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Hörsaal in Kriegszeiten. Ziel der Stiftung war es, die „rassisch wertvollen, besten Kräfte“ aus dem Ausland anzuziehen.
© ullstein bild

NS-Zeit: Hitlers Gaststudenten

Als die Alexander-von-Humboldt-Stiftung 1925 gegründet wurde, sollten die ersten Gaststudenten helfen, das "akademische Versailles" zu überwinden. Im Nationalsozialismus wurden in erster Linie "rassisch Erwünschte" gefördert.

Sein Austauschjahr an der Universität Greifswald hat der Belgier Andries de Vos in guter Erinnerung: „In hohem Grade bereichernd“ sei der Aufenthalt gewesen, „ein Erlebnis“, er könne „sich nur freuen“, schreibt er in seinem Abschlussbericht an die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die seinen Deutschlandaufenthalt mit einem Stipendium unterstützt hat. Besonders stolz ist er, dass er „den germanischen Menschen in sich“ ausgebildet hat.

Es ist das Jahr 1934. De Vos ist einer von 100 ausländischen Stipendiaten, die in Deutschland studieren. Ausgewählt hat man ihn, seiner Rhetorik nach zu schließen, nicht in erster Linie aufgrund seiner akademischen Leistungen. Seine Begeisterung für die Rassenideologie und den „intergermanischen Austausch“ zeugen vielmehr von seiner Tauglichkeit für die politischen Ziele der Nazis. Die förderten flämische Studenten einerseits, weil sie als „nordwestliche Germanen“ ins nationalsozialistische Herrenmensch-Schema passten. Andererseits wollte Deutschland mit der Anwerbung der Flamen gezielt den kulturpolitischen Einfluss Frankreichs eindämmen.

Über die Stipendienvergabe an ausländische Studierende im Dritten Reich, speziell während des Zweiten Weltkriegs, war bisher wenig bekannt. Zwar haben verschiedene Wissenschaftsorganisationen, darunter die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft, bereits in den 1990er Jahren ihre Geschichte unterm Hakenkreuz aufarbeiten lassen. Für die akademische Auslandsarbeit galt dies aber lange als unmöglich, weil die meisten Akten bei Bombenangriffen auf Berlin 1943 vernichtet wurden. Darunter auch die der Humboldt-Stiftung, die heute jährlich rund 2000 renommierte internationale Forschende nach Deutschland holt.

Historiker gingen ohnehin davon aus, dass während des Kriegs kaum Stipendien vergeben wurden. Universitäten wurden an vielen Orten geschlossen, Dozenten waren zur Wehrmacht eingezogen. Dass die Nazis „Fremdvölkische“ in dieser Lage finanziell unterstützten, schien abwegig. Der Bonner Historiker Holger Impekoven widerlegt diese Annahme in seiner gerade erschienenen Dissertation über die „Alexander von Humboldt-Stiftung und das Ausländerstudium in Deutschland 1925–1945“. Er hat Archive des Auswärtigen Amtes, von Botschaften und Hochschulen durchkämmt und Erstaunliches rekonstruiert: Das Nazi-Regime hat die Stipendienangebote nicht gekürzt, sondern radikal erhöht. Vor dem Krieg wurden 400 Ausländer gefördert, iIm Krieg waren es bis zu 2000. Denn Stipendiaten wurden gezielt dafür rekrutiert, nach ihrer Rückkehr in ihrem Heimatland für Deutschlands ideologische Vorhaben zu werben.

Um den gewaltigen Anstieg der Stipendien und ihren nationalsozialistischen Zweck zu erklären, setzt Impekoven zwei Jahrzehnte früher an: Deutschland ist nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg international isoliert. Das gilt auch für die Wissenschaft: Die internationale scientific community hatte beschlossen, deutsche Gelehrte 20 Jahre lang von internationalen Konferenzen auszuschließen. Die ehemals blühende Wissenschaftsnation fürchtete um ihren Weltruhm.

