Weltverbesserungsmaschine über Jahrhunderte in den Akademien und Museen von Generation zu Generation weitergegeben. Einen Höhepunkt erreichten die Arbeiten hierzu in den 1920er Jahren, die allerdings ein jähes Ende fanden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts erweiterten sich die Wissensbestände sowohl in den Wissenschaften und als auch in den Künsten immens. Neue künstlerische und wissenschaftliche Erkenntnisse wurden gewonnen, neue Erfindungen und Entdeckungen (Penicillin, Atomenergie, Computertechnik) gemacht und parallel dazu wuchsen die Sammlungen in den Berliner Museen stetig an.

Ende 2012 erste Ergebnisse der Rekonstruktion

Gleichzeitig geriet die eigentliche Aufgabe der Akademien und der Museen mehr und mehr in Vergessenheit, und selbst dort wo die Arbeit an der Weltverbesserungsmaschine noch verfolgt wird, arbeiten Künste und Wissenschaften häufig getrennt von-, wenn nicht gar gegeneinander. Erschwerend kommt leider hinzu, dass die Überlieferung in den vergangenen Jahrzehnten lückenhaft ist.

In den Archiven finden sich nur wenige, indirekte Hinweise auf das gigantische Vorhaben zum Bau einer Weltverbesserungsmaschine. Viel Wissen ist durch die politischen Zäsuren, den Zweiten Weltkrieg und die Teilung der Stadt verloren gegangen. Allen Widrigkeiten zum Trotz wurde im Umfeld der Akademien und Museen, wenn auch nur rudimentär, weiter an diesem Projekt gearbeitet. Dabei erschienen die vorhandenen Fragmente eher als unverständlicher Mythos, denn als konkrete Bauanleitung. Erst durch die Dekodierung der Unterlagen verfügen wir heute über Bruchstücke, die uns von Versuchsanordnungen und Experimenten erzählen, von Vergangenheit und Zukunft und davon, wie sich die Idee der Weltverbesserungsmaschine selbst veränderte und weiter entwickelte. Auf der Grundlage dieser Einsichten sollen Ende 2012 erste Ergebnisse des Rekonstruktionsprojekts der Berliner Weltverbesserungsmaschine der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und die Lücke zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Realität und Fiktion geschlossen werden.

Friedrich von Borries ist Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der HFBK Hamburg sowie Mitglied der Jungen Akademie.

Jens-Uwe Fischer ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projektbüro Friedrich von Borries in Berlin.

Die Rekonstruktion der Weltverbesserungsmaschine ist ein Kooperationsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der HFBK Hamburg und der Jungen Akademie unter Leitung von Friedrich von Borries.

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