zum Hauptinhalt
Honigbienen orientieren sich wahrscheinlich auch am Erdmagnetfeld. Dass elektromagnetsiche Wellen des Mobilfunks sie dabei stören, ist eine Hypothese.
© Hendrik Schmidt/dpa

Das Handy als Insektenfalle: Forscher und Naturschützer uneins über Einfluss von Handystrahlung auf Insekten

Tragen elektromagnetische Felder zum Insektensterben bei? Forscher und Naturschützer geben abweichende Antworten.

„Mobilfunkstrahlung belastet Insekten“, meldete die Naturschutzorganisation Nabu Baden-Württemberg kürzlich. Eine Studie habe ergeben, dass neben Pestiziden und Lebensraumverlust auch Funkstrahlung sich negativ auf die Tiere auswirke. Elektromagnetische Felder durch Hochspannung, Mobilfunk und WLAN dürften demnach „ein weiterer Faktor für die Schwächung der Insektenwelt sein“.

Der wissenschaftliche Stand ist allerdings alles andere als klar. Der Nabu hat seine ursprünglichen Formulierungen inzwischen auch geändert.

Rückgänge von Insekten-Biomasse und Arten werden, wo sie auftreten, mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung und flächendeckendem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Verbindung gebracht. Das sieht auch der Nabu-Artenschutzreferent Martin Klatt so. Gefragt nach den Hauptgründen für die Abnahme der Insektenbestände, erwähnt er in seinem auf der gleichen Nabu-Website publizierten Interview elektromagnetische Felder nicht.

Doch so genannte „Handystrahlung“ steht populär unter Generalverdacht. Eine Websuche nach dem Begriff liefert zuerst Seiten, die mögliche Gefährdungen für Mensch und Umwelt behandeln. Die wirklich schlüssigen wissenschaftlichen Hinweise sind allerdings rar. Echte Nachweise, dass die elektromagnetischen Felder unschuldig etwa an Krebserkrankungen von Mensch oder Versuchstier sind, fehlen aber auch. Wifi- und Handynetze sind immer noch zu neu. Langzeitschädigungen sind nicht auszuschließen, auch nicht von Insektenbeständen.

Auftrag: Studienüberblick

Im Auftrag des Nabu Baden-Württemberg, der Verbraucherorganisation „diagnose:funk“ und der Luxemburger Umweltorganisation Akut hat der Biologe Alain Thill 83 Studien analysiert und fand in 71 davon negative Effekte: der Orientierungssinn von Insekten erschien eingeschränkt, die Reproduktionsfähigkeit beeinträchtigt, Tag-Nacht-Rhythmik gestört, das Immunsystem fehlaktiviert. Mobilfunkstrahlung erweise sich dabei als deutlich schädlicher als Magnetfelder von Hochspannungsleitungen.

„Die Werte, bei denen Schädigungen zu erwarten sind, treten bislang nur in Städten und ihrer direkten Umgebung auf“, sagte Thill dem Tagesspiegel. Aber mit dem Ausbau des Mobilfunknetzes könnte die betroffene Fläche zunehmen.

Als möglichen Wirkmechanismus nennt er den Einfluss elektromagnetischer Strahlung auf spannungsgesteuerte Kalziumkanäle in den Membranen von Nervenzellen. Die Signalübertragung werde überaktiviert, was zur Produktion von freien Sauerstoffradikalen und damit Schäden in der Zelle führen könne. Bereits geringe Feldstärken deutlich unterhalb bestehender Grenzwerte könnten Auswirkungen haben, so Thill. Es bestehe dringender Forschungsbedarf, insbesondere zu Wechselwirkungen mit Pestiziden.

