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Humboldt-Universität : Islam-Theologie startet ohne Lehramtsoption

Rückschlag für die Berliner Islam-Theologie: Lehramtsstudiengänge sind ausgesetzt beziehungsweise verschoben. Die CDU wirft dem Senat Versäumnisse vor.

Passanten vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität.
Studienstart der Islam-Theologie soll im Herbst 2019 sein - vorerst ohne Lehramtsoption.Foto: imago/imagebroker

Das Studium der Islamischen Theologie an der Humboldt-Universität muss im Herbst ohne Lehramtsoption starten. Dieser Rückschlag für die ohnehin unter großen Schwierigkeiten auf den Weg gebrachte neue Berliner Theologie wurde am Dienstag im Akademischen Senat (AS) der HU öffentlich – fünf Monate vor dem geplanten Studienbeginn im Oktober dieses Jahres.

„Es besteht die Gefahr, dass die fachpraktischen Ausbildungsteile im Master und im Referendariat nicht hinreichend koordiniert werden können“, sagte Eva Inés Obergfell, HU-Vizepräsidentin für Studium und Lehre, im AS. Deshalb müsse im Bachelor Islamische Theologie die Lehramtsoption ausgesetzt werden.

Übersehen, dass im Master Praxisplätze fehlen

Im Klartext heißt das: Die Humboldt-Uni hat übersehen, dass Bachelorstudierende, die Religionslehrkräfte werden wollen, im Master ein fachspezifisches Praxissemester an einer Schule machen müssen. Diese Möglichkeit muss bereits bestehen, wenn erste Studierende im Bachelor anfangen. Ansonsten hätten sie keine Garantie, wirklich ihr Lehramtsstudium abschließen zu können.

Warum aber gibt es keine Praxisplätze in der Schule? Geplant wurde bislang lediglich mit einem Lehramtsstudium für Integrierte Sekundarschulen (ISS) und Gymnasien. Doch in Berlin wird allein an Grundschulen, nicht aber an weiterführenden Schulen ein regulärer islamischer Religionsunterricht angeboten. Damit fehlen potenzielle Praktikums- und Referendariatsplätze für angehende Lehrkräfte.

In Berlin nehmen nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung in diesem Schuljahr rund 5300 Schülerinnen und Schüler am islamischen Religionsunterricht in rund 30 Grundschulen teil. Die Teilnehmerzahlen stagnieren, im Schuljahr 2017/18 waren es 5400 Schüler, 2016/17 rund 5000. Die meisten Teilnehmenden gibt es an Schulen in Friedrichshain- Kreuzberg (1573), Neukölln (1505) und Mitte (1041).

Gründungsdirektor bestätigt die Planungspanne

Erteilt wird der Religionsunterricht aller Konfessionen in Berlin traditionell in Verantwortung der Religionsgemeinschaften. Denn in Berlin ist „Reli“, im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern, kein ordentliches Unterrichtsfach, sondern freiwillig und Angelegenheit der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Das wurde 1948 im Berliner Schulgesetz so festgelegt. Der islamische Religionsunterricht an Berliner Schulen wird von der Islamischen Föderation angeboten – kontrolliert durch die Schulaufsicht oder die Schulleitung.

Der Gründungsdirektor des neuen Zentralinstituts für Islamische Theologie, HU-Historiker Michael Borgolte, bestätigt die Planungspanne. „Uns war von vornherein nicht klar, dass wir mit Start des Bachelors schon für das Masterstudium, das folgt, Praktika und Referendariatsplätze brauchen“, sagte Borgolte dem Tagesspiegel. Die von ihm geleitete Arbeitsgruppe habe „pragmatisch“ geplant: „Wir schaffen einen Studiengang in Islamischer Theologie, der breit aufgestellt ist und der eine Lücke im islamischen Religionsunterricht schließt, nämlich an den ISS und an den Gymnasien.“

Man hoffte also darauf, dass die Islamverbände rechtzeitig einen Religionsunterricht an weiterführenden Schulen einrichten. Aus der Islamischen Förderation ist zu hören, dass daran Interesse bestehe. Konkrete Pläne aber gibt es offenbar noch nicht.

