Flucht aus Salzburg : Treck in die preußische Freiheit

Flüchtlingsstrom im Jahr 1732: Der Salzburger Erzbischof vertrieb Tausende von Protestanten. In Preußen integrierten sie sich, hielten aber an ihrer Identität fest.

Vier Monate unterwegs. Bis die Flüchtlinge endgültig angesiedelt waren, waren sie zur Untätigkeit verdammt. Die Alteingesessenen reagierten mit Unmut. – Der Kupferstich aus dem Jahr 1732 (anonym) zeigt die Flucht von Hanns Klammer aus Bischoffshofen.
Vier Monate unterwegs. Bis die Flüchtlinge endgültig angesiedelt waren, waren sie zur Untätigkeit verdammt. Die Alteingesessenen...Foto: dpa/p-a

Studenten aus Wittenberg brachten die neuen Lehren von Martin Luther bereits 1520 nach Salzburg. Die ländliche Bevölkerung war in der Zeit bis 1560, von Ausnahmen abgesehen, lutherisch geworden. Trotz mancherlei zum Teil sehr rigider Versuche, die Protestanten einzuschüchtern, blieben sie auf dem Land weitgehend unbehelligt. In den Gebirgsauen hatten sich im Unterschied zum flachen Land evangelische Gemeinden gebildet. Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde zwar die freie Religionsausübung zugesichert, der Druck der katholischen Kirche auf die Abtrünnigen aber blieb.

Der Glaubenskampf eskalierte, als der Salzburger Erzbischof Leopold Anton von Firmian im Jahr 1727 die Regierungsgeschäfte übernahm. In seinem Auftrag wurden im Land Religionsverhöre durchgeführt, um gegen das Ketzertum vorzugehen. Am 31. Oktober 1731 erging das Emigrationspatent, worin er die gruppenweise Vertreibung (jeweils 200 bis 300 Personen) der vom katholischen Glauben abgefallenen Salzburger anordnete. Nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen Rebellion und Störung des allgemeinen Friedens sowie Empörung gegen den rechtmäßigen Landesfürsten seien sie auszuweisen. Als Evangelische hatten sie das Recht, gemäß den Regeln des Westfälischen Friedens, binnen drei Jahren frei abzuziehen. Als Aufständische war ihnen dies aber wegen ihres angeblich aufrührerischen Verhaltens verwehrt.

Die Emigranten mussten sich registrieren lassen

Die sogenannten Unangesessenen – also Tagelöhner, Handwerker oder Arbeiter, insgesamt über 4100 – hatten das Land in sieben Zügen jeweils binnen acht Tagen nach Aufforderung zu verlassen. Den Angesessenen, also Grundbesitzern, wurde, je nach ihrem Steueraufkommen, eine Frist von einem bis zu drei Monaten gesetzt. Die über 14 000 Angesessenen wurden in 16 Züge eingeteilt, die jeweils an einem anderen Termin das Land zu verlassen hatten. Die Emigranten mussten sich bei den zuständigen Stellen registrieren lassen, so dass Listen mit Namen und Herkunft bestehen.

Am 2. Februar 1732 hatte der preußische König, Friedrich Wilhelm I. erklärt, die evangelischen Salzburger in seinem Land aufnehmen zu wollen. Die Gegend östlich von Gumbinnen in Ostpreußen, nahe der litauischen Grenze, war durch eine Pest stark entvölkert, so dass neben humanitären Gründen und der Idee der Toleranz gegenüber allen Religionen die Anwerbung von Arbeitskräften ebenfalls eine Rolle spielte.

Die Knechte und Mägde hatten ohne alle Mittel und ohne festes Reiseziel ihre Heimat verlassen müssen. Die Angesessenen konnten wenigstens einen Teil ihrer Habe auf Fuhrwerken mitnehmen; das Ziel ihrer Reise kannten sie, wenn auch nur vom Namen. Für ihre Güter hatten sie in der kurzen Zeit meist keine Käufer gefunden. Sie mussten darauf vertrauen, dass der König von Preußen ihnen zum Erlös für ihr zurückgelassenes Eigentum verhelfen würde.

