Schlachtfeld Sprache : Formulierungen mit Tabu

Der Streit über Formulierungen ist eng mit Macht verbunden. Im Zeitalter der Digitalisierung nimmt die Empfindlichkeit zu - auch wenn die Auseinandersetzungen nicht neu sind.

Tabuisierte Wörter. US-Präsident Donald Trump erntet für seine Sprache regelmäßig Empörung.
Tabuisierte Wörter. US-Präsident Donald Trump erntet für seine Sprache regelmäßig Empörung.Foto:Foto: Mike Theiler/CNP/Ad Media/Imago

Sprache ist zweifelsohne mächtig, sie kann kränken, verletzen, sogar töten. Sprache sei eine Waffe, heißt es in einem überstrapazierten Kurt-Tucholsky-Zitat. Aber genügt das als Erklärung, warum derzeit an so vielen Fronten über Bezeichnungen, Formulierungen, Bedeutungsnuancen gestritten wird? Debatten, so weit das Auge reicht. Hier ein Auszug: Darf man nicht weißen Kindern Shirts mit „Affen“-Sprüchen verpassen? Ist das Wort „Sexskandal“ angemessen, wenn es um Belästigungs- oder Vergewaltigungsvorwürfe geht? Dürfen Klassiker der Weltliteratur umgeschrieben werden? Soll man statt Flüchtling besser Geflüchteter sagen? Müssen Wassermetaphern („Flut“, „Strom“) im Zusammenhang mit Menschenmengen vermieden werden?

Neu ist der Streit über bestimmte Bezeichnungen nicht, sagt Willibald Steinmetz, „im Gegenteil, das lässt sich durch die gesamte Neuzeit hindurch beobachten“. Steinmetz ist Professor für Geschichte an der Universität Bielefeld und einer der Podiumsteilnehmer beim Salon Sophie Charlotte am kommenden Sonnabend. Neu ist allerdings die Heftigkeit, mit der diskutiert wird. Die „weltweite Resonanz“ sei in Zeiten digitaler Beschleunigung und sozialer Medien deutlich gestiegen: „Alte Gesellschaften waren Anwesenheitsgesellschaften. Da wurde das verletzende Sprechen eher unmittelbar erfahren.“ Heute werden Zitate über viele Kanäle verbreitet. „Das erhöht die Empfindlichkeit.“

Groß der Widerstand gegen das vermeintliche Political-Correctness-Diktat

Doch die ist nicht bei allen Teilnehmer*innen des öffentlichen Diskurses in gleichem Maße gestiegen. Das permanente Ringen darum, wer was wie bezeichnen soll oder darf, gefällt nicht jedem. Groß ist der Widerstand gegen das vermeintliche Political-Correctness-Diktat. Man könnte sagen: Es brodelt unter der Oberfläche – selbst wenn einzelne Begriffe erfolgreich verbannt oder sogar verboten werden.

Oft bleiben selbst tabuisierte Wörter „abrufbar und präsent“, erklärt Steinmetz. Und können auch Jahrzehnte später hervorgeholt und zu Zwecken der Schmähung eingesetzt werden. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier, der den Sohn von Boris Becker kürzlich auf Twitter rassistisch beleidigte, hat das gerade vorgemacht.

Doch nicht immer kommen Rassismus oder Sexismus so eindeutig daher wie in einem Tweet mit dem N-Wort. Die Sprachwissenschaft hat daher ihr Augenmerk in den letzten Jahrzehnten auch auf subtile Methoden ausgrenzenden und herabwürdigenden Sprechens gerichtet. Den Boden dafür hatte 1955 der Philosoph John Langshaw Austin mit seinen Harvard-Vorlesungen bereitet, mit denen er die Sprechakttheorie begründete. 1962 erschien posthum „How to Do Things with Words“, bis heute ein wissenschaftliches Kanonwerk. Eine der Kernthesen Austins lautet: Wer spricht, der beschreibt und behauptet nicht nur – er oder sie handelt auch.

An Austin haben ganze Generationen von Forschern mit ihren – oft ebenso wegweisenden – Studien angeknüpft. Der Historiker und Sprachforscher Dietz Bering hat schon Ende der 1980er die politische Instrumentalisierung jüdischer Namensgebungen in der NS-Zeit untersucht („Der Name als Stigma“). George Lakoff und Elisabeth Wehling machten vor einigen Jahren mit ihrer Framing-Theorie Schlagzeilen („Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“). Die beiden Linguisten wiesen nach, dass gängige Metaphern („Krieg gegen den Terror“, „Achse des Bösen“) unbewusst Denken und Weltsicht beeinflussen. Auch die feministische Sprachkritik, die sich unter anderem an der mangelnden Sichtbarkeit von Frauen im täglichen Sprachgebrauch abgearbeitet hat, gehört zu den wichtigen Wegbereiterinnen einer neuen rhetorischen Sensibilität.