Noch während des Kaiserreichs war Deutschland das attraktivste Land für internationale Studierende. Die Forschungsuniversitäten galten Amerikanern als Vorbild, deutsche Physiker und Mediziner machten die meisten Entdeckungen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, den Strom internationaler Forscher durch Stipendien zu vergrößern. Erst die außenpolitische und wissenschaftliche Isolation nach 1918 zwang die Politik zum Umdenken.

Mit der Humboldt-Stiftung wollte Deutschland ein „akademisches Versailles“ verhindern. 1925 schuf das Auswärtige Amt das Stipendienprogramm, um Deutschland als Wissenschaftsstandort wieder beliebter zu machen. Auf der Ebene der Studierenden und Doktoranden wollte man den Boykott deutscher Wissenschaftler unterlaufen. Die Stiftung mit der außenpolitischen Mission wurde nach dem großen Naturforscher und Reisenden Alexander von Humboldt (1769-1859) benannt.

Schon in der Weimarer Zeit zählte der politische Nutzen der Bewerber

In der Weimarer Republik verfolgte die Stiftung noch ein durchaus friedliches Multiplikatorenprinzip. Außenminister Gustav Stresemann formulierte es 1929 so: „Wieso sind so viele Persönlichkeiten in der Welt uns in Treue zugeneigt? Weil sie einmal hier gewesen sind!“ Darum wurden die Gäste, die vor allem aus Südosteuropa kamen, umsorgt: Sie erhielten großzügige Visa und Stipendien (im heutigen Wert von 7500 Euro im Jahr), speisten in Familien, machten Praktika – Elemente, die auch heute zu einem erfolgreichen Austausch gehören. Doch in den 20er Jahren stand die Wissenschaft eher im Hintergrund. Vorrangiges Ziel war die Vermittlung eines positiven Deutschlandbildes. Bei der Auswahl zählte von Anfang an der politische Nutzen der Bewerber (die zu 85 Prozent männlich waren), weniger ihre akademische Qualifikation.

Unter Hitler verschärften sich die Kriterien hin zur „rassischen Erwünschtheit“. Juden wurden von der Bewerbung ausgeschlossen, selbst Norweger nur dann gefördert, wenn sich ein „ausreichender Anteil deutschen Blutes“ nachweisen ließ. Angestrebt wurde die „Auslaugung des fremden Volkstums nach rassisch wertvollen, besten Kräften“, lautete eine Direktive des Regimes.

Nicht selten trafen die politische Absichten der Stiftung jedoch ins Leere. Nicht alle Stipendiaten waren „Ideologietouristen“ wie der Belgier de Vos. Viele kamen aus akademischem Interesse und standen den Entwicklungen in Deutschland ablehnend gegenüber.

Im Dritten Reich trafen sie zudem auf Fremdenfeindlichkeit. Sie galten in der öffentlichen Meinung als „Parasiten“, die man auf deutsche Kosten studieren ließ, „damit sie umso besser gegen Deutschland konkurrieren können“, zitiert Impekoven. Besonders infam war die angebliche Sorge über den „Umgang der ausländischen Studenten mit deutschen Mädchen und Frauen“, hinter der immer der Vorwurf der „Rassenschande“ stand. Besonders traf das arabische Studierende, die das Regime aber gleichwohl umwarb. Dies folgte teils einer antifranzösischen und antibritischen Strategie, teils dem gemeinsamen Judenhass.

Rassenideologische und kriegspolitische Ziele widersprachen sich auch in Bezug auf die Ukrainer: Lebensraumpolitik und der Kriegsverlauf brachten vielen ein Stipendium ein, obwohl Slawen als „unterentwickelt“ galten. Doch sie galten als Bollwerk in der Polenpolitik. Ihre Stipendien wurden bis in die letzten Kriegswochen gezahlt.

Die heutige Alexander-von-Humboldt-Stiftung wurde 1953 neu gegründet. Impekovens Ergebnisse will die Stiftung, die die Studie selbst angeregt und unterstützt hat, „in ihre Außendarstellung aufnehmen“.

Holger Impekoven: Die Alexander von Humboldt-Stiftung und das Ausländerstudium 1925–1945. V&R Unipress, 522 Seiten, 64,90 Euro.

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