Viele starben auf der langen Reise

Die sechzehn Züge der Angesessenen sind auf unterschiedlichen Routen durch die verschiedenen Territorien nach Preußen geführt worden, damit nicht immer dieselben Städte mit der Beherbergung der Emigranten belastet werden sollten. Vielerorts wurde der Wunsch geäußert, die Ausgewiesenen bei der Durchreise aufzunehmen. Ihre Glaubensstärke und ihr Mut waren bekannt geworden und hatten in der Bevölkerung zu großer Sympathie geführt. Bei ihrem Empfang wurden häufig Gottesdienste abgehalten. Anders sah es bei der Durchreise durch katholisches Gebiet aus. Hier kam es auch zu Übernachtungen im Freien und zur Verweigerung von Futter für die Pferde. Berichte von den Aufenthalten an den einzelnen Orten beschreiben die Trecks, die man fast einen Triumphzug nennen konnte. Das darf allerdings nicht über die Beschwernisse der Reise hinwegtäuschen, bei der es auch zahlreiche Tote zu beklagen gab.

Preußisches Personal organisierte die Trecks

Den „Exulanten“, wie man sie in der Sprache jener Zeit nannte, wurde Verpflegungsgeld zugesagt, die Trecks von preußischem Personal organisiert und begleitet. Wer von den Emigranten Pferd und Wagen besaß, wählte den Landweg; die anderen gelangten von Stettin aus mit Schiffen nach Königsberg. Die Reise dauerte im Durchschnitt knapp vier Monate.

Insgesamt kamen mehr als 15 000 Menschen aus dem Salzburger Land in Preußen an. Von ihnen zogen rund 12 000 nach Gumbinnen, wo die ersten am 17. Juni 1732 eintrafen. Bis zu ihrer festen Ansiedlung, der Wiederbesetzung (Retablissement) freier Hofstellen, mussten viele zunächst als Untermieter bei verschiedenen Einwohnern der Stadt überleben oder die Zeit bei Bauern auf den Dörfern verbringen. Als Quartiergeld (Miete) erhielten die Wirte zwei Taler pro Familie; jedes Salzburger Familienoberhaupt bekam zehn Taler und 12 Groschen, um sich für den Winter den erforderlichen Unterhalt beschaffen zu können.

Soweit die Salzburger noch nicht endgültig angesiedelt werden konnten, waren sie zunächst zur Untätigkeit verdammt. Dies führte bei der einheimischen Bevölkerung zu Unwillen und Ärger. Für die Eingewanderten veränderte sich die Gemütslage insofern, als sie bisher, bei ihrem Zug von der Bevölkerung mit Freude und Hochachtung empfangen worden waren. Jetzt galt es, eine neue Existenz zu schaffen. Das andere Klima, einsetzende Krankheiten, vermehrte Todesfälle verdeutlichten ihnen den eingetretenen Verlust ihrer bisherigen Umgebung und Heimat. Dies brachte Missmut und auch Widerspenstigkeit auf der einen Seite und Klagen darüber auf der anderen mit sich. Eine Beruhigung bewirkte die sehr intensive Religionsausübung. Sie gab den Ankömmlingen Halt und Orientierung.

Die Einwanderer galten als starrsinnig

Jeder Einwanderer blieb, was er gewesen war. Die Bauern erhielten an Grundbesitz etwa so viel wie sie in ihrer Heimat besessen hatten, dazu ein Wohnhaus mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden und Geräten. Von Abgaben waren sie für die ersten drei Jahre befreit.