Tatsächlicher Rückgang

Die von Thill untersuchten Studien sind „peer-reviewed“, teilte der Nabu mit. Seine eigene ist es nicht. Das heißt, sie wurde nicht von auf ähnlichem Gebiet Forschenden begutachtet und in einem Fachjournal veröffentlicht. „Es ist eigentlich nur eine kommentierte Liste“, sagt Jon Chase vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. Es fehle das Zusammenführen, Bewerten und Einordnen der vorliegenden Studienergebnisse. „Die Studie liefert nichts Neues und stellt keine direkte Verbindung zu Veränderungen her, die wir in der Natur sehen.“

Chase hat mit einem Team im April eine Meta-Analyse von Insektenbeständen an mehr als 1500 Orten weltweit in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht. Ergebnis: Die Zahl landlebender Insekten hat im Mittel um fast ein Prozent jährlich abgenommen, ein Rückgang von fast einem Viertel über 30 Jahre. Doch es sind nicht alle Insekten und Lebensräume gleichermaßen betroffen. An Süßwasser gebundene Insekten wie Libellen und Köcherfliegen nahmen sogar zu, vielleicht in Folge von Gewässerschutz. Und „welchen Einfluss elektromagnetische Strahlung auf das Insektensterben“ habe, wisse man nicht.

Energie und Schädigungen

Ein ursächlicher Zusammenhang erscheint unwahrscheinlich. „Der Rückgang vieler Insekten wird seit Anfang der 1980er Jahre beobachtet, als es noch keine Mobilfunknetze gab“, sagt Francisco Sánchez-Bayo von der Universität Sydney.

Der Biologe ist Leitautor einer 2018 in der Zeitschrift „Biological Conservation“ veröffentlichten Überblicksstudie zu den Treibern des Insektensterbens.

Zudem hänge die Wirkung elektromagnetischer Strahlung auf biologische Systeme von ihrem Energieniveau ab. Röntgenstrahlen und UV-Licht können bei hoher Exposition die DNA in Zellen schädigen, das sichtbare Licht und Infrarotstrahlung haben diese Wirkung nicht. Dass die noch energieärmere Strahlung von Mobiltelefonen DNA-Schäden verursachen kann, sei einfach nicht glaubwürdig. „Sonst wären wir alle schon tot."

Pascal Malkemper vom Bonner Forschungszentrum Caesar hat für das europäische Netzwerk „Eklipse“ im Jahr 2018 einen Bericht mitverfasst, in dem 39 Studien bewertet wurden, die auch Thill in seine Publikation einbezogen hat. „Wir haben damals recht rigoros Studien aussortiert, die technische Mängel hatten“, sagt Malkemper. Für aussagekräftige Ergebnisse sei es etwa notwendig, kontrollierbare Versuchsbedingungen zu schaffen und sicherzustellen, dass die ausführenden Personen neutral, ohne Erwartungshaltung agierten. Das sei in einigen der zitierten Studien, in denen etwa Handys als Strahlenquelle benutzt wurden, nicht möglich gewesen.

Bedarf an neuen Studien

Malkemper ist auch Koautor einer 2019 im Journal „Science of the Total Environment" erschienenen Publikation zum Risiko elektromagnetischer Strahlung für bestäubende Insekten. Das Forschungsteam trifft darin keine Aussage zu den Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung im Radiofrequenzbereich, da es an qualitativ hochwertigen Studien fehle, die die Bedingungen in der Natur realistisch abbildeten.

Der Forscher kritisiert Thills Darstellung der Wirkmechanismen: „Man kann das als Hypothese aufstellen, aber es ist in keiner Weise belegt.“ Der Forderung nach mehr Forschung stimmt er aber zu. Man müsse hier Labor- und Feldforschende zusammenbringen.

„Ob die negativen Effekte, die im Labor bei Einzelorganismen gefunden werden, im Freiland auf ganze Populationen wirken, kann anhand der vorliegenden Studien nicht beurteilt werden“, sagt Roel van Klink vom iDiv, Erstautor der Meta-Analyse in „Science“.

Dazu müsste in natürlicher Umgebung untersucht und verglichen werden, wie sich Insektenpopulationen mit und ohne Kontakt zu elektromagnetischen Feldern entwickeln. „Es ist ein einfaches Experiment und wir könnten in einem Jahr eine klare Antwort haben“, sagt van Klink. Die Schlussfolgerungen der Nabu-Analyse gehen nach seiner Auffassung zu weit: „Wir wissen nicht, wie starker Strahlung Insekten ausgesetzt sind und wir kennen die Auswirkungen nicht.“

Zur Startseite