Ernährungsforschung : Bio-Kost könnte vor Krebs schützen

Eine Studie legt nahe, dass Bio-Esser seltener an Brust- und Lymphdrüsenkrebs erkranken. Aber sie hat Schwächen – wie viele Untersuchungen auf dem Gebiet.

Ist Bio auch gesünder? Hinweise gibt es, ein Beweis aber steht immer noch aus.
Ist Bio auch gesünder? Hinweise gibt es, ein Beweis aber steht immer noch aus.Foto: David Ebener/dpa/lsw

Es ist ein oft gefasster Vorsatz fürs neue Jahr: sich gesünder ernähren. Ob dafür häufiger Bio-Lebensmittel auf den Tisch kommen sollten, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Die wachsende Anhängerschaft von Bio-Kost jedenfalls dürfte sich über die Ergebnisse einer Untersuchung französischer Forscher freuen: Ökologisch erzeugte Lebensmittel könnten demnach vor Brustkrebs und Lymphomen schützen.

Das Risiko war um ein Viertel niedriger

Die Wissenschaftler um Julia Baudry von der Université Paris 13 werteten die Daten von fast 70.000 erwachsenen Teilnehmern aus. Sie hatten per Fragebogen beantwortet, wie oft sie bestimmte Lebensmittel als Bio-Varianten essen, etwa Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Eier, Brot und Schokolade. In den darauffolgenden Jahren – im Schnitt wurden die Teilnehmer viereinhalb Jahre beobachtet – berichteten 1340 Menschen von einer neu aufgetretenen Krebserkrankung. Am häufigsten war Brustkrebs (34,3 Prozent) gefolgt von Prostata-Krebs (13,4), Hautkrebs (10,1), Darmkrebs (7,4) sowie Lymphomen, also Krebs des Lymphsystems (4,6).

Bei denjenigen Teilnehmern, die besonders häufig Bio-Lebensmittel verzehrt hatten, fand sich ein erheblich geringeres Risiko für Brustkrebs nach der Menopause sowie für Lymphome. Teilnehmer mit dem höchsten Bio-Lebensmittelkonsum hatten ein um 25 Prozent geringeres Risiko als die Teilnehmer, die am wenigsten Bio-Kost verzehrten, schreiben die Forscher im Fachblatt "Jama Internal Medicine".

Sie vermuten hinter den schützenden Effekten vor allem den geringeren Gehalt an Pestiziden in Bio-Lebensmitteln. Von einigen Pestiziden ist bekannt, dass sie das Krebsrisiko erhöhen. Und Bio-Lebensmittel weisen Untersuchungen zufolge weniger Pestizidrückstände auf als konventionell erzeugte Lebensmittel, weil im Ökolandbau der Einsatz dieser Mittel weitgehend verboten ist.
"Die Reduzierung der Lymphome wäre mit dieser Pestizid-Hypothese grundsätzlich konsistent", sagt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Auch für Brustkrebs hält er einen Zusammenhang aufgrund der hormonähnlichen Wirkung einiger Pestizide für grundsätzlich plausibel. Die Studie allein liefere aber keine überzeugenden Beweise, um zur Krebsvorsorge auf Bio-Kost umzusteigen.

Auch Nicht-Bio-Lebensmittel halten die Pestizid-Grenzwerte meist ein

Denn dafür, dass die Pestizid-Belastung bei den Bio-Essern tatsächlich geringer war, liefern die Wissenschaftler keine Beweise. "Eigentlich hätten die Forscher die Pestizid-Belastung im Blut messen sollen, dann wäre der Zusammenhang eindeutiger", sagt Tilman Kühn vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

So aber bestehe auch die Möglichkeit, dass andere Faktoren, wie etwa ein allgemein gesünderer Lebensstil, für den beobachteten Effekt verantwortlich sind, "auch wenn die Forscher wichtige bekannte Risikofaktoren herausgerechnet haben, etwa das Rauchverhalten".

Außerdem liegen auch bei nicht biologisch erzeugten Lebensmitteln die Werte für Pestizid-Rückstände in Deutschland und der EU in den allermeisten Fällen innerhalb der Grenzwerte. Dem aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zufolge war mehr als die Hälfte der fast 85.000 im Jahr 2016 stichprobenartig getesteten Lebensmittel vollständig frei von Pestizid-Rückständen, mehr als 96 Prozent lagen innerhalb der Grenzwerte. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel meldet für 2016 bei 1,7 Prozent der Proben (PDF) aus Deutschland Überschreitungen der Pestizidrückstände.