Die Sesshaftmachung, wie die Ansiedlung genannt wurde, bereitete den Betroffenen, aber auch den königlichen Beamten oft große Probleme. Zwischen den Alpentälern des Salzburger Landes und den schwierig zu bewirtschaftenden Ländereien in der neuen Umgebung bestand ein erheblicher Unterschied. Der als starrköpfig bezeichnete Sinn der Einwanderer lehnte sich gelegentlich gegen die straffe, keinen Einspruch duldende preußische Ordnung auf. Jährlich wurden Berichte über das „Betragen und Gebahren der Salzburger“ vorgelegt. In einem ist davon die Rede, „die meisten seien zum Zorne geneigt, lassen sich aber mit Güte bald wieder besänftigen“, in einem anderen, dass sie sich gegenüber den Anfängen bedeutend gebessert hätten. Berichterstatter erklärten, sie wüssten absolut keine Fehler von den Salzburgern anzugeben. Das aus den Einzelberichten für den König zusammengestellte „Generalurteil“ fällt denn auch regelmäßig sehr positiv aus.

Zur Ghettobildung kam es nicht

Die Salzburger waren nach und nach auf verschiedene Dörfer verteilt worden, so dass fast keine geschlossenen Salzburger Siedlungen entstanden. Der Grund lag darin, dass sich bereits nach der Entvölkerung durch die Pest litauische Bauern angesiedelt hatten, auch Zuwanderer aus anderen Regionen, zum Beispiel Schweizer und Nassauer, zuvor zugezogen waren.

Weil es zu keiner Ghettobildung kam, haben sie vermutlich auch ihre Mundart nicht bewahren können. Die Angleichung der Sprache geschah offenbar schon nach zwei Generationen, nämlich bei den Enkeln der eingewanderten Großeltern. Während bekannt ist, dass mancherorts bei geschlossenen Ansiedlungen deutschsprachiger Auswanderer der Dialekt über Jahrhunderte erhalten blieb, ist er bei den Salzburgern verloren gegangen. Sie sprachen schließlich das unverwechselbare Ostpreußisch, obwohl sie einen unverkennbaren Hang zu einem Zusammenhalt untereinander pflegten.

Die Salzburger waren regelmäßige Kirchgänger

Dieser führte immerhin dazu, dass sie nicht nur eigene Schulen gründeten, sondern auch besondere Pfarrgemeinden mit eigenen Pfarrern hielten. Schon auf der Reise von Berlin nach Ostpreußen waren den Einwanderern junge Prediger mitgegeben worden, die nach den damals neuen Ideen des Pietismus in Halle ausgebildet worden waren. Kern der Lehre war die Bewährung des Menschen in täglicher Arbeit für seine Mitmenschen und der Nutzung der dem Menschen geschenkten Zeit. Barmherzigkeit und Nützlichkeit, Frömmigkeit und Fleiß waren bestimmende Elemente des täglichen Lebens. Die Salzburger waren regelmäßige Kirchgänger. Die Strenge und Schlichtheit der Lebensweise, gelegentlich bis zur Kargheit betrieben, war auch in der sehr zurückhaltenden Ausstattung der Kirchen erkennbar.

Die Salzburger fühlten sich bald zugehörig, aber bewahrten ihre Identität

Die „Salzburger“, wie sie genannt wurden, haben nach dem ersten Erschrecken über eine Umwelt, die sich von ihrer Heimat so extrem unterschied, rasch zu einem Gefühl der Landeszugehörigkeit gefunden, aber dennoch ihr Gruppenbewusstsein bewahrt. Was modernen Industriegesellschaften so schwer fällt, eine Integration von Zuwanderern, die nicht auf einem Identitätswechsel beruht, gelang im damaligen Preußen. Die Herkunft und das Wissen, dass die Vorfahren ihres Glaubens wegen standhaft geblieben sind und viel Mühsal auf sich genommen haben, war ein fester Bestandteil des Bewusstseins, wie es von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Bei aller Unterschiedlichkeit der damaligen Gegebenheiten zur heutigen Situation: auch aus der Geschichte der Salzburger kann man lernen.

Der Autor ist Nachfahre von Salzburger Emigranten. Zum Thema hat er ein Buch geschrieben: „Die Heimat nehmen wir mit. Ein Beitrag zur Auswanderung. Salzburger Protestanten im Jahr 1732, ihrer Ansiedlung in Ostpreußen und der Vertreibung 1944/45.“ 4. überarb. u. erw. Auflage 2014, 325 S., 26,50 Euro, ISBN 978-3-8305-3364-1

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