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Vater, Vater, Kind. Regenbogenfamilien sind in den USA im Mainstream angekommen. In der erfolgreichen US-amerikanischen Comedyserie „Modern Family“ spielen Jesse Tyler Ferguson (links) und Eric Stonestreet (rechts) ein schwules Paar, das zusammen ein Kind adoptiert.
© mauritius images

Homosexualität und Familie: Kinder unterm Regenbogen

Immer mehr Kinder werden von zwei Müttern oder zwei Vätern großgezogen. Familienforscher untersuchen, wie es Kindern in solchen Partnerschaften ergeht.

Matthias kann gut unterscheiden: Seine Eltern heißen Mama und Mami. Mama hat ihn geboren, der Dreieinhalbjährige weiß aber, dass beide Frauen sich ihn ganz doll gewünscht haben. Die Geschichte mit der Samenspende wird er allerdings erst verstehen, wenn er ein ganzes Stück größer ist.

Michael ist schon sechs, er lebt meist bei seiner Mama und deren Partnerin, eineinhalb Tage in der Woche ist er aber bei seinem Papa, der mit einem Mann zusammenlebt. „In der Realität haben viele Kinder mehr als zwei Eltern“, sagt der.

Das klingt kompliziert, und viele Menschen lehnen solche Familienkonstellationen grundsätzlich ab. Kinder hätten ein Recht auf eine Mutter und einen Vater, argumentieren sie und fürchten Nachteile für das Kind. Das Thema birgt Zündstoff: Als Frankreich im Mai mit der Homoehe auch ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partner einführte, zog es Zehntausende auf die Straße, um dagegen zu protestieren. In Deutschland dürfen gleichgeschlechtliche Partner bis heute nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. Und wenn am Samstag Hunderttausende den Christopher-Street-Day in Berlin begehen, wird unter dem Motto „Schluss mit Sonntagsreden! Demonstrieren! Wählen! Verändern!“ auch gegen diese Ungleichbehandlung protestiert werden.

Ob es Kindern in „Regenbogenfamilien“ anders geht als Kindern, die bei Mutter und Vater groß werden, beschäftigt auch die Wissenschaft. Seit Beginn der 80er Jahre sind Dutzende von Studien zum Wohlergehen von Kindern entstanden, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen. Ina Carapacchio von der Uni München hat die Ergebnisse in ihrer Dissertation vor einigen Jahren gründlich aufgearbeitet. Ihr Fazit: Regenbogenfamilien unterscheiden sich kaum; wenn es zusätzliche Probleme gibt, rühren sie von der Angst vor Stigmatisierung her. Die Stichproben waren jedoch klein, die Untersuchungen kamen meist nicht aus Deutschland, und angesichts des rasanten Wandels der Familienformen wirkten sie schnell veraltet.

Seit 2009 sieht das anders aus. Damals wurde „Die Lebenssituation von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften“ veröffentlicht. Die Studie fasst zusammen, was Forscher vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg im Auftrag des Bundesjustizministeriums herausgefunden haben. Marina Rupp und ihre Kollegen hatten Informationen über 825 Kinder aus 767 Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern ausgewertet. Über 1000 Eltern und 123 Kinder wurden befragt. Zusätzlich führten die Bamberger Forscher ausführliche Interviews mit 29 Fachleuten. Das klare Fazit, nachzulesen auf der Homepage des Justizministeriums (www.bmj.de/lebenspartnerschaft): „Insgesamt unterscheiden sich Kinder und Jugendliche aus gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften in ihrer Entwicklung nur wenig – und wenn, dann eher in positiver Weise – von Kindern und Jugendlichen, die in anderen Familienformen aufwachsen.“

Als besonders beachtlich vermerken die Familienforscher das hohe Selbstwertgefühl der Heranwachsenden. Sie führen es darauf zurück, dass Kinder in den homosexuellen Partnerschaften einen besonders hohen Stellenwert haben, der Alltag mit ihnen also besonders reflektiert gelebt wird. „Die Kinder sind absolute Wunschkinder, oft gehen die Partner dafür einen steinigen Weg“, sagt die Soziologin Andrea Buschner, eine der Forscherinnen aus dem Bamberger Team.

44 Prozent der Kinder, um die es in der Studie ging, wurden allerdings schon geboren, bevor ihre Mama sich in eine Frau oder ihr Papa sich in einen Mann verliebte. Sie stammen aus einer früheren Beziehung und haben meist Kontakt zu beiden leiblichen Eltern. Das könnte zu einer Verzerrung führen – kommen diese Kinder doch dem „Normalfall“ näher und erleben männliche wie weibliche Geschlechtsrollen hautnah. Tatsächlich haben diese Kinder aber auch gravierende Nachteile: Sie hatten und haben, wie andere „Scheidungskinder“, oft an den Folgen der Trennung zu knabbern. 18 Prozent dieser Kinder haben zudem das „Coming-out“ ihrer Mutter oder ihres Vaters bewusst miterlebt. Fast die Hälfte von ihnen berichten über diskriminierende Erlebnisse, besonders in der Schule. Nicht erstaunlich, dass 28 Prozent der Eltern aus dieser Gruppe über zeitweilige Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder berichten.

