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Trotz Distanzierungsempfehlung erreichte das öffentliche Leben hohe Betriebsamkeit.

© Christophe Gateau/dpa

Von wegen Superspreader-Jugend: Eine Studie liefert überraschende Erkenntnisse zum Umgang mit Pandemie

Das Institut ISDC befragt Menschen weltweit nach ihrem Leben in der Coronakrise. Nun wollen die Forschenden Berlinerinnen und Berliner befragen.

Das Coronavirus habe nicht nur eine medizinische Pandemie verursacht, sondern auch eine soziale. „Das Virus hat die Lebensumstände von Milliarden von Menschen weltweit mit einer beispiellosen Geschwindigkeit und Kraft verändert“, sagt Tilman Brück, Direktor des International Security and Development Center (ISDC) in Berlin.

Brück bezieht sich mit seiner Aussage auf Ergebnisse einer globalen Umfrage, die er mit seinem Team vom ISDC und Partnern seit März regelmäßig fortführt. Bis Oktober waren dafür 12.000 Teilnehmende aus mehr als 130 Ländern befragt worden.

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Frauen überproportional betroffen

Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Befragung aus den ersten sechs Monaten zählt, dass junge Erwachsene aktiv viele Maßnahmen treffen, um der Pandemie entgegenzuwirken, während ältere Menschen unbesehen ihres höheren Risikos allgemein weniger besorgt sind.

„Das unterstreicht die Existenz von Generationen-Ungleichgewichten in den Auswirkungen der Pandemie sowie die Bedeutung einer koordinierten sozioökonomischen und gesundheitlichen Versorgung für die Reaktion auf die Pandemie“, schreiben die Forschenden, die ihre Ergebnisse März-Oktober als Preprint veröffentlicht haben.

Eine weitere Erkenntnis ist, dass sich der Corona-Stress in den Familien überproportional stark auf Frauen auswirkt, was auch schon andere Untersuchungen gezeigt hatten.

Die Befragung ergab auch, dass jüngere Menschen eher bereit sind, einen größeren Anteil ihres Einkommens zu opfern, um das Virus zu stoppen, als ältere Befragte. Ein Großteil der Studienteilnehmer gab zudem an, dass Impfstoffe weltweit zur Verfügung gestellt werden sollten. Eine Ausnahme machen hier nur die USA, dort gab eine Mehrheit der Befragten an, dass ihr Land vorrangig Zugang haben sollte.

Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist, dass nach einem Höhepunkt an Todesfällen durch Covid-19 im Frühjahr die Unterstützung der Pandemie-Maßnahmen in der Öffentlichkeit wieder gesunken war. Die Unterstützung für Gegenmaßnahmen sei im Allgemeinen im ersten halben Jahr der Pandemie hoch gewesen (mit einer durchschnittlichen Unterstützung von über vier auf einer Fünf-Punkte-Skala).

„Der deutliche Rückgang der Unterstützung nach dem Höhepunkt an Todesfällen deutet darauf hin, dass die Menschen restriktive Maßnahmen weniger befürworten, sobald man merkt, dass eine Welle vorübergegangen ist“, heißt es in dem Report.

Vorschnelle Rückkehr zur Normalität

Aktuelle Zahlen der Befragung aus dem Zeitraum vom 28. September bis 30. November zeigen nun allerdings, dass die Menschen angesichts steigender Fallzahlen ihr Verhalten sehr wohl wieder ändern. So hat sich die Zahl von Bekannten oder Familienmitgliedern, die die Befragten in diesem Zeitraum trafen sogar mehr als halbiert (von acht auf drei).

Seit Mitte Oktober stieg die Anzahl der Befragten, die bei solchen Treffen einen Mindestabstand von zwei Metern eingehalten hatten um zwölf Prozentpunkte von 46 auf 58 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Befragten, die öffentliche Verkehrsmittel mieden, um elf Prozentpunkte von 64 auf 75 Prozent. Die Lebenszufriedenheit hingegen fiel seit Anfang Oktober kontinuierlich, am stärksten war der Rückgang dieser Werte im Oktober.

„Inhaltlich können wir sehen, wie stark die Veränderung seit dem gelockerten Sommer ist“, kommentierte Brück die neuen Ergebnisse. Nach einer Phase der Unbedarftheit im Sommer sehen die Forschenden seit Oktober eine Rückkehr der Menschen in den Pandemie-Modus, die Abkehr aus einer vermeintlichen Normalisierung also.

Mit Blick auf die aktuellen Infektionszahlen werde aber deutlich, dass diese Anpassungen eben doch zu wenig waren und zu spät kamen.

„Wir leiden immer noch darunter, zu früh zur Normalität zurückgekehrt zu sein, der softe Lockdown ist ein Schatten der vermeintlichen Normalität im Sommer“, sagt Brück. Die Politik hätte wissen können, dass im Herbst und Winter viel härtere Maßnahmen nötig gewesen wären, weil der Aufenthalt in geschlossenen Räumen, kalte Luft und fehlendes Sonnenlicht die Verbreitung des Virus befördern.

