Schüler mit Migrationshintergrund : Wer dazugehört, lernt besser

Kinder mit Migrationshintergrund und deutschem Pass haben bessere Bildungschancen, zeigt eine Studie. Ein Modell für weitere Reformen, meint unser Kolumnist.

Kinder sitzen beim Vorlesetag im Halbkreis auf dem Boden und hören zu.
Guter Start. Grundschulkinder bei einem Vorlesetag.Foto: imago/Marc Schüler

Eigentlich ist der Pass doch nur ein eingeschweißtes Stück Papier zwischen zwei Pappdeckeln, und das soll die Bildungschancen verbessern? Auf den ersten Blick überrascht das Ergebnis einer aktuellen Studie aus dem Münchner ifo-Institut.

Vor knapp 20 Jahren hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung beschlossen, dass Einwandererkinder mit ihrer Geburt in Deutschland künftig automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten sollten. Was der Pass für die nach der Reform Geborenen bedeutet hat, wollten die ifo-Wissenschaftler wissen, und sie fanden heraus: unheimlich viel.

Die Kinder besuchten häufiger den Kindergarten. Im Vergleich zu den Geburtsjahrgängen vor 2000 sprachen sie besser Deutsch schon vor der Grundschule. Sie wurden früher eingeschult und blieben seltener sitzen.

Ausgewertet haben die Forscher Daten der Schuleingangsuntersuchungen und der Schulregister in Schleswig-Holstein. Helmut Rainer vom ifo erklärt die positiven Auswirkungen der Reform etwas technisch mit „Anreizen“ für die Eltern, „verstärkt in das Humankapital ihrer Kinder zu investieren, da sich deren Berufs- und Karrierechancen durch den Besitz eines deutschen Passes langfristig verbessern“ (zur Pressemitteilung und zum englischsprachigen Aufsatz über die Studie geht es hier).
Weniger technisch ausgedrückt: Die Eltern haben den Pass als Signal verstanden, dass ihre Kinder jetzt wirklich dazugehören. Dass keiner mehr ihre Daseinsberechtigung in Frage gestellt. Dass ihre Kinder genauso viele Rechte haben auf Bildung und Teilhabe wie alle anderen Kinder in Deutschland auch. Und das hat die Eltern angespornt, ihre Kinder anzuspornen.

Kein "Problem", sondern ein Teil von uns

Wobei sicherlich Vorsicht geboten ist, einen monokausalen Zusammenhang zwischen Pass und Bildungserfolg herzustellen, wie das ifo es allzu plakativ in der Überschrift seiner Pressemitteilung tut. Denn kurz nach der Pass-Reform kam der Pisa-Schock über das deutsche Bildungswesen, die bittere Erkenntnis, dass ein Fünftel und mehr der 15-Jährigen in Deutschland abgehängt waren, dauerhaft, dass sie kaum richtig lesen, schreiben und rechnen konnten.

Der Schock für die Bildungspolitik war so groß, dass ein Jahrzehnt des Reformeifers begann, der gerade auch die Benachteiligung der Einwandererkinder in den Blick nahm.

Und obwohl die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund noch immer den größten Anteil in der „Risikogruppe“ haben, bleibt die Botschaft des ifo bemerkenswert: Wenn wir als Gesellschaft Einwanderern etwas zutrauen, wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und sie nicht von vornherein als „Problem“ betrachten, sondern als Teil von uns, dann werden sie auf Augenhöhe agieren, werden zu Lösungen für unsere Gesellschaft beitragen, weil sie auch die ihre ist.

[Der Autor ist Journalist für Bildung und lebt in Berlin. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen.]

Der Umkehrschluss gilt freilich auch: Je argwöhnischer, je feindlicher das Klima gegenüber Einwanderern wird, desto weniger werden sie ermutigt, in dieser Gesellschaft über sich hinauszuwachsen.

Gerade weil das Klima wieder rau geworden ist und gerade weil der Reformeifer erlahmt ist, war ein anderes bildungspolitisches Signal vor wenigen Tagen so wichtig: Bund und Länder haben sich auf die Initiative „Schule macht stark“ geeinigt. 125 Millionen Euro investieren sie in die Unterstützung von Brennpunktschulen oder, politisch korrekter, von Schulen in „sozial benachteiligten Lagen“.

Herkunft sagt nichts über das Potenzial der Kinder

Fünf Jahre lang werden Wissenschaftler mit den Lehrkräften an 200 ausgewählten Standorten zusammenarbeiten, um gemeinsam herauszufinden und wissenschaftlich auszuwerten, welche Fördermaßnahmen für welche Schüler in welchen Situationen besonders erfolgreich sind. Die nächsten fünf Jahre sollen die von den Wissenschaftlern und Lehrkräften entwickelten Konzepte dann an andere Schulen überall in der Bundesrepublik weitergegeben werden.
Man kann zu Recht, wie die grüne Bildungsexperten Margit Stumpp, die Initiative als verspätet bezeichnen. Doch die entscheidende Botschaft von „Schule macht stark“ schmälert das nicht: Nur weil viele Kinder im Umfeld solcher Brennpunktschulen in Familien hineingeboren werden, deren Eltern womöglich nur Hilfsarbeiter sind oder kaum Deutsch sprechen, sagt das nichts aus über das Potenzial dieser Kinder. Und erst recht nicht über ihr Anrecht auf Bildungserfolg und gesellschaftlichen Aufstieg. Es ist wieder Zeit für einen Aufbruch wie damals durch die Staatsbürgerschaft-Reform.

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