"Lessons and Legacies of the Holocaust" : Eine neue Gesellschaftsgeschichte der Schoah

Der größte internationale Kongress zur Holocaustforschung tagt erstmals in Deutschland. In München soll es auch um neue Bilder von Tätern und Opfern gehen.

Schülerinnen gehen durch das Haupttor des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz.
Beim Münchner Kongress zu den „Lehren und Vermächtnissen des Holocaust“ geht es neben Forschungsfragen auch um die pädagogische...Foto: mauritius images

Von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre war das Jahrhundertverbrechen der Schoah in der Geschichtswissenschaft eher ein Nischenthema. Erst vor drei Jahrzehnten entwickelte sich eine breit angelegte und international vernetzte Holocaustforschung. Heute gehört die von Nazideutschland ausgehende Vernichtung der europäischen Juden zu den am meisten beforschten Geschehnissen der Menschheitsgeschichte. Und doch gibt es nach wie vor Desiderate, dunkle Bereiche, die es auszuleuchten gelte, sagt Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocauststudien am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mit Sitz in München und Berlin.

Ausgelotet werden sie traditionell auf dem seit 1989 in den USA veranstalteten Fachkongress „Lessons and Legacies of the Holocaust“, auf dem die internationale Forschungsszene zusammenkommt. In diesem Jahr findet die Veranstaltungsreihe zu den Lehren und Vermächtnissen der Judenvernichtung erstmals in Europa statt. Vom 4. bis zum 7. November treffen sich in München, organisiert vom IfZ, rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um in 36 Panels und elf Workshops Erkenntnisse zu teilen und Probleme zu erörtern. Dem bisher größten Fachkongress, der je zur Schoah in Europa stattgefunden hat, komme dabei eine Brückenfunktion im internationalen Forschungsdreieck Nordamerika–Europa–Israel zu, sagt Mitorganisator Bajohr.

Als man die Idee zu einem derartigen Kongress in Deutschland vor einigen Jahren ventiliert habe, sei die beklemmende Aktualität, die dem Thema durch das Grassieren antisemitischer und geschichtsklitternder Positionen derzeit zukomme, noch nicht so augenfällig gewesen wie heute. Umso bedeutender sei es, dass das in Teilen auch öffentliche Programm von „Lessons and Legacies“ nun in München, und damit in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, stattfinde, erklärt der Historiker. So soll es auf dem Kongress neben klassischen Forschungsfragen auch um den Bereich der pädagogischen Vermittlung gehen. Vor dem Hintergrund revisionistischer „Vogelschiss“-Zitate und falscher Forderungen nach erinnerungspolitischen 180-Grad-Wenden müssten sich die Expertinnen und Experten auch stärker dem Transfer ihres Wissens widmen.

Aktuelle Forschung zu ungeplanten Aktionen der Judenvernichtung

Nicht zuletzt sind einige Fakten über den Holocaust im kollektiven Bewusstsein nämlich nach wie vor unterrepräsentiert. Zum Beispiel ist Auschwitz die vornehmliche Chiffre der Schoah, der Holocaust wird in der Regel mit den Konzentrationslagern assoziiert. Tatsächlich aber reichte das Mordgeschehen der Nazis und ihrer Helfershelfer weit darüber hinaus. „In der Öffentlichkeit kursiert zumeist das Bild eines bürokratisch perfektionierten Systems. Die Mehrheit der Holocaust-Opfer aber hat nie ein KZ von innen gesehen“, sagt Bajohr.

Die jüngere Forschung fokussiere dagegen deutlich die wilden Elemente der Judenvernichtung und verweise auf Willkür, Brutalität und den Willen zur Improvisation, den zahlreiche Täter bei den Massakern und Massenerschießungen in Osteuropa unter Beweis gestellt hätten. Keineswegs war das Böse nur banal, die hartnäckige Erzählung von der Dominanz des Schreibtischtäters ist heute so nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Auch der Kreis von den in die Vernichtungspraxis involvierten Personen ist im Fortgang der Forschung zunehmend größer angesetzt worden. „Der deutschen Nachkriegsjustiz galten bloß Hitler, Himmler und Heydrich als Täter“, sagt Bajohr. Mittlerweile gehe die Forschung von 200.000 bis 250.000 allein deutschen und österreichischen Tätern aus, deren Biografien und Handlungsweisen man genauer unter die Lupe genommen habe. Dazu komme eine unüberschaubare Menge von Profiteuren, Unterstützerinnen, Mitmachern und Wegsehenden, die mit dem in der Forschung früher gebräuchlichen Begriff des „Bystanders“ nicht hinreichend charakterisiert seien.