Auch ad hoc geplanter Grundschul-Studiengang fällt durch

Ist die Absage des Lehramtsstudiums also eine Blamage für die HU? Es gab durchaus einen Plan B, der am Dienstag auch im AS vorgestellt wurde: Statt des Lehramtsstudiengangs für ISS und Gymnasien sollte einer für Grundschulen starten. Borgolte erklärte, eine Studien- und Prüfungsordnung dafür sei bereits geschrieben und würde zum Semesterstart im Herbst bereitstehen.

Doch der Mehrheit der AS-Mitglieder war die Planungszeit für einen Grundschul-Bachelor in Islamischer Theologie zu kurz. Der Antrag, ihn noch in das Studienangebot aufzunehmen, wurde abgelehnt. Borgolte rechnet damit, dass der Grundschulbachelor nun zum Wintersemester 2020/21 starten kann. Damit auch das Lehramt für ISS und Gymnasien eine Chance hat, seien die Islam-Verbände aufgerufen, entsprechende Unterrichtsangebote vorzubereiten.

Warum sein Team nicht von vornherein mit einem Grundschul-Lehramt plante, erklärt Borgolte so: Zwar ist es durch eine Novelle des Lehrkräftebildungsgesetzes im März 2018 möglich, dass an Berliner Unis auch Religionslehrkräfte für die Grundschulen ausgebildet werden. Doch das sei während der Planung für die Studienangebote noch nicht bekannt gewesen.

Rat an Studierende: Später ins Lehramt wechseln

Ist die Islamische Theologie an der HU ohne Lehramtsoption schon vor dem Start beschädigt? Nein, sagt Borgolte, betroffen sei ja nur ein Teil des Angebots. Schließlich bereite das Studium auch auf eine Imam-Ausbildung vor, auf Tätigkeiten im sozialen Bereich, in Kultureinrichtungen, in den Medien oder in der Politikberatung. Wer Religionslehrer oder -lehrerin werden will, könne sich trotzdem für den Studienstart in fünf Monaten bewerben. Sobald der Lehramtsstudiengang eingerichtet sei, könne man dorthin wechseln. Der Start der allgemeinen Bachelorstudiengänge im Herbst kann als gesichert gelten, nachdem der AS ihrer Einrichtung am Dienstag formell zustimmte.

Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach, der die Gründung der Islam-Theologie an der HU maßgeblich mit vorangetrieben hat, freut sich über dieses "grüne Licht", wie er auf Anfrage mitteilte. Allerdings sei auch die Lehramtsausbildung "sowohl für den Bereich ISS/Gymnasien, als auch für die Grundschulen von Anfang an wichtiges Teilanliegen der Institutsgründung" gewesen. Darauf habe der Senat "immer wieder deutlich hingewiesen". Dies zu organisieren, obliege aber "den zuständigen Stellen an der Humboldt-Universität". Bei letzten Gesprächen dazu im März habe nichts darauf hingewiesen, dass nun zunächst gar keine Lehramtsoption angeboten werden kann.

CDU: Senat hat Uni nicht bei Voraussetzungen unterstützt

Kritik am Senat äußerten am Donnerstag die forschungs- und wissenschaftspolitischen Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, Adrian Grasse und Hans-Christian Hausmann. Der Studienstart ohne Lehramtsoption sei auf "Fehlplanungen" zurückzuführen. Das Aussetzen der Lehramtsstudiengänge, widerspreche "dem Grundgedanken der Gründung des Instituts". Es sei schließlich gegründet worden, "um den Bedarf an Religionslehrern in Berlin zu decken". Der Senat sei seiner Verantwortung, die Universitäten bei den Voraussetzungen für das Lehramtsstudium zu unterstützen, "nicht nachgekommen".

Im Akademischen Senat der HU hatte allerdings Vizepräsidentin Obergfell erklärt, das Land könne wegen der Berliner Regelung zum Religionsunterricht die Koordination der Praktika und des Referendariats nicht übernehmen. Auch das müsse in Verantwortung der Verbände geschehen - ebenso wie das Angebot eines islamischen Religionsunterrichts an ISS und Gymnasien.

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