Hinzu komme, dass exponentielles Wachstum weithin nicht verstanden werde: Eine Kurve, die lange flach aussieht, kann dadurch eben plötzlich steil ansteigen, gibt Brück zu bedenken. „Die Politik hat sich im Sommer aus dem vorausschauenden Handeln verabschiedet.“

Berliner Umfrage

Tilman Brück, der aus der Friedens- und Konfliktforschung kommt, weiß, dass Menschen lernen, mit massiven Bedrohungen umzugehen. So werde beispielsweise andauernde Gewalt in Kriegs- und Krisengebieten nach längerer Zeit als weniger bedrohlich empfunden. „Es ist irrational, aber obwohl jetzt mehr Menschen sterben, machen sich viele Menschen weniger Sorgen als zum Beginn der Krise.“

Am 1. Oktober war die zweite Runde von Befragungen gestartet worden. Im Prinzip mit den gleichen, nur leicht angepassten Fragen, um Veränderungen erkennen zu können. Zusammen mit dem Tagesspiegel (siehe unten) versuchen die Forschenden nun auch ein hochaufgelöstes Bild von Berlin zu generieren. Sollten sich ausreichend Teilnehmer für die Befragung finden, könnte es möglich sein, Ergebnisse nach Bezirk differenziert zu betrachten.

Die Befragungen laufen seit März permanent, die Forschenden können jederzeit aktuelle Daten dazu aus ihrer Datenbank herausziehen und je nach Lage eine aktuelle Auswertungen produzieren.

Der Medizinsoziologe Holger Pfaff hält den Fragebogen der Umfrage für gut aufgebaut und professionell, die nötigen psychometrischen Skalen seien vorhanden. Die Studie sei vom Umfang her beeindruckend. „Es stellt eine enorme Leistung dar, über die verschiedenen Länder hinweg, eine solche Befragung durchzuführen“, lautet seine Einschätzung.

Allerdings hält Pfaff die Angaben zur Methodik der Studie für unzureichend und bezweifelt, dass es sich um repräsentative Stichproben handelt, da jeder teilnehmen könne, und dies offenbar auch mehrfach. Das könnte die Ergebnisse verzerren. So könnte es sein, dass beispielsweise mehr Personen aus dem Bildungsbürgertum teilnehmen, da sie eher von der Umfrage erfahren würden.

Dass die Teilnehmer der Umfrage wohl meist keine zufällige oder repräsentative Stichprobe einer zugrundeliegenden Grundgesamtheit bilden, ist auch den Machern der Studie klar. Daher würden sie eine statistische Gewichtung der erhobenen Antworten vornehmen, um mögliche Verzerrungen in den Schätzwerten zu korrigieren. Bei der Methodik achte man zudem darauf, dass sie gut designt und vorsichtig umgesetzt ist, erklärte Brück.

Die Zwischenergebnisse werden meist als „Insights“ auf der ISDC-Homepage publiziert. Gegenwärtig arbeitet das Team an einem zusammenfassenden Artikel für eine wissenschaftliche Publikation.

Vergessene Krisen-Opfer

Den sozialen Aspekt der Pandemie sieht der Entwicklungsökonom Brück, der Gründer des ISDC ist und parallel am Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) eine Forschungsgruppe leitet, vor allem in den Unterschieden, wie die Pandemie die Menschen treffe.

„Einige haben in der Krise einen Sprung nach vorne gemacht, andere trifft es richtig hart. Das muss man mitdenken.“ Alleinstehende ältere Menschen haben oft Sorge, aus dem Haus zu gehen, andere verlieren ihren Job, wiederum andere können in Berufssparten Fuß fassen, die nun an Bedeutung gewonnen haben.

„Die sozialen Ungleichheiten spielen relativ selten eine Rolle bei der Entscheidungsfindung“, bemängelt der Konfliktforscher. Die Präventionsmaßnahmen würden sich immer in den gleichen Bahnen bewegen. „Es ist in vielen Bereichen wenig getan worden, während in wenigen Bereichen, viel diskutiert wird.“ Und: „Es gibt viele Warner, aber nur wenige, die das ernst nehmen und darauf reagieren.“

Aus der Konfliktforschung bringt Brück die Erwartung mit, dass die Pandemie die Gesellschaft noch für lange Zeit auf komplexe Weise prägen wird. Krisen sind oft strukturverändernd. Diese Strukturen sind sehr langlebig und werden manchmal erst durch neue Umbrüche wieder umgeformt.

Als Beispiel führt Brück den Begriff „Nordpol“ in der Buchstabiertafel an. Er war von den Nazis eingeführt worden, um den Namen „Nathan“ zu umgehen. Bis in unsere Tage war er gebräuchlich, erst jetzt soll er geändert werden. „Bestimmte Dinge werden als das neue Normal hingenommen“, erklärt Brück. Doch für Krisenverlierer bedeutet die Situation oft ein endgültiges Aus.

„Diejenigen, die jetzt unter die Räder kommen, sind nach der Pandemie kein Thema mehr. Es macht mir Sorge, dass diese Krisen-Opfer aus dem Blickfeld geraten“, sagt der Ökonom.

Wie erleben Sie die Corona-Pandemie? Wie verändern sich Ihr Wohlbefinden, Ihre sozialen Kontakte, Ihre Arbeitssituation? Wissenschaftler*innen von zwei Forschungsinstituten untersuchen diese Fragen im Rahmen der Online-Umfrage „Leben mit Corona“.

Wir laden Sie ein, als Leser*in des Tagesspiegels, an der Online-Umfrage teilzunehmen. Die Umfrage dauert rund 15 Minuten und alle erhobenen Daten werden streng vertraulich behandelt. Im Januar 2021 werden die Ergebnisse aus den unterschiedlichen Bezirken veröffentlicht. Und unter allen Teilnehmer*innen im Dezember verlosen die Forschungsinstitute zehn Einkaufsgutscheine im Wert von je 50 Euro. Teilnahme unter diesem Link: www.lifewithcorona.org/tagesspiegel

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