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Die genetische Vielfalt der Wildkaninchen ist in der Stadt größer ist als auf dem Land.
© mauritius images / Masterfile RM

Warum es Karnickel in die Städte zieht: „Es fällt leichter, mal den Nachbarbau zu besuchen“

Verhaltensbiologin Madlen Ziege hat herausgefunden, dass es Wildkaninchen aus ähnlichen Gründen wie die Menschen in Großstädte zieht. 

Frau Ziege, wie kommen Sie darauf, dass Wildkaninchen sich ähnlich verhalten wie Menschen?
Kaninchen sind Säugetiere und haben mit uns Menschen viele Ähnlichkeiten, die man erst gar nicht vermuten würde. Kaninchen sind zum Beispiel sehr soziale Tiere, sie leben oft in Gruppen zusammen, Männchen und Weibchen in einem Bau. Es gibt klare hierarchische Strukturen, die sie über eine intensive Kommunikation aufrechterhalten – fast schon über Kommunikationsnetzwerke, wie wir sie von uns Menschen her kennen.

Social Media im Kaninchenbau?
Sozusagen. Bei den Kaninchen läuft die Kommunikation vor allen Dingen über Duftstoffe ab, die sich im Kot und Urin befinden. Das sind einerseits Hormone aus dem Körper, andererseits stammen die Duftstoffe direkt aus der Drüse, die sich am After befindet, und werden dem Kot beigemischt.

Ob gerade Reproduktionszeit ist, ob es ein Männchen oder Weibchen ist, welchen Rang es innehat – all diese Informationen sind im Kot und Urin enthalten. Kaninchen kommen immer an die gleichen Plätze – die sogenannten Latrinen. Hier legen sie gemeinsam Kot und Urin ab und tauschen darüber Informationen aus. Das machen sie nicht irgendwo, sondern es sind strategisch angelegte Plätze, an denen sich die Kaninchen wie an einer Litfaßsäule treffen, um die neuesten Informationen auszutauschen.

Es gibt Plätze für die Kommunikation innerhalb der eigenen Gruppe, diese liegen sehr nah am Bau. Latrinen, die weiter weg vom Bau liegen, dienen hingegen der Abgrenzung zu anderen Gruppen.

Auch Menschen kommunizieren über Sprüche auf Toilettenwänden.
Da gibt es durchaus Parallelen. Latrinen sind Plätze, wo jeder mal hinmuss – und dann alles mitbekommt, was gerade neu ist. Das sind Treffpunkte.

Sie haben auch festgestellt, dass sich Kaninchen beim Thema Landflucht ähnlich wie Menschen verhalten.
Lebewesen zieht es immer dorthin, wo sie Ressourcen finden, Nahrung und Schutz beispielsweise. Seit 2011 untersuche ich die Kaninchenpopulationen in der Innenstadt von Frankfurt am Main. Alle meine Ergebnisse weisen darauf hin, dass sie die geschäftige Stadt bevorzugen, weil sie vor Ort alles finden, was sie brauchen.

Sie leben sozusagen in Saus und Braus. Erst die genetische Studie hat uns dann bestätigt, dass die Kaninchen, die sich in der Stadt angesiedelt haben, aus dem ländlichen Raum eingewandert sind – und sich seit vielen Generationen dort befinden. Aktuell besteht noch ein Genaustausch, aber vor allem vom Land in die Stadt hinein und nicht andersherum.

Eine neue Tendenz also?
Laut Aufzeichnungen der Stadt Frankfurt gibt es dort bereits seit 1930 Kaninchen. In einer Quelle von 1827 gibt es sogar Hinweise darauf, dass die Tiere bereits seit dem 19. Jahrhundert in der Stadt ansässig sind. Da sich Kaninchen relativ schnell reproduzieren, kann man den Genfluss gut betrachten. Und wir haben festgestellt, dass die genetische Vielfalt in der Stadt größer ist als auf dem Land.

