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Zeit zur Entfaltung. Martha Nussbaum warnt vor einer Erosion der humanistischen Bildung vor allem an den Schulen, setzt aber auf die amerikanischen Liberal Arts Colleges, die Studienanfängern eine breite Allgemeinbildung vermitteln.

© Steve McConnell/UC Berkeley PA

Geisteswissenschaften in der Krise: Generationen nützlicher Maschinen

Die amerikanische Philosophin  Martha C. Nussbaum sieht die Demokratie bedroht, weil die Staaten weltweit ihre Erziehungssysteme auf die Beherrschung von Zukunftstechnologien ausrichten. In Deutschland sind Geisteswissenschaftler optimistischer.

Die Geisteswissenschaften sehen sich unter permanentem Rechtfertigungsdruck. Staat und Wirtschaft rufen nach Absolventen, die den Fachkräftemangel in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern auffüllen. So viel ist bekannt. Eine „Krise massiven Ausmaßes“, die weite Teile der Welt erfasst hat, diagnostiziert nun aber die Philosophin Martha C. Nussbaum, eine der führenden Intellektuellen der USA. Die Humanities würden zugunsten der naturwissenschaftlich-technologischen Fächer zurückgedrängt, um das wirtschaftliche Wachstum zu befördern.

Diese Krise sei eine „stille Krise“. Aber mit ihr stehe nichts Geringeres als die Zukunft der Demokratien auf dem Spiel. Das hat Nussbaum bereits in ihrem jüngsten Buch „Not for Profit: Why Democracy Needs the Humanities“ dargelegt. Jetzt sprach die 64-jährige Professorin von der Universität Chicago als Festrednerin bei einer hochkarätig besetzten Berliner Tagung zur „Zukunft der Geisteswissenschaften in einer multipolaren Welt“. Eingeladen hatten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Universität Konstanz und die Volkswagenstiftung.

Nussbaum sieht die Staaten weltweit von einem Hunger nach wirtschaftlichem Wachstum getrieben. Indem sie ihre Erziehungssysteme auf die Beherrschung von Zukunftstechnologien ausrichten, bringen sie „Generationen nützlicher Maschinen“ hervor. Um zu überleben, bräuchten Demokratien aber mündige Bürger, die eigenständig denken, Traditionen infrage stellen und sich in die Lage von Mitmenschen mit anderer Herkunft, religiöser oder sexueller Orientierung versetzen können.

Selbstverständlich hat Nussbaum nichts gegen eine fundierte Technikerziehung. Doch den Disziplinen, denen zugetraut wird, Volkswirtschaften voranzubringen, würde ohne die Geisteswissenschaften etwas fehlen. Denn im besten Falle seien die Taten und Lehren von Ingenieuren und Wirtschaftsexperten von ihnen beseelt. Um kreativ zu sein, brauchten sie das kritische Denken, den Mut zur Fantasie und das Verständnis für die Komplexität der Welt, das in der Auseinandersetzung mit Literatur, Theater und den Künsten geschult werde.

Ihre Thesen seien „nobel, aber nicht neu“, wird aus dem Publikum eingewendet. Um Neues gehe es hier auch nicht, antwortete Nussbaum. Die Sokratische Pädagogik, die Heranwachsende ermutigt, sich und die sie umgebende Welt infrage zu stellen, müsse jedoch immer wieder neu entdeckt und gegen Effektivitätsdenken in Schulen und Unis verteidigt werden. Analytische Unterrichtsgespräche und nicht Auswendiglernen formen aktive Demokraten und wahre Weltbürger, die den Einflüsterungen der Mächtigen und Gierigen widerstehen – und den „Kampf der Kulturen“, der sich in jedem Individuum abspiele, zum Guten entscheiden.

Nussbaum verbindet ihre Warnung vor der Erosion der humanistischen Bildung mit dem Capabilities Approach, einem Ansatz, den sie gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Amartya Sen in den 80er und 90er Jahren entwickelt hat. Danach verfügt jeder Mensch über Grundbefähigungen (capabilities) – wie der, sich seiner fünf Sinne, seiner Fantasie und seiner Intelligenz zu bedienen. Politisches Handeln muss darauf ausgerichtet sein, dass die Bürger ihre Potenziale entfalten und ein erfülltes Leben führen können. Dazu muss der Staat ihnen Zugang zu Bildung und Gesundheitsdienstleistungen, zu einer beruflichen Beschäftigung und zur politischen Teilhabe gewähren.

Vorgestellt hat Nussbaum ihre Thesen jetzt auch im Bundestag, vor der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die versucht, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen weiterzuentwickeln. Es soll ergänzt werden um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien. Das BIP sage in der Tat wenig aus über den wahren Reichtum eines Staates, erklärt Nussbaum. Das zeige das Beispiel Chinas, wo die Masse der Menschen keineswegs von der boomenden Volkswirtschaft profitiere.