Kaum ein Thema hat ein so hohes Konfliktpotenzial

Das alles hat Wirkung gezeigt, ist – wenn teilweise auch mit Jahrzehnten Verspätung – ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Heute tänzeln sich Politiker geschickt durch gegenderte Wortbeiträge, von denen sich niemand gekränkt und jede und jeder angesprochen fühlen soll. Offener Sexismus oder rassistische Ausdrücke sind, außer in einigen dunklen Ecken des Internets, verpönt. Trotzdem: Das dazugehörige Gedankengut ist deshalb längst nicht aus allen Köpfen verschwunden. Und wirklich vorurteilslos, gewaltfrei und geschlechtergerecht ist die Alltagssprache immer noch nicht. Sagen die einen. Die anderen erwidern: Worüber regt ihr euch so auf? Gibt es keine drängenderen gesellschaftlichen Probleme? Kaum ein anderes Thema hat ein so hohes Konfliktpotenzial. Das hat mit der engen Verbindung von Sprache, Macht und Hierarchien zu tun. Wo manche Gruppen bei bestimmten Sprechweisen Stigmatisierung und Ausgrenzung wahrnehmen, tut sich die Gegenseite schwer, diese Lesarten nachzuempfinden.

Beispiel Rassismus: „Es gibt absichtliche Rassismen und unabsichtliche Reproduktionen von Rassismen“, erklärt Paul Mecheril, Professor für Migration und Bildung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Die unabsichtliche Reproduktion kann sich bereits in vermeintlich freundlichen Fragen wie „Woher kommst du eigentlich?“ äußern. Nicht weiße Deutsche werden mit solchen Sätzen regelmäßig konfrontiert. Was dabei mitschwingt: Deutschland und „nicht weiß“, das passt nicht richtig zusammen.

Das Beispiel Rassismus

„Die unabsichtlichen Reproduktionen nehmen unter den Bedingungen der offiziellen Disqualifikation von Rassismus eher zu“, sagt Mecheril. Die Rassismusforschung interessiert sich deshalb auch dafür, wie rassistische Denkmuster in andere populäre Begriffe eingesickert sind. In welchem Verhältnis etwa steht das Wort „Kultur“ zum Unwort „Rasse“? Das Wort „Rasse“ zur Erklärung von Unterschieden zwischen Menschen sei im deutschsprachigen Raum nach der Schoah zwar nicht mehr öffentlich ohne Weiteres verwendbar, erklärt Mecheril. Trotzdem seien Rassenkonstruktionen „als implizit wirkendes Erklärungsmuster nicht verschwunden“. Heute finden sich Spuren von Rassentheorien dort wieder, wo von „Ethnopluralismus“ und „Kulturräumen“ die Rede ist. Der alte Begriff wurde verbannt, aber in Sprachverstecken und Schlupflöchern leben seine Inhalte, leicht abgewandelt, durchaus weiter.

Dass diese Themen nun mehr und mehr auf die Agenda kommen, dass die Öffentlichkeit feinfühliger zu sein scheint und Sprachdebatten regelmäßig große mediale Aufmerksamkeit erfahren, das hat laut Mecheril auch mit den politischen Veränderungen seit der Jahrtausendwende zu tun. Migration habe die Geschichte Deutschlands schon immer bestimmt, „aber erst seit dem 21. Jahrhundert erkennen wir diese Realität offiziell an“. Von großer symbolischer Bedeutung sei die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 gewesen. „Das hat zu einem Paradigmenwechsel geführt.“ Junge nicht weiße und auch weiße Menschen in Deutschland hätten heute deswegen nicht selten „ein ganz anderes Selbstverständnis“ als früher.

Mit anderen Worten: Es ist eine selbstbewusste Generation herangewachsen, die mit Texten und Bildern umzugehen weiß. Ihren kritischen Blick, dem auch subtile Botschaften nicht entgehen, hat sie in den Weiten des Internets geschult. Wo sie diffamierende Sprachpraktiken aufspürt, schlägt sie Alarm. Und die Wissenschaft hat ihr – um in der beliebten Kampfmetaphorik zu bleiben – dazu in den letzten Jahrzehnten ein ganzes Arsenal von Theorie-Waffen zur Verfügung gestellt.

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