Frauenmangel in der Informatik : Gebremste IT-Begeisterung

Informatik ist männlich: Eine Studie sucht nach Gründen für den geringen Frauenanteil im Studium.

Eine Wissenschaftlerin gibt im Labor Daten in einen Laptop ein.
Am liebsten im Labor. Den größten Zulauf von Frauen haben Informatik-Studiengänge wie Medizin- und Bioinformatik.Foto: mauritius images/Westend61

Wo bleiben die Frauen in der Informatik? Die Zahl der Informatikstudierenden an deutschen Hochschulen hat sich insgesamt mehr als verdreißigfacht, seitdem das Fach in den 1970er Jahren etabliert wurde. Doch der Frauenanteil stagniert weitgehend – mit großen Schwankungen. Während er Ende der 70er Jahre bei etwa 18 Prozent lag, sank er bis Mitte der 90er zunächst auf knapp zwölf Prozent ab, um dann allmählich wieder zu steigen. Heute liegt er bei 19,4 Prozent.

Eine Analyse des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) sucht nun nach Gründen für den geringen Frauenanteil – und nach Wegen, um die Attraktivität der Studiengänge bei Abiturientinnen zu erhöhen. Dabei sieht das zur Bertelsmann-Stiftung gehörende Institut Frauen als „großes Potenzial bei der Rekrutierung von Nachwuchs im IT-Bereich“. Die Studie ist Teil eines CHE-Projekts zur Erhöhung des Frauenanteils in der Informationstechnologie, das vom Bundesforschungministerium gefördert wird.

In der DDR lag der Frauenanteil bei 50 bis 60 Prozent

„Naturgegeben“ sei der niedrige Frauenanteil in der Informatik jedenfalls nicht, betont das Autorenteam um Isabel Roessler, Projektmanagerin am CHE. Vielmehr sei er „offensichtlich kulturell und strukturell bedingt“ – und damit „potenziell veränderbar“. In der DDR lag der Frauenanteil in der Informationsverarbeitung zwischen 50 und 60 Prozent; ähnlich war und ist es nicht nur im sozialistisch geprägten Osteuropa, sondern auch in anderen europäischen Staaten. Während in Irland, Bulgarien, Griechenland und der Türkei bis heute gut 40 bis 33 Prozent der Informatikstudierenden weiblich sind, haben sich die Verhältnisse in Ostdeutschland allerdings teilweise radikal verändert.

In der CHE-Studie wird das Beispiel des Studiengangs Informatik an der Universität Rostock zitiert: Lag der Frauenanteil dort vor der Wiedervereinigung bei rund 65 Prozent, fiel er in den ersten zehn Jahren danach auf auf zehn Prozent. Heute ist Mecklenburg-Vorpommern mit einem Frauenanteil von 14,6 Prozent bundesweit Schlusslicht. Die höchsten Quoten haben dagegen Berlin und Brandenburg mit je 21,3 Prozent. Zu den Ländern mit niedrigen Anteilen gehören Thüringen (17,7 Prozent) und Niedersachsen (15,9), zu denen mit höheren Anteilen Hessen, Baden-Württemberg und Bremen (20,8 bis 20,3 Prozent). Zurückgeführt wird dies auch auf die Intensität der Förderung von Mädchen und Frauen im MINT-Bereich, die in Thüringen deutlich geringer ausfalle als in Baden-Württemberg.

"Nerd-Image": Informatik ist männlich konnotiert

Woran liegt es nun, dass es Hochschulen in Deutschland aktuell offenbar so schwerfällt, Abiturientinnen für ein Informatikstudium zu begeistern? Das CHE verweist auf zahlreiche Studien, nach denen Frauen der Zugang zur Informatik „durch sozialisationsbedingte, gesellschaftliche und strukturelle Hindernisse verwehrt“ werde. Dabei gehe es etwa um noch immer virulente Zuschreibungen bezüglich der „Technikunfähigkeit“ von Frauen. In den gesellschaftlich vermittelten Geschlechterrollen sei Informatik männlich konnotiert – bis hin zum negativen „Nerd-Image“ des Fachs.

Unterdessen gibt es aber eine Trendwende, wenn das Fach von den Hochschulen nicht als „reines“ Informatikstudium angeboten wird, sondern andere Teilfächer hinzukommen. In der klassischen Informatik sind dem Statistischen Bundesamt zufolge nur 16,5 Prozent Frauen eingeschrieben, während die Bioinformatik einen Frauenanteil von 35,8 Prozent und die Medizininformatik 43,2 Prozent haben. Die Mischung mit Fachgebieten, die auch sonst einen hohen Frauenanteil aufweisen, könnte „ein möglicher Weg zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis“ sein, folgert das CHE. Insgesamt hätten sich interdisziplinär ausgerichtete Studiengänge und solche, in denen der Anwendungs- und/oder der soziale Kontext betont wird, als besonders attraktiv für Frauen erwiesen.

Skepsis gegenüber Frauenstudiengängen

Das könne auch in speziellen Frauenstudiengängen der Fall sein, heißt es. Bundesweit gibt es fünf, einen davon an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Doch in der CHE-Studie wird davor gewarnt, in solchen Studiengängen bei „vermeintlichen Defiziten der Studentinnen“ anzusetzen. Insgesamt sehen die Autorinnen hier „keine Erfolgsgeschichte“ – „andernfalls wäre die Anzahl von Frauenstudiengängen bereits deutlich gestiegen“.

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