Nussbaum hat die Aufmerksamkeit der Parlamentarier genossen. „In Washington wollen sie nicht zu viele von diesen säkularen Geisteswissenschaftlern um sich haben.“ Die USA seien heute tiefer denn je religiös geprägt, Philosophie werde als Bedrohung der Religion gesehen. Hinzu komme der verbreitete Antiintellektualismus, der einer offen ignoranten Sarah Palin Applaus sichert. Nussbaum ist gleichwohl stolze US-Bürgerin – und hält die traditionsreichen Liberal Arts Colleges, die Studienanfängern Allgemeinbildung vermitteln sollen, für vorbildlich, doch auch sie gerieten unter ökonomischen Druck.

Sind die Humanities noch zu retten? Nussbaum hofft auf Einsicht: „Wer will schon in einer Diktatur leben?“

Wie es den Geisteswissenschaften im deutschen Sprachraum geht, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Und wie geht es den Geisteswissenschaften im deutschen Sprachraum? Bei der abschließenden Podiumsdiskussion der Berliner Großkonferenz fanden namhafte Vertreter aus Professorenschaft und Wissenschaftsbetrieb schnell einen ersten Konsens: Ein wenig pathologisch sei es ja, dass die Geisteswissenschaftler immer nervös nach ihrer Legitimation suchten. Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, forderte denn auch, sich nicht in den „Nutzendiskurs“ und die Rede vom „Mehrwert“ geisteswissenschaftlicher Forschung zu verstricken.

Althistoriker Peter Funke sieht die Geisteswissenschaften im Wettbewerb grundsätzlich gut aufgestellt. „Wir sitzen heute in einem großen Forschungsschiff Deutschland.“ Doch schon gehe es um die Frage, wie man künftig seine Position bestimme. Als Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft weiß er, wie wichtig Wissenschaftslobbyismus ist und rief dazu auf, „die Regelmechanismen zur Kenntnis zu nehmen“, nach denen Gelder vergeben werden. Insbesondere, da die Schlussphase der Exzellenzinitiative 2017 in Sichtweite rücke, sei eine hörbare Stimme der Geisteswissenschaften unabdingbar. „Das brennt uns unter den Nägeln, und ich wundere mich, wie wenig federführend die Universitäten hier auftreten“, mahnte Funke.

Wichtig sei insbesondere, dass die Geisteswissenschaften eine für sich angemessene Forschungsförderung entwickelten. Man müsse weg von kurzatmigen Förderperioden: „Die Exzellenzcluster sind Förderformen des Großkollektivs, die erfolgreich sind. Doch sie sind keine von den Geisteswissenschaften erdachten Strukturen und geben daher auch nicht Zeit und Raum für spezifisch geisteswissenschaftliche Arbeit“, sagte Krull.

Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, sprach dann doch von Legitimationsfragen, und dass die Geisteswissenschaften ihren Nachbardisziplinen gegenüber nicht im Modus der Unterwerfung auftreten dürften. „Die Geisteswissenschaften müssen selbstbewusst erklären, warum sie wichtig sind. Sie müssen Deutungshoheiten besetzen“, sagte Alt. Als „Grundlagenwissenschaft“ treten sie für Wissensspeicherung und Textkompetenz ein, dürfen sich aber darin nicht nur als Zaungast verstehen, der beispielsweise in der Genforschung vom Rande aus ein paar ethische Bedenken anmeldet.

Die jährlich wachsende Zahl der Privatstiftungen sei Zeichen eines Bedarfs für einen dominanteren geisteswissenschaftlichen Diskurs, bestätigte Krull: „Die Zivilgesellschaft Europas ist an geisteswissenschaftlicher Reflexion interessiert.“

Umso skandalöser, wenn sich die Geisteswissenschaften blind der Hegemonie eines quantitativ-ökonomisch ausgerichteten Antidiskurses unterwürfen, erregte sich Ulrike Landfester, Germanistin in St. Gallen und Vizepräsidentin des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds. So sei es üblich, Onlinerankings von Fachzeitschriften als Kriterium in Berufungsverfahren zu nutzen. „Wir hätten schon vor zehn Jahren sagen müssen: Hier machen wir nicht mehr mit!“, gestand Landfester ein. Rückfrage von Friederike Hassauer, Romanistin an der Universität Wien: „Doch wie sich solchen Entwicklungen verweigern? Welche Pfade müssen wir gehen?“ Man nickte engagiert. Und macht sich, hoffentlich, an die Verfertigung einer Antwort.

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