Über 10 000 Verdachtsfälle, 169 anerkannte Impfschäden in fünf Jahren

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Impfung und Risiken : Krank nach der Impfung
Edda Grabar

Im Nationalen Impfplan kann jeder nachlesen, was aus den mehr als 10 600 Verdachtsfällen wurde. 1036 Patienten oder ihre Verwandten beantragten eine Anerkennung als Impfschaden. Bewilligt wurden 169. „Das heißt, dass die Hinweise auf einen Schaden durch die Impfung überwiegen, nicht, dass tatsächlich die Impfung die Ursache ist“, sagt Stöcker. Ein Blick in den Arzneimittelatlas zeigt, dass die Zahl verschwindend gering ist. Ärzte in Deutschland rechneten im gleichen Zeitraum 211,2 Millionen Impfdosen ab.

Gerüchte und Einzelfälle statt Risiko- und Nutzenabwägung

Das öffentliche Bild der Impfrisiken ist eher von Gerüchten und Einzelfällen geprägt, beklagt Wolfram Hartmann, selbst Kinder- und Jugendarzt und Vorsitzender seines Berufsverbandes. Da behauptet ein britischer Arzt in einer zweifelhaften und inzwischen widerlegten Studie mit zwölf Kindern, die Masern-Impfung verursache Autismus – und verschweigt, dass er ein Patent für eine andere Impfung hält und die Anwaltskanzlei, die die Eltern vermeintlich geschädigter Kinder vertrat, ihm 3,5 Millionen Pfund zahlte. Da schwirrt ein Gerücht, dass der Hepatitis-Schutz Multiple Sklerose befeuert – ohne stichhaltigen Beleg. Da stirbt ein Mädchen kurz nach der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Später zeigt eine Untersuchung, dass die 14-Jährige unerkannt an fortgeschrittenem Krebs litt – doch das geht in der Aufregung unter.

Gerade die Impfung gegen die krebsauslösenden Humanen Papillomaviren (HPV) wurde skeptisch beäugt. Tatsache ist: Die Spritze tut weh. Einige Mädchen fallen vor lauter Aufregung in Ohnmacht. Ein Zusammenhang zwischen HPV-Impfung und schweren Erkrankungen wurde dagegen nie bestätigt. Sie habe weder zusätzliche Störungen des Immunsystems (Autoimmunkrankheiten) noch neurologische Leiden oder Thrombosen verursacht, schrieben Forscher um Lisen Arnheim-Dahlström vom Karolinska-Institut in Stockholm im „British Medical Journal“. Dank der Patientenregister in Dänemark und Schweden konnten sie die Krankengeschichten von 300 000 geimpften und 700 000 nicht geimpften Mädchen und jungen Frauen vergleichen.

Impfungen und Nebenwirkungen in Deutschland in Zahlen
Impfungen und Nebenwirkungen in Deutschland in ZahlenGrafik: Tsp/Gitta Pieper-Meyer

Hohe Sicherheitsanforderungen

„Die Informationen aus unserer nationalen Datenbank bestätigen das“, sagt Dirk Mentzer vom PEI. Das Institut wertet deutsche oder internationale Verdachtsfallmeldungen aus, um seltene schwerwiegende Nebenwirkungen zu finden. Fällt ein Risikosignal auf, beurteilen Ärzte die Einzelberichte. Erhärtet sich der Verdacht, kann das PEI zum Beispiel Warnhinweise anordnen, die Indikation einschränken, die Zulassung ruhen lassen oder gar widerrufen.

„Impfen ist immer ein Abwägen von Nutzen und Risiko“, sagt Jens Vollmar, der den Fachbereich Impfstoffe, Tropen- und Reisemedizin des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) leitet. Anders als bei aggressiven Krebstherapien für Schwerkranke geht es bei der Vorsorge vor allem um den Schutz von gesunden Säuglingen, Kleinkindern und alten Menschen. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Sicherheit. Nach wie vor untersuchen Wissenschaftler etwa, ob der GSK-Grippe-Impfstoff Pandemrix bei einigen Kindern die Schlafkrankheit auslöst. Ja, heißt es erst. Dann: vielleicht.

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