Die Kinder, die in eine gleichgeschlechtliche Beziehung hineingeboren wurden, dürften in einigen Punkten unbeschwerter starten. Tatsächlich berichten ihre Eltern auch seltener über auffälliges Verhalten. Meist sind diese Kinder allerdings noch jünger, so dass sie nicht selbst befragt werden konnten.

Die meisten Elternpaare in eingetragener Lebenspartnerschaft sind mehr als sieben Jahre zusammen.

Die Studie, in der immerhin ein Drittel der Kinder aus Regenbogenfamilien repräsentiert ist und jedes zwanzigste direkt befragt wurde, erzählt auch viel über die Lebensumstände der gleichgeschlechtlichen Paare, bei denen sie aufwachsen: Die meisten Elternpaare in eingetragener Lebenspartnerschaft sind mehr als sieben Jahre zusammen, 64 Prozent von ihnen haben einen gemeinsamen Namen, den auch rund zwei Drittel ihrer Kinder tragen. Fast ein Drittel von ihnen lebt wie Matthias und seine Mütter in Großstädten, die meisten sind gut ausgebildet und materiell gut abgesichert, ohne Spitzenverdiener zu sein, leben in großzügigen Wohnungen, allerdings meist zur Miete. Lesbische Mütter sind häufiger als heterosexuelle berufstätig, Teilzeit wird bei homosexuellen Paaren, die für Kinder sorgen, gleichmäßiger verteilt, ebenso die Haushaltspflichten.

Nur knapp zwei Prozent der Studienteilnehmer leben im Übrigen mit einem Kind zusammen, dessen biologische Eltern sie beide nicht sind und das in Deutschland nach derzeitiger Gesetzeslage nur von einem der beiden Partner adoptiert werden darf. Eine größere Gruppe von Männerpaaren kümmert sich allerdings um Pflegekinder, eine immens wichtige, von den Jugendämtern inzwischen geförderte Form von Bindung und Verlässlichkeit, die aber nicht auf Dauer ausgelegt ist.

Wie alles Neue hat die Elternschaft von zwei Frauen oder zwei Männern den Nachteil, dass man noch nicht viel über die langfristigen Auswirkungen weiß. „Leider können wir nicht weiter verfolgen, wie sich die Kinder aus unserer 2009 erschienenen Studie entwickeln, wir würden gern wissen, wie es ihnen als Jugendlichen und Erwachsenen geht“, bedauert Buschner.

Längsschnittstudien sind aufwendig und teuer. Umso verdienstvoller sind Untersuchungen wie die von Nanette Gartrell von der Universität von Kalifornien: Die Psychiaterin begleitet zusammen mit ihrer Kollegin Henny Bos von der Universität Utrecht die Entwicklung einer Kohorte von lesbischen Frauen, die per Spendersamen Familien gegründet haben, teilweise mit mehreren Kindern. 1986 wurde mit der Datenerhebung begonnen, die Mütter wurden zuerst während der Schwangerschaft, später zum zweiten, fünften, zehnten und 17. Geburtstag befragt, dazu kamen nach und nach auch Befragungen der Kinder. Inzwischen zeigt sich, dass die Kinder von zwei Müttern sich intellektuell wie sozial gut entwickeln – und nebenbei auch nicht häufiger homosexuell werden als ihre Altersgenossen. Die letzte Publikation dieser National Longitudinal Lesbian Family Study ist gerade erschienen. Je 39 17-jährige Mädchen und Jungen wurden darin mit Gleichaltrigen aus „klassischen“ Vater-Mutter-Kind-Familien im Hinblick auf seelische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten verglichen.

Sie wirkten insgesamt nicht nervöser, ängstlicher oder rebellischer. Einzige Ausnahme: Die Jugendlichen, die sich aufgrund ihrer ungewöhnlichen Familienkonstellation von ihren Altersgenossen diskriminiert fühlten, zeigten häufiger ein Verhalten, das ihren Müttern Sorgen machte, so zum Beispiel, dass sie „mit den falschen Leuten herumhingen“ oder Dinge zerstörten. „Ärzte und Therapeuten sollten aufmerksam sein auf das negative Potenzial von homophoben Reaktionen“, folgert Gartrell. Sie zitiert den World Value Survey von 2006, demzufolge für fast ein Drittel der US-Bürger Homosexualität „nicht zu rechtfertigen“ ist, ein Viertel lieber keinen Nachbarn hätte, der sie lebt. Die teilweise sehr aggressiven Proteste gegen die Homoehe in Frankreich weisen darauf hin, dass das auch in Europa und sieben Jahre später nicht grundsätzlich anders ist.

Politisch bleiben gleichgeschlechtliche Lebensformen ein heißes Eisen. Während viele Unionspolitiker gegen ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sind, sprach sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen kürzlich im Deutschlandfunk dafür aus: „Ich kenne keine Studie, die sagt, dass es Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften aufwachsen, anders geht als Kindern, die in gemischt geschlechtlichen Ehen aufwachsen“, sagte sie.

Die meisten Forscher bestätigen, dass es solche Studien tatsächlich nicht gibt. Was nicht ausschließt, dass weitere Untersuchungen hilfreich wären. Constanze Körner, Projektleiterin Regenbogenfamilien im Landesverband Berlin-Brandenburg des Lesben- und Schwulenverbands, wünscht sich „noch mehr Unterfütterung mit Daten aus Deutschland“. Zum Beispiel darüber, wie es Michael und Matthias geht, wenn sie erst einmal groß sind.

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