Schule ohne Noten : Länder erproben Alternativen zu Zensuren

Feedback-Gespräche statt Bewertung von oben: Zensuren von 1 bis 6 gelten als ungerecht, etliche Bundesländer probieren Alternativen aus.

Eine Lehrerin verteilt Zeugnisse in einer Grundschulklasse.
Großer Moment. Es bleibt spannend – ob die Schüler nun zum Schuljahresende „konstruktive Leistungsrückmeldungen“ mit nach Hause...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als vor wenigen Tagen in Bayern das Schulhalbjahr zu Ende ging, bekamen die Erst-, Zweit- und Drittklässler an etwa 800 Grundschulen nicht wie sonst ein Zeugnis mit einem Spruch und Noten. Sondern einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung und, gemeinsam mit ihren Eltern, eine Einladung zum 30-minütigen Gespräch mit der Klassenlehrerin. Seit diesem Schuljahr können bayerische Grundschulen bis zum Ende der dritten Klasse auf Zeugnisse verzichten und stattdessen Eltern und Schüler zum Lernentwicklungsgespräch einladen. Nach Angaben des Kultusministerium hat bereits ein Drittel der 2400 Grundschulen von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Ein Gespräch statt Zahlen: Das Beispiel aus Bayern ist die neueste Entwicklung in der Debatte über den Sinn und Unsinn von Schulnoten. Zuletzt hatte Schleswig-Holstein mit einem weitgehenden Beschluss Schlagzeilen gemacht: Dort ist die Grundschule seit diesem Schuljahr prinzipiell notenfrei; allerdings dürfen die Schulen weiterhin Noten vergeben, wenn sie einen entsprechenden Beschluss fassen.

In die alte Debatte ist offenbar neuer Schwung gekommen. Nach Ansicht von Hans Brügelmann, emeritierter Professor für Grundschulpädagogik an der Universität Siegen, gibt es dafür mehrere Gründe. Zum einen können in den meisten Bundesländern die Eltern über die Wahl der weiterführenden Schule entscheiden; nur in Bayern, Sachsen, Brandenburg und Thüringen bestimmt weiterhin der Notendurchschnitt den Zugang zum Gymnasium. „Mit der Freigabe des Elternwillens entfällt die Notwendigkeit, Noten zum Zweck der Auslese zu vergeben“, sagt Brügelmann. Durch Schulstrukturreformen seien zudem neue Schularten entstanden, in denen Noten bis zum mittleren Schulabschluss nicht mehr vorgesehen sind, etwa die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg. Schließlich verändere der Ausbau der Inklusion die Leistungsbewertung. „Die Klassen werden immer heterogener“, sagt Brügelmann. „Noten nach einem einheitlichen Schema haben in der inklusiven Schulen keinen Sinn mehr.“

Ziffernnoten sind nicht objektiv, sondern oft ungerecht

Noten sind unter Lehrern, Bildungsforschern, Schülern und Eltern aus verschiedenen Gründen umstritten. Zum einen weil sie nicht objektiv sind. „Jeder Lehrer kennt die Verzerrungseffekte“, sagt Brügelmann, der sich im Grundschulverband seit Jahren für eine Reform der Leistungsbewertung einsetzt. „Hat er einige schlechte Arbeiten benotet und korrigiert dann eine mittelmäßige, wird er eher eine gute Note vergeben.“

Aber nicht nur solche psychologischen Effekte, die durch Studien gut belegt sind, können die Bewertung verzerren. Noten geben auch nicht den objektiven Leistungsstand eines Schülers wieder, sondern nur die Rangfolge innerhalb der Klasse. Die Klasse ist bei der Benotung die Bezugsgröße. Das klassische Notenschema geht von einer Normalverteilung aus: Der größte Teil der Schüler liegt im Durchschnittsbereich, dazu gibt es einige sehr gute und unterdurchschnittlich schlechte Schüler. Das soll sich in der Verteilung der Noten abbilden. Das bedeutet, dass Lehrkräfte in Tests einige so schwere Aufgaben einbauen müssen, die nur die besten Schüler lösen können.

Besonders streng wird dieses Schema in Bayern gehandhabt. Daran hat auch die Einführung von Lernentwicklungsgesprächen statt Zeugnissen nichts geändert. Vor einigen Jahren ging der Fall der bayerischen Grundschullehrerin Sabine Czerny durch die Presse: Sie hatte Ärger von den Schulbehörden bekommen, weil es in ihrer 4. Klasse zu viel gute und zu wenig schlechte Noten gegeben hatte. Ihre Vorgesetzten zwangen sie, Prüfungen so schwer zu machen, dass auch schlechtere Zensuren herauskamen.

Zensuren erlauben recht exakte Vorhersagen für den Schulerfolg

Problematisch ist die Benotung mit einem Ziffernsystem aus Sicht vieler Kritiker auch, weil es kaum einheitliche Standards für die Benotung gibt. An den meisten Schulen ist es den einzelnen Lehrkräften überlassen, wie viele Punkte pro Aufgabe vergeben werden, wie viele sie pro Fehler von der Maximalpunktzahl abziehen, wie viele mündliche Noten sie sammeln. Weitere Verzerrungen hat Kai Maaz, Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, gemeinsam mit anderen vor einigen Jahren nachgewiesen. „In die Benotung fließen soziale Effekte mit ein.“ Kinder aus Arbeiterfamilien bekommen – bei gleicher Leistung im standardisierten Test – etwas seltener gute Noten als Kinder aus Akademikerfamilien.

Einen Vorteil haben Ziffernnoten: Sie sind für jeden verständlich und leicht vergleichbar. Darauf verweisen die Befürworter – und argumentieren, dass effiziente und aussagekräftige Alternativen trotz jahrelanger Debatten noch immer fehlen. Zudem haben Studien wiederholt gezeigt, dass Schulnoten ziemlich exakte Vorhersagen für den Schulerfolg erlauben.

Aus dem Dilemma – einerseits sind Noten oft ungerecht, andererseits wird ihre Aussagekraft von Lehrern und Eltern geschätzt – suchen Pädagogen seit Jahren einen Ausweg. In Modellversuchen erproben Schulen Alternativen zur klassischen Benotung. Da wird etwa der Stoff in Module zusammengefasst: Ein Schüler kann dann zum Beispiel den „Einmaleins-Führerschein“ machen, sobald er sicher multiplizieren kann.

In einigen Bundesländern gibt es sogenannte Rasterzeugnisse, in denen statt Noten in jedem Fach einzelne Kompetenzen erfasst werden. In Berlin heißt das „indikatorenorientiertes Zeugnis“ und kann bis zur vierten Klasse ausgestellt werden. Für Mathematik wird dabei unter anderem die Fähigkeit zum Multiplizieren, Textaufgaben zu verