Manche glauben: Die Erde ist innen hohl und dort lebt Hitler

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Psychologie : Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben

Ein Terroranschlag wie 9/11, die Finanzkrise, der Irak-Krieg, der plötzliche Tod eines Prominenten, all das wird als bedrohlich wahrgenommen, als Störung der bekannten Weltsicht und sozialen Ordnung. Verschwörungstheorien sind ein durchaus rationaler Versuch, damit umzugehen, Unerklärtes zu erklären, ihm Sinn zu verleihen und so zumindest dieses Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht zu reduzieren. Und hin und wieder treten ja sogar Verschwörungen zutage, die zuvor noch abwegig erschienen. Der Watergate-Skandal ist so ein Fall, und auch die Enthüllungen von Edward Snowden zu den umfassenden Überwachungsmaßnahmen der NSA tragen diese Züge. Allerdings neigen Anhänger von Verschwörungstheorien – so wie alle anderen Menschen auch – zu Urteilsfehlern.

Nichts ist beängstigender als der Zufall

So unterliegen Verschwörungsgläubige häufig dem „fundamentalen Attributionsfehler“, das heißt sie überschätzen den Einfluss von Personen gegenüber in der Situation begründeten Faktoren. Wenn man zu wissen meint, wer oder was hinter einem verstörenden Ereignis steckt, erscheint es kalkulierbarer, besser einordbar, und man kann sein Verhalten an dieser Erkenntnis ausrichten. Nichts ist beängstigender als der unberechenbare Zufall.

Neben den bekannteren Verschwörungstheorien, wie der gefälschten Mondlandung, gibt es eine ganze Reihe bunter Theorien: Etwa die, dass die Erde innen hohl ist und Hitler am Ende des Zweiten Weltkriegs dort Zuflucht gesucht hat. Oder dass die Fastfoodkette KFC dem Ku-Klux-Klan gehört und in ihr Essen Stoffe mischt, die nur auf Afroamerikaner sterilisierend wirken. Ungeachtet dieser Vielfalt scheint die Bereitschaft, an eine Verschwörungstheorie zu glauben, mit der Offenheit für andere einherzugehen – selbst wenn die jeweiligen Ansätze sich widersprechen.

Glaube an die grundlegende Böswilligkeit der Bürokratie

Letzteres hat eine Untersuchung von Psychologen der Universität Kent ergeben. So fanden Menschen, die von einem Mord an Prinzessin Diana überzeugt waren, zugleich die Theorie, dass sie ihren eigenen Tod nur vorgetäuscht habe, plausibler als andere Menschen. Weniger wichtig als die Logik einer einzelnen Theorie ist demnach die zugrunde liegende Weltsicht: „Ein Glaube an die grundlegende Böswilligkeit der Bürokratie – oder an die spezifische Böswilligkeit einer mächtigen Instanz – lässt viele Verschwörungen wahrscheinlicher erscheinen.“ Das grundsätzliche Gefühl, hier stimmt etwas nicht, wir werden belogen, prägt also die Wahrnehmung – und auch die Argumentation.

So kritisierten Anhänger von Verschwörungstheorien, die sich im Internet zum Terroranschlag vom 11. September äußerten, eher den allgemein akzeptierten offiziellen Hintergrund eines Ereignisses, als dass sie die eigene Theorie verteidigten und untermauerten. Ihre Diskussionsgegner verfuhren gegenteilig. Das zeigt eine aktuelle Studie der Forscher aus Kent. Die Grundhaltung von Verschwörungstheorie-Befürwortern ist also „eher ein Nicht-Glauben als ein positiver Glaube“, folgern die Psychologen.

Immer bestrebt unangenehme Spannungen zu minimieren

Diese Überzeugung stärkt, wie es bei allen Überzeugungen der Fall ist, der jeweilige Mensch mit passenden Informationen – die er aktiv sucht. Da er unbewusst immer bestrebt ist, unangenehme Spannungen zu minimieren, werden widersprechende Fakten oder Argumente möglichst ausgeblendet, während die These unterstützende wahrgenommen und verarbeitet werden, obwohl sie nicht unbedingt wahrscheinlicher sind. Psychologen sprechen von „Confirmation Bias“, der Bestätigungstendenz.

Werden Probanden verstärkt mit Verschwörungstheorien konfrontiert, akzeptieren sie diese stärker. Dieser Effekt ließ sich beispielsweise auch nach Oliver Stones Kinofilm „JFK“ im Jahr 1991 beobachten. Die Versuchspersonen, die in der Studie eines Teams um den damaligen Stanford-Professor Philip Zimbardo, den Film über die Widersprüche im Zusammenhang mit dem Attentat auf John F. Kennedy 1963 schauten, hielten danach eine Verschwörung als Beweggrund für den Mord für wahrscheinlicher. Zugleich fühlten sie sich hoffnungsloser und verärgerter als zuvor. Ihre Bereitschaft, zur Wahl zu gehen, war ebenso gesunken wie jene, sich politisch zu engagieren.

Sängerin Rihanna soll an Außerirdische glauben

Vielleicht sind es tatsächlich Publikumserfolge wie „JFK“, „Akte X“ oder „Illuminati“, die zu der hohen Popularität von Verschwörungstheorien in der Bevölkerung geführt haben. Vielleicht ist es die stärkere Verbreitung durch das Internet und Social Media, wo sich bisweilen sogar Prominente als Anhänger von Verschwörungstheorien bekennen oder als solche geoutet werden – Sängerin Rihanna etwa soll laut Boulevardberichten an Außerirdische glauben.

Vielleicht steigt auch das generelle Misstrauen in offizielle Institutionen, die allgemeine Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen, nicht zuletzt auch durch Datenskandale wie jener um die amerikanische NSA und die britischen GCHQ, die den zuvor als absurd abgetanen Verdacht einer umfassenden Überwachung bestätigten. Eine Verschwörung, die bereits viele weitere Verschwörungstheorien nach sich zog – etwa jene, dass Whistleblower Edward Snowden gar nicht existiert.

Empfänglich für diese sind übrigens vor allem solche Menschen, die sich „machtlos, benachteiligt oder sprachlos fühlen, besonders angesichts einer Katastrophe“, wie die Briten Swami und Coles ihre und andere Studienergebnisse zusammenfassen. Anhänger von Verschwörungstheorien sind tendenziell politisch zynischer und stellen eigene Interessen eher über die anderer, sie suchen aktiv nach neuen Erfahrungen und unterstützen demokratische Prinzipien stärker. Das politische System empfinden sie allerdings als undemokratisch – was sie offizielle Erklärungen per se als unzureichend anzweifeln lässt. Ihr Glaubenskrieg ist also vor allem auch eines: ein Misstrauenssieg.

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