zum Hauptinhalt
Ermattende Scheibe. Zoom&Co. entfremden uns von den anderen und uns selbst.

© Getty Images/iStockphoto

Tagesspiegel Plus

Wir Zoom-Zombies: Darum hinterlassen uns digitale Treffen häufig erschöpft zurück

Digitale Medien können entfremdend und erschöpfend wirken, meinen Experten. Warum der direkte Kontakt nicht zu ersetzen ist. Eine Analyse. 

Juni 2022: Hände greifen wieder automatisch ineinander, Menschen fallen sich gelöst in die Arme. Wie in den Sommern der vergangenen Jahre, erscheint die Pandemie mit ihren Abstandsgeboten heute vielen wie ein surrealer Spuk. Doch unabhängig davon, ob es mit den sich ausbreitenden Omikron-Subtypen abermals ein böses Erwachen geben wird oder das Virus seinen Schrecken verliert und als Hintergrundrauschen einfach hingenommen wird – der Digitalisierungsschub der jüngeren Vergangenheit setzt sich mit Sicherheit fort.

Der Blick ist das wichtigste soziale Signal.

Leonard Schilbach, Experte für soziale Neurowissenschaft

Die leidigen Corona-Jahre haben offenbart, dass Arbeits- und Kommunikationsprozesse vielfach digital absolviert werden können, dass Meetings, Besprechungen oder Konferenzen auch über Zoom & Co. funktionieren. Zurecht wurde gelobt, dass internationale Tagungen nicht mehr notwendig in Präsenz stattfinden müssen, was Teilnahmen niedrigschwelliger gestaltet und außerdem dem Klimaschutz zuträglich ist. Auch dass sich Lohn- und Care-Arbeit im Homeoffice besser verbinden lassen, erleichtert vielen Menschen ihren Alltag.

Zugleich aber hat die Pandemie uns gezeigt, wie wichtig es für ein Gemeinschaftsgefühl ist, einander leibhaftig erleben zu können, ja dass der durch die Bildschirme vermittelte Austausch den echten Kontakt schlecht substituiert.

Warum aber ist das so? Was macht die Zoom-Routine mit uns, unserem Blick auf uns selbst und die Gesprächspartner:innen? Warum hinterlassen digitale Calls uns häufig erschöpft vor den Geräten zurück, entfremdet, ja teilweise „derealisiert“, wie mehrere Studien gezeigt haben? Ist die körperliche Unmittelbarkeit für Nähe und Kollegialität essentiell, so dass wir ihre digitale Simulation – zumindest, wenn das Seuchengeschehen es gestattet – auf das notwendige Minimum herunterfahren sollten?

Gemeinsamer Wirklichkeitsbezug

Die Psychologie, die soziale Neurowissenschaft und die philosophische Disziplin der Leibphänomenologie legen diesen Schluss recht eindeutig nahe. Zunächst einmal fällt auf, dass es in digitalen Räumen kaum möglich ist, sich wirklich in die Augen zu schauen. „Der Blick aber ist das wichtigste soziale Signal“, sagt der Interaktionsforscher & Psychiater Leonhard Schilbach, Chefarzt und Stellvertretender Direktor am LVR-Klinikum Düsseldorf im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Dem französischen Philosophen Emmanuel Levinas zufolge „spricht“ das Antlitz des anderen zu uns, es nimmt uns in Verantwortung, fordert uns heraus. Wenn wir einander in die Augen schauen, ist es unmöglich, nicht zu reagieren.

So sei unser Gehirn darauf ausgerichtet, offen zu sein für den Blick des Gegenübers, für seinen*ihren Blick auf mich und auf die Welt, sagt Schilbach. Dabei mache es uns glücklich, einer fremden Perspektive unsere eigene Perspektive zu vermitteln. „In einer Serie von Bildgebungsstudien konnten wir zeigen, dass das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird, wenn es uns gelingt, den Blick des anderen mit unserem eigenen Blick auf einen bestimmten Gegenstand zu lenken“.

Leonard Schilbach, Psychiater und Kommunikationswissenschaftler

© Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Die soziale Neurowissenschaft habe gezeigt, dass Kommunikation eben dann gelinge, als substantiell und befriedigend erscheine, wenn eine Person den Zustand ihres Hirns in das Hirn einer anderen Person übertrage. So sei neurobiologisch verifiziert, dass es eine „intrinsische Motivation für das Herstellen gemeinsamer Aufmerksamkeit“ gebe, sagt Schilbach.