Das klingt erst einmal recht unerwartet.
Ja, das hat uns überrascht. Offenbar rührt das daher, dass die verschiedenen Kaninchengruppen in der Stadt relativ eng beieinander wohnen. Da fällt es leichter, mal den Nachbarbau zu besuchen. Die ursprüngliche Population hatte sich aus Kaninchen zusammengesetzt, die aus verschiedenen Richtungen vom Land kamen. In Frankfurt trafen sich diese Population dann und konnten sich eifrig vermischen. Auf dem Land sieht das anders aus.

Warum?
Hier leben verschiedene Kaninchengruppen zum Teil so weit voneinander entfernt, dass sie sich kaum oder gar nicht miteinander vermischen.

Auch wieder ähnlich wie bei den Menschen.
Tatsächlich drängt sich der Vergleich auf. In größeren Städten treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander und haben dann bisweilen zusammen Kinder. Insbesondere in den ländlichen Regionen der Herkunftsländer kommt so eine Vermischung meist nicht in diesem Ausmaß vor – man denke nur an die vermehrten Fälle von Inzucht in früheren Zeiten auf dem Land.

Madlen Ziege (37) hat die Studie zusammen mit einem Team in ihrer Zeit an der Universität Potsdam erstellt. Die Untersuchung ist im Februar 2020 in „Scientific Reports“ erschienen.
Madlen Ziege (37) hat die Studie zusammen mit einem Team in ihrer Zeit an der Universität Potsdam erstellt. Die Untersuchung ist im Februar 2020 in „Scientific Reports“ erschienen.
© Kathleen Friedrich

Gibt es eine Zunahme der Kaninchen in den Städten?
In den Städten haben allgemein die Wildtiere zugenommen, die Tendenz gibt es seit mehreren Jahren. In Frankfurt allerdings habe ich in den letzten Jahren einen Rückgang der Wildkaninchen beobachtet.

Was ist passiert?
Eine Antwort könnte sein, dass es den einst so paradiesischen Zustand nicht mehr gibt. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass die einst dichte Vegetation in den Parks vom Grünflächenamt stark zurückgeschnitten wurde. Zudem gibt es auch einen natürlichen Prozess: Wo viele Tiere auf enger Fläche zusammenleben, können sich beispielsweise Krankheitserreger besser ausbreiten.

Warum hat es die Tiere überhaupt in die Stadt gezogen? In der freien Wildbahn müsste es sich doch viel besser leben lassen.
Nein, es ist eben gerade andersherum. In Frankfurt haben sich die Kaninchen in dem inneren Grünstreifen und größeren Parkbereichen angesiedelt. In den dichten Hecken, den Begrenzungen der Grünflächen fühlen sie sich wohl. Im Umland hingegen ist die Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten intensiviert worden.

Kaninchen brauchen aber abwechslungsreiche Strukturen, in denen sie Deckung finden. Auf offenen Wiesen ist es schlecht, einen Bau anzulegen, der Feinddruck ist dort größer als in der Stadt. Viele Selektionsfaktoren, die es auf dem Land gibt, sind in der Stadt weniger ausgeprägt.

Dort ist es auch zwei, drei Grad wärmer. Zumeist sind die Kaninchenbauten etwas kleiner, weil Straßen sie begrenzen. Die Tiere haben sich angepasst. Wir haben aber auch Bauten gefunden, die unter Straßen hindurchgingen.

Wie studiert man nun das Verhalten von Wildkaninchen in einer Stadt?
Verhaltensbiologie hat sehr viel mit Beobachtung zu tun. Da muss man sicherstellen, dass sich die Kaninchen nicht beobachtet fühlen. Das war in der Stadt relativ einfach, weil die Tiere dort an die Gegenwart der Menschen gewöhnt sind. Auf dem Land war das schon schwieriger, da mussten wir versteckt mit einem Fernglas arbeiten.

In Berlin stromern mittlerweile nachts Füchse durch die Innenstadt. Was besagen Ihre Ergebnisse dazu?
Inwieweit sich eine Art an das Leben in der Stadt anpasst, kommt immer auf die Tierart und die Struktur der Stadt an. Aus unseren Ergebnissen lassen sich jedoch generelle Schlüsse ziehen, und auf Städte beziehungsweise Säugetiere ähnlicher Größe übertragen. Letztlich werden unsere Städte in Sachen Artenvielfalt in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

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