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Manche mögen’s kalt.

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Für die Kälte gemacht: Wie der Körper sich jetzt warm hält

In Afrika war’s warm, für die eisigeren Gefilde Europas legte sich Homo sapiens ein paar Genveränderungen zu, die ihn besser wärmten.

Sascha Karberg
Eine Kolumne von Sascha Karberg

Stand:

Sibirische Kälte in Deutschland? Schneemassen? Eisige Stürme? Kein Problem: In der Familie gilt der Erbonkel als wandelndes Heizaggregat, als ständiger Wärmelieferant. Während andere frieren und kalte Füße und Hände bekommen, setzt mein Körper die zugeführten Kalorien (derzeit vor allem in Form übrig gebliebener Weihnachtsplätzchen) offenbar besonders effektiv in Wärme um.

Tatsächlich ist die körpereigene Heizfunktion eine recht individuelle Sache, was nicht nur an unterschiedlich mächtig ausgeprägtem isolierendem Unterhautfettgewebe, dem Körperbau oder gar dem Geschlecht liegt (siehe Erbonkel-Folge 47).

Als der Mensch aus dem muggelig warmen Afrika in nördlichere Gefilde aufbrach, änderte sich im Laufe der Jahrhunderttausende nicht nur seine Hautfarbe, sondern auch das Gen-Repertoire für die Steuerung der Körperwärme.

Ein Beispiel für eine wärmende Mutation haben Forschende im Gen ACTN3 gefunden, das die Bauanleitung für ein bestimmtes Muskelprotein (Alpha-Actinin-3) enthält. Es ermöglicht den schnellen Muskelfasern eine besondere Explosivität, also kraftvolle Geschwindigkeit. Allerdings wird dabei zu schnell zu viel Energie verbraucht – ein Nachteil für Menschen, die in kälteren Regionen überleben müssen. Tatsächlich ergab eine Untersuchung, dass das energiezehrende ACTN3-Gen jedem fünften Europäer abhandengekommen ist – je nördlicher, umso häufiger fehlt es.

Denn Menschen, denen ACTN3 fehlt, können ihre Körperwärme in einer kalten Umwelt länger aufrechterhalten. Dafür hatten die Forschenden 42 Männer in 14 Grad Celsius kaltem Wasser baden lassen und die Zeit gemessen, bis ihre Körpertemperatur unter 35,5 Grad Celsius fiel. Von den Männern mit intaktem ACTN3-Gen hielten nur 30 Prozent die vollen 120 Minuten durch, von denjenigen mit defektem ACTN3 hingegen waren es 70 Prozent.

Der Erbonkel hat keine Ahnung, ob er nun diese oder eine der sicher zahlreichen anderen kälteresistenter machenden und warmhaltenden Genmutationen hat. Und wer sich warme Wohnungen und Wintermäntel leisten kann, ist auf diese Genvarianten ohne nicht mehr wirklich angewiesen. Doch wir, die es warm haben, sollten dringend die (jüngst gebeutelte) Kältehilfe für obdachlose Menschen unterstützen. Es wäre fahrlässig und unmenschlich, sich bei solchen Minusgraden auf Gene und Biologie zu verlassen.

„Der Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.

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