Für die gemeinsame Aufmerksamkeit aber braucht es den gemeinsamen Raum, das Gefühl, die Welt mit anderen zu teilen, als Bewusstsein einem anderen Bewusstsein zu begegnen, das sich mit mir auf die Wirklichkeit bezieht. Soziale Synchronisierungseffekte erfordern somit mehr als das gesprochene Wort, nämlich einen Ort, an dem wir uns befinden und den wir mit gemeinsamer Bedeutung versehen. Wenn X an ihrem Bürotisch sitzt, Y vor seinem Rechner in der Küche, und Z auf dem Bügelbrett im Kinderzimmer arbeitet, fehlt der gemeinsame Wirklichkeitsbezug.

Zwischenleibliche Resonanz

Soziale Neurowissenschaft und Psychologie knüpfen hier an die elementaren Beobachtungen der philosophischen Phänomenologie an. Diese beschreibt die Strukturen menschlicher Erfahrung und analysiert, wie genau wir es erleben, als leibliche Subjekte in die Welt gestellt zu sein.

Thomas Fuchs, Phänomenologe und Psychiater

© Privat

Nur in einer räumlichen Unmittelbarkeit kann sich ereignen, was der Heidelberger Psychiater und Phänomenologe Thomas Fuchs als zwischenleibliche Resonanz bezeichnet: Eine fein ziselierte soziale Mechanik, nonverbale Kommunikation, ein Wechselspiel von Blicken und Körper-Signalen. 

„Die Wahrnehmung dieser Signale ist für uns ganz natürlich, erfordert wenig bewusste Anstrengung, aber sie ist entscheidend für das Gefühl der Anwesenheit des anderen, für emotionale Nähe, für Empathie“, sagt Fuchs. Studien zeigten, dass die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen mit dem Ausmaß dieser leiblichen Interkationen korreliert sei. Je mehr wir körperlich interagieren, und je länger wir uns in die Augen schauen, desto sympathischer erscheinen wir einander.

Nonverbale Signale sind entscheidend für emotionale Nähe.

Thomas Fuchs, Experte für Leibphänomenologie

Tatsächlich fanden Forscher:innen vom University College London heraus, dass sich Menschen überall auf der Welt im Schnitt drei Sekunden lang in die Augen blicken. Hier seien die Sympathiewerte am Höchsten, sagt Schilbach. Ab fünf Sekunden werde es dann unangenehm, der Blick des anderen bedrohlich. Die nonverbale Kommunikation zwischen Menschen befördert dabei nicht nur die- Zu oder Abneigung – sie beeinflusst auch, wie plastisch wir die Wirklichkeit erfahren.

Entfremdung und Derealisation

„Die sozialen Kopplungsmechanismen, die uns die Welt und den anderen als wirklich erleben lassen, sind in digitalisierten Settings entscheidend gestört“, sagt Leonhard Schilbach. In diesen seien gleichsam solipsistische Empfindungen nicht selten, meint auch Thomas Fuchs. Tatsächlich haben mehrere psychologische Studien offenbart, dass sich Menschen im Anschluss an einen von digitalen Meetings bestimmten Tag oft von den Kolleg:innen entfremdet fühlen. Einsamkeits- und Derealisations-Empfindungen, der Eindruck, die Welt und die Menschen in ihr seien weniger nah, weniger wirklich, wurden von nicht wenigen Proband:innen beschrieben. Zu Kolleg:innen, die man nur als Zoom-Kacheln kennt, fällt es schwer, Vertrautheit und Nähe herzustellen.

Weil wir einander nicht leiblich begegnen, triggere die digitale Schein-Sozialität auch weniger stark das Belohnungssystem, vermutet Schilbach. So könnte das Gehirn allmählich verlernen, an Zwischenmenschlichkeit Freude zu empfinden.

Die Hölle sind die anderen

Doch nicht nur die anderen erscheinen uns auf Zoom wie zweidimensionale Pappkameraden. Die ständige Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien kann auch zu einer Selbstentfremdung beitragen. Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat eindringlich beschrieben, wie wir zeitweise im Blick des anderen erstarren und uns mit fremden Augen betrachten. Der menschliche Blick ist auch deshalb bedrohlich, weil ich nie endgültig darüber verfügen kann, was mir sein Spiegel zurückwirft. Zwischenmenschlichkeit ist somit stets problematisch. „Die Hölle sind die Anderen“, schreibt Sartre pointiert – und doch sind wir immer auf diese verwiesen, wenn wir uns ein Bild von uns selbst machen wollen. Jede Form der Identität bedarf der sozialen Vermittlung.

Ständige digitale Kommunikation schwächt das angeborene Kontaktbedürfnis, vermutet Schilbach.

