Freie Universität Berlin : Zeit für eine Revolution

Gretchen Dutschke-Klotz spricht an der Freien Universität über 1968 – und fordert eine neue APO.

Gretchen Dutschke-Klotz spricht an der Freien Universität Berlin.
„Die Sache ist nicht hoffnungslos“. Gretchen Dutschke-Klotz an der FU.Foto: Bernd Wannenmacher

Im Sommer 1964 sucht die Studentin Gretchen einen Ort zum Lesen. Ihr Stammcafé am Charlottenburger Steinplatz ist brechend voll, doch sie ergattert den letzten freien Platz. Neben ihr sitzt ein junger, gutaussehender Mann, der einen Stapel polnische Bücher auf dem Tisch liegen hat. „Bist du Pole?“, fragt Gretchen ihn. „Nein“, antwortet er. Aber er lerne Polnisch, damit er all diese Bücher lesen kann. Der Mann ist Rudi Dutschke und die Begegnung in dem Café der Anfang einer langen Liebesgeschichte.

Eigentlich hatte sie gar nicht vor, in Deutschland zu bleiben, erzählt Gretchen Dutschke-Klotz am Mittwochabend an der Freien Universität Berlin. Dort spricht sie im Rahmen der neuen Vortragsreihe „Berlin Eyewitnesses“ des „Berlin European Studies Program“ der FU über die 68er in West-Berlin, die sie als Frau des Studierendenführers hautnah miterlebte. Ihr Plan war es, Deutsch zu lernen, um dann das Philosophiestudium in den USA fortzusetzen, sagt Dutschke-Klotz. Doch die Bekanntschaft mit Rudi machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Er brachte ihr Marx nah, Ernst Bloch und die Frankfurter Schule.

Es waren nur die Männer, die diskutierten

Doch Rudi Dutschke wollte nicht nur lesen und diskutieren, er wollte handeln. Erst als Mitglied der Gruppe „Subversive Aktion“, ab 1965 dann beim sozialistischen Studentenbund SDS, wo er schnell zum Wortführer avancierte. „Die Leute mochten Rudi, weil er nicht arrogant war“, erinnert sich Dutschke-Klotz. Anders als die meisten in der Studierendenbewegung kam er nicht aus dem Bildungsbürgertum und konnte auch politisch interessierte Arbeiterinnen und Arbeiter für die Sache gewinnen.

Nach anfänglicher Euphorie bemerkte Dutschke-Klotz immer mehr Missstände in der Studierendenbewegung, wie sie erzählt: „Es waren eigentlich immer nur die Männer, die diskutierten.“ Wenn eine Frau sich äußerte, wurde sie entweder ignoriert oder ausgelacht. Dutschke-Klotz sei geschockt gewesen von dieser Macho-Kultur, die sie so aus den USA nicht kannte. „Die Befreiung der Frauen war eine der wichtigsten Errungenschaften der 68er“, meint Dutschke-Klotz. Sie erinnert sich noch, wie ihr nach der Heirat mit Rudi Dutschke im März 1966 das eigene Konto weggenommen wurde – verheiratete Frauen wurden in West-Deutschland erst 1969 als geschäftsfähig angesehen. Die Spannungen zwischen Frauen und Männern im SDS entluden sich schließlich in dem berühmten Tomatenwurf von 1968 und der darauffolgenden Frauenbewegung. Die bekam Dutschke-Klotz selbst nur noch am Rande mit. Sie kümmerte sich um ihren Mann, der nach dem Attentat an ihm durch einen Neonazi schwer verletzt war.

Eine kulturelle Revolution

Die zweite große Errungenschaft der 68er sieht Dutschke-Klotz in der Demokratisierung der Gesellschaft, sowohl in Deutschland als auch in den USA. Während Deutschland geprägt war von alten Nazi-Strukturen und viele sich auch nach dem Krieg nach autoritärer Herrschaft sehnten, war die USA unter McCarthy bestimmt von antikommunistischer Propaganda. Die 68er hätten eine kulturelle Revolution bewirkt, erfolgreich Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit bekämpft und autoritäre Strukturen in Frage gestellt. Gescheitert war dagegen der Versuch einer Umstrukturierung wirtschaftlicher Strukturen. „Wir schafften es nicht, eine realisierbare Alternative zum Kapitalismus anzubieten“, sagt Dutschke-Klotz. Das habe auch am real existierenden Sozialismus gelegen, der damals als schlagendes Gegenargument zu antikapitalistischen Visionen angebracht wurde.

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Ihre Erfahrungen während der 68er haben in ihr trotzdem die Überzeugung eingebrannt, dass es eine Alternative zum Kapitalismus geben kann, sagt Dutschke-Klotz: „Wenn Kapitalismus Probleme nicht lösen kann, muss das System verändert werden“. Dafür brauche es eine neue außerparlamentarische Opposition, eine Gruppe wie den SDS, die viele linke Bewegungen vereint. Denn trotz der weltweiten Rückkehr von autoritärem politischem Stil, offenem Rassismus und toxischer weißer Männlichkeit ist sich Dutschke-Klotz sicher: „Die Sache ist nicht hoffnungslos“. Vielleicht wird es nur Zeit für eine neue Revolution.

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