zum Hauptinhalt
Michael Müller und die FU.

© Fotos:imago-images; Collage: Kostrzynski | Tagesspiegel

Tagesspiegel Plus

Druck auf die Freie Universität erhöht sich: „Inakzeptabel“ - Müller kritisiert Wahlintrige an FU

Das heimliche Agieren der FU-Kanzlerin gegen den Präsidenten beschäftigt die Berliner Politik. Jetzt äußert sich der Regierende Bürgermeister im Tagesspiegel - ungewöhnlich deutlich.

Die Kanzlerin der Freien Universität, Andrea Bör, hat ohne Wissen der Uni-Gremien eine Personalagentur engagiert, um Gegenkandidaten zu FU-Präsident Günter M. Ziegler zu finden. Zu dieser Wahlintrige hat sich nun der noch amtierende Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) geäußert – und zwar ungewöhnlich kritisch.

Müller ist in den Fall involviert, weil seiner Senatskanzlei für Wissenschaft eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Kanzlerin Bör vorliegt. „Das eine ist die rechtliche Seite, und die wird selbstverständlich von der Senatskanzlei mit der gebotenen Sorgfalt geprüft“, sagte Müller dem Tagesspiegel auf Anfrage.

„Das andere ist die grundsätzliche Frage, welche Haltung man gegenüber der akademischen Selbstverwaltung an den Tag legt“, fügte Müller hinzu. „Sie in einer so zentralen Angelegenheit zu ignorieren, zeugt offensichtlich von Misstrauen und mangelndem Respekt gegenüber Hochschulgremien. Das ist inakzeptabel.“

Michael Müller, noch Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator. Seine Äußerungen dürften den Druck auf die FU erhöhen.
Michael Müller, noch Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator. Seine Äußerungen dürften den Druck auf die FU erhöhen.

© imago images/Political-Moments

Dass Bör eine Personalagentur engagiert hatte, um Präsident Ziegler loszuwerden, war am Dienstag durch Tagesspiegel-Recherchen öffentlich geworden. Die Affäre erschüttert die FU. Schon am Mittwoch hatte die CDU den Rücktritt von Kanzlerin Bör gefordert. Mit den Äußerungen von Müller dürfte der Druck auf die Uni zu handeln weiter steigen. Stefan Förster, Wissenschaftsexperte der FDP, forderte ebenfalls eine genaue Rechtsprüfung der Vorgänge und gegebenenfalls Konsequenzen für die Kanzlerin.

Einige Profs stifteten die Kanzlerin mit an

Die Lage an der FU dürfte noch explosiver geworden sein, seitdem im Akademischen Senat (AS) bekannt wurde, dass einige Professor:innen die Kanzlerin mit dazu angestiftet hatten, heimlich Headhunter zu engagieren. Dabei handelte es sich ausgerechnet um Professor:innen von Zieglers eigener Liste „Vereinte Mitte“.

Wie berichtet, kann sich Ziegler der Unterstützung seiner eigenen Liste nicht sicher sein. Sein Zerwürfnis mit Bör, das seit längerem die Uni lahmlegen soll, ist ein Grund dafür. Zwar gibt es viele an der FU, die in der Amtsführung Börs die Ursache für das Zerwürfnis sehen. Einige unter den Professor:innen machen aber Ziegler dafür verantwortlich nicht richtig durchzugreifen.

Sie werfen ihm auch vor, er würde sich politisch nicht genügend durchsetzen und habe etwa die Novelle des Berliner Hochschulgesetzes nicht verhindern können. Kritisiert wird unter anderem ein Passus, der Post Doktoranden unbefristetet Arbeitsverhältnisse sichern soll.

Wir müssen eher über die Kultur an unseren Universitäten reden als über einzelne Präsidenten.

Tobias Schulze, Wissenschaftsexperte der Linken

In Bezug auf diese Vorwürfe äußerte auch Tobias Schulze, Wissenschaftsexperte der Linken, sein Unverständnis über die Vorgänge an der FU und die Einstellung der Professor:innen. „Wenn die Kernkompetenz eines Uni-Präsidenten die Verhinderung besserer Arbeitsbedingungen im wissenschaftlichen Mittelbaus sein soll, dann müssen wir eher über die Kultur an unseren Universitäten reden als über einzelne Präsidenten“, erklärte Schulze auf Anfrage.

Die Freie Universität zum Semesteranfang - so idyllisch wie hier auf dem Bild geht es aktuell bei weitem nicht zu.
Die Freie Universität zum Semesteranfang - so idyllisch wie hier auf dem Bild geht es aktuell bei weitem nicht zu.

© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Aus den Reihen des Akademischen Senats bringt der Archäologie-Professor Reinhard Bernbeck eine Verschiebung des Wahltermins auf Mai und eine entsprechende Verlängerung der Bewerbungsfrist um die FU-Präsidentschaft ins Gespräch. „Ich halte solche Überlegungen für wichtig, um eine intensive Findungs- und auch Konsolidierungsphase zu ermöglichen“, sagte Bernbeck am Freitag dem Tagesspiegel.

Bernbeck gehört im AS zur linken Gruppierung „Dienstagskreis“, also nicht zu der Professorenliste, die für die aktuellen Vorgänge mitverantwortlich ist. Aus Bernbecks Sicht biete es sich an, zum ursprünglich geplanten Mai-Termin zurückzukehren. Derzeit sei die Universität „im Lehr- und Forschungsalltag in einer sehr guten Verfassung“, gebe aber nach außen ein „chaotisches Bild“ ab.

„Fataler Zeitdruck“ für Präsidiumswahl

Unter dem aktuellen „fatalen Zeitdruck für die Präsidiumswahl“ - am 29. Oktober endet die Bewerbungsfrist, im Februar soll gewählt werden - drohe das Alltagsgeschäft der Universität vom Studienbetrieb unter Coronabedingungen bis zu drängenden Haushaltsfragen „in Mitleidenschaft gezogen zu werden“.

Bernbeck, der als Sprecher des Dienstagskreises die Außerordentliche AS-Sitzung zur Causa Bör am Mittwoch dieser Woche beantragt hatte, fordert eine lückenlose Aufklärung des Alleingangs der Kanzlerin.

Bernbeck selber gehört der am Mittwoch eingesetzten Arbeitsgruppe an, die die Vorgänge untersucht. Vieles sei schon zur Sprache gekommen, nicht aber die gesamte Dimension der Beauftragung einer Personalagentur. Zu diesen und etwaigen sonstigen Versäumnissen der Uni-Kanzlerin wollte sich Bernbeck auf Anfrage nicht äußern.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false