Der Holocaustforscher Raul Hilberg, Autor des Standardwerks „The Destruction of the European Jews“ von 1961, hat die klassische Trias „Täter–Opfer–Zuschauer“ geprägt. Diese Typologie gilt heute als überholt, taten die vermeintlichen Zuschauer doch häufig weit mehr, als bloß zuzuschauen. Dieser riesigen Gruppe an impliziten Mittätern müsse sich die Forschung in den kommenden Jahren im Rahmen einer „Gesellschaftsgeschichte des Holocaust“ weit umfänglicher annehmen als bisher, sagt Bajohr.

Die vielfältigen Biografien der Opfer

Auch die sogenannte Opferforschung arbeitet heute differenzierter als noch vor einigen Jahren. Früher als homogene Masse apostrophiert, die sich angeblich widerstandslos zu den Schlachtbänken ihrer Henker hat führen lassen, werden heute vor allem die vielfältigen Biografien, Schicksale und Reaktionsweisen der handelnden Personen beleuchtet. Ein großes Desiderat der Forschung ist die transnationale Verflechtung des Mordens. So gelte es zum Beispiel zu untersuchen, wie Öffentlichkeit, Medien und Regierungen in den europäischen Ländern auf den eliminatorischen Antisemitismus und die antijüdische Politik der Deutschen reagiert haben, sagt Bajohr.

Weil die wenigsten Historiker in allen Sprachen bewandert sind, die in den jeweiligen Ländern gesprochen werden, sind vergleichende Perspektiven oft schwierig. Auch deshalb sei ein internationaler Kongress wie „Lessons and Legacies“ so wichtig.

Diskussion um den Holocaust in der Genozidforschung

Worüber heute weitgehender Konsens herrscht, sind Details und Entwicklung des Völkermords, sowohl was die Organisation vom Zentrum aus als auch was die Durchführung vor Ort anbelangt. Auch die sogenannte „Singularitätsfrage“ ist kaum mehr umstritten. Zwar wird weiterhin kontrovers diskutiert, in welchen breiteren analytischen Rahmen der Holocaust einzuordnen ist. Ob man ihn zum Beispiel innerhalb der vergleichenden Genozidforschung diskutieren sollte oder wie er sich in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts fügt.

Dass die Judenvernichtung aber ein einmaliges Menschheitsverbrechen war, ist mittlerweile überwiegend anerkannt. So ist der Versuch, eine als minderwertig markierte Bevölkerungsgruppe über ein begrenztes Territorium hinaus mit allen Männern, Frauen und Kindern restlos auszurotten, wo immer man ihrer habhaft wurde, in der bekannten Geschichte beispiellos.

Das gesellschaftlich zu bearbeiten, ist ein vielfach anerkannter kategorischer Imperativ der Erinnerungspolitik, insbesondere in Deutschland, dem Ursprungsland des Zivilisationsbruchs.

Quer dazu steht allerdings das derzeitige Lehrangebot an deutschen Universitäten. Nach einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin findet an der Hälfte aller Hochschulen nie eine Lehrveranstaltung zum Holocaust statt. Die Holocaustforschung habe an deutschen Universitäten keinen leichten Stand, sagt Stephan Lehnstaedt vom Touro-College Berlin. Der Professor für Holocaust-Studien beklagt, diese seien in Deutschland nicht hinreichend institutionalisiert. Wer hier an der Uni Karriere machen wolle, müsse meistens „Generalist“ sein.

Wissenschaftlicher Nachwuchs wandert ins Ausland ab

„Die Holocaustforschung ist oft reine empirische Detailforschung und gilt als zu spezialisiert. Abstrakte Theorien kommen hier eher selten vor“, sagt Lehnstaedt. Das passe nicht zu den derzeitigen historiografischen Trends. Zwar gebe es jede Menge deutsche Akademiker, die brillante Dissertationen zum Holocaust schrieben. Da es an den deutschen Universitäten jedoch keine Perspektive gebe, wanderten sie meistens ins Ausland ab. Ein Missstand, meint der Berliner Historiker. Bundesweit müssten deutlich mehr Professuren für Holocaustforschung geschaffen werden.

Auch Frank Bajohr beklagt die Lücken im Lehrangebot der Hochschulen. Allerdings geht es ihm weniger um neue Professuren. Vor allem solle man sich verstärkt auf eine gute Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und Mitarbeitern von Gedenkstätten konzentrieren. „Ich denke hier an Fortbildungen und interaktive Online-Seminare, an denen auch Studierende teilnehmen können, die an ihrer Universität kein entsprechendes Lehrangebot finden“, sagt Bajohr. Vor dem Hintergrund des aktuellen Rechtsrucks sei es jedenfalls dringend geboten, ein breites Wissen zum Holocaust auch über Expertenkreise hinaus zu vermitteln.

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