© Mauritius Images/Blend Images/Sam Diephuis

„Weil die interaktive Synchronisierung im Zoom-Universum nur schlecht funktioniert, können wir die Blicke und Gesten der anderen nicht so selbstverständlich auswerten, wie wir es gewöhnt sind“, sagt Fuchs. Ist das Stirnrunzeln meiner Kollegin ein Ausdruck ihrer Skepsis mir gegenüber, oder ärgert sie sich gerade über eine Mail, die just in dem Moment auf ihrem Bildschirm erscheint?

War ich überhaupt schon dran mit Reden, oder habe ich mich unverschämt dazwischengedrängt? Das Fehlen der leiblichen Mikroabstimmung erschwere – zumindest bei mehr als zwei Personen – auch das sogenannte turn-taking, den Wechsel der Sprechrolle, meint Fuchs. So gibt es kein unbewusst wirksames Skript, keinen Blick, der einem beiläufig das Wort erteilen könnte.

Übersteigerte Selbstwahrnehmung

Hinzu komme, dass wir in der Kachelgalerie auch ständig unser eigenes Videobild sehen, was Stress produziere, so Schilbach. Man werde ständig angeregt, sich selbst zu überprüfen und dann seien die ersehnten Signale der anderen auch noch im höchsten Maße unbefriedigend. „Wir starren auf uns selbst, unsere vermeintlichen Mängel und gleichzeitig fehlt uns der Blick des Gegenübers, der uns spiegeln könnte, dass wir ok sind, wie wir sind.“

Wir starren auf uns selbst, unsere vermeintlichen Mängel.

Leonard Schilbach, Experte für Soziale Neurowissenschaft

Das Problem verschärfe sich durch die für das Bewusstsein manchmal kaum wahrnehmbaren Verzögerungen in der Bild und Ton-Übertragung. So zeigen Studien, dass Menschen bei zu schneller, aber auch bei zu langsamer Reaktion der anderen, nicht mehr empfinden, dass sich die Antwort auf das von ihnen Gesagte bezieht. Schilbach erklärt, es gebe einen „Sweet Spot“ zwischen 400 und 800 Millisekunden. Wenn in diesem Korridor die Antwort erfolge, fühlten sich die Sprecher:innen selbstwirksam.

Zoom-Fatigue

Doch das Sprechen mit den Kacheln wirke nicht nur entfremdend, es sei für das Gehirn auch anstrengender als die analoge Kommunikation. Denn das Fehlen der zwischenleiblichen Schwingungen, die sonst unbewusst vermitteln, wie der andere tickt, müsse durch bewusste Interpretation aktiv kompensiert werden. Die Anderen ständig dechiffrieren zu müssen, stelle einen kognitiven Mehraufwand da, der das Gehirn erschöpfe und zum Phänomen der Zoom-Fatigue beitrage, sagt Schilbach.

Wir können Blicke und Gesten der anderen nicht auswerten.

Thomas Fuchs, Experte für Leibphänomenologie

Der Psychiater und Neurowissenschaftler arbeitet in seiner klinischen Praxis viel mit autistischen Patient:innen. Diese kämen mit Zoom-Konferenzen zum Teil besser zurecht, weil nonverbale Signale für sie ohne weniger wichtig seien, um andere Menschen zu verstehen. In einem digitalen Setting müssen auch Menschen ohne Autismus jene Interpretationsarbeit leisten, die Menschen mit dem Krankheitsbild immer leisten müssen.

Wechselspiel von Ferne und Nähe

Doch kommen nicht auch Briefe, E-Mails und Telefon ohne die Signale des Körpers aus? Und überhaupt, sind Zoom & Co. nicht notwendig geworden? Man stelle sich den Lockdown ohne Internet vor. Ja, sagt Thomas Fuchs; allerdings habe die Kulturtechnik des Briefe-Schreibens immer schon mit einem Wechselspiel von Ferne und Nähe gearbeitet – man malte sich einander aus, sehnte sich herbei, schrieb sich, um sich irgendwann wieder zu sehen.

In den digitalen Medien, meint der Philosoph Byung-Chul Han, sei eben jene dialektische Spannung von Nähe und Ferne verloren gegangen. Ersetzt durch eine kalte Abstandslosigkeit, in der wir nicht mehr „berührt“ werden können, sondern den Menschen verdinglichen und – so zum Beispiel auf Dating-Portalen – wie ein Produkt konsumieren.

Folgt man indessen Schilbach und Fuchs, ist es gar nicht nötig, ob der digitalen Welt zum Kulturpessimisten zu werden. Als Hilfsmittel etwa in pandemischen Zeiten, seien Zoom & Co. nicht nur hilfreich gewesen, sie hätten sich als unverzichtbar erwiesen. Im Sinne eines wirklichen Miteinanders aber, sei es auch in der Arbeitswelt nötig, in leiblicher Gegenwart zusammenzukommen.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false