Die Ergebnisse der französischen Forscher können theoretisch bedeuten, dass die Grenzwerte, die für sicher gehalten werten, nicht wirklich sicher sind und neu bewertet werden müssen. Dieser Schluss sei aber vorschnell, solange der in der Studie gefundene Schutz von Bio-Lebensmitteln nicht mit einer gleichzeitigen Messung von Pestizidrückständen in Blut oder Urin in Zusammenhang gebracht werden könne, sagt Ernährungswissenschaftler Boeing.

Krebsrisiko durch Übergewicht

Generell liegen nur für wenige Lebensmittel Hinweise vor, dass sie das Krebsrisiko beeinflussen: "Der häufige Verzehr von rotem Fleisch wie Rind oder Schwein wird mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Verbindung gebracht, ein hoher Ballaststoff-Anteil in der Nahrung etwa aus Vollkornprodukten scheint hingegen davor zu schützen", sagt Kühn. Der größte Risikofaktor für Krebs im Bereich Ernährung aber sei Übergewicht. Etwa sechs bis sieben Prozent der Krebsfälle ließen sich darauf zurückführen – und das über verschiedene Krebsarten hinweg.

Einen Mechanismus, wie Übergewicht zu Krebs führen kann, beschrieben Wissenschaftler kürzlich im Fachblatt "Nature Immunology". Sie zeigten in Zell- und Tierversuchen, dass überschüssiges Fett die natürlichen Killerzellen des Immunsystems lahmlegt. Sie bekämpfen normalerweise Tumorzellen sowie auch andere, mit Viren infizierte Zellen. Das Fett lässt sie anscheinend verklumpen, sodass sie die entarteten Zellen zwar noch erkennen, aber nicht mehr attackieren können.

Das ist nur eine Art, wie Übergewicht und Krebs zusammenhängen könnten. Ein erhöhter Fettanteil am Rumpf könnte auch den Gehalt an verschiedenen Fetten und Entzündungsbotenstoffen im Blut steigern und so für das Risiko für Brustkrebs erhöhen, wie Forscher im Fachblatt "Jama Oncology" schreiben.

Wer sein Krebsrisiko durch die Ernährung senken möchte, sollte also nach derzeitigen Erkenntnissen Übergewicht möglichst vermeiden. Mehr als 30.000 Krebsfälle dürften nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums im Jahr 2018 auf zu hohes Gewicht zurückgehen.

Insgesamt seien jährlich 165.000 Krebsfälle in Deutschland vermeidbar – durch Rauchverzicht, gesunde Ernährung oder mehr Sport. Bio-Kost dürfte dabei eine vergleichsweise eher untergeordnete Rolle spielen. "Es gibt viele gute Gründe, Bio-Lebensmittel zu kaufen und zu essen", sagt Kühn. Dass das Krebsrisiko durch sie sinkt, darauf gebe die Studie zwar Hinweise, sie beweise es aber nicht.

Ist Bio-Kost generell gesünder?

Und auch darüber, ob Bio-Nahrungsmittel generell gesünder sind als konventionelle, sind sich Wissenschaftler nicht einig. Eine große Übersichtsarbeit fand 2012 keine Unterschiede zwischen beiden Ernährungsformen. Allerdings haben seitdem einige Studien gezeigt, dass es durchaus welche geben könnte.

So konnten Wissenschaftler in einer Sechsjahres-Studie zeigen, dass biologisch angebaute Zwiebeln höhere Anteile an den als gesundheitsförderlich geltenden Flavonoiden und eine höhere antioxidative Aktivität haben als konventionell hergestellte Zwiebeln.

Und in Biofleisch finden sich einer Studie zufolge im Vergleich zu konventionell erzeugtem Fleisch größere Anteile an Omega-3-Fettsäuren, die als herzgesünder als gesättigte Fettsäuren gelten. Wissenschaftler führen das vor allem auf die Ernährung in der Bio-Landwirtschaft zurück, bei der Tiere durchschnittlich mehr Gras fressen und mehr Zeit im Freien verbringen.

All das sind aber nur Hinweise. Ob sich durch den vermehrten Konsum ökologisch erzeugter Lebensmittel tatsächlich auch Vorteile bei der Gesundheit ergeben, darüber wissen Forscher bislang noch zu wenig.

(fsch/dpa)

ANMERKUNG DER REDAKTION: "Schützt Bio-Kost vor Krebs?" oder "Diskussion über möglichen Schutz vor Krebs durch Bio-Kost" oder "Bio-Kost könnte vor Krebs schützen" - Die Diskussion darüber, welche Überschrift für diesen Text angesichts der nicht definitiven Aussagen der Studie angemessen ist, hat auch die Redaktion vor der Veröffentlichung geführt - so wie jetzt auch unsere Leser auf Twitter. Am Ende haben wir uns für diese Konjunktiv-Variante entschieden: "Bio-Kost könnte vor Krebs schützen" - kombiniert mit einem einschränkenden, einordnenden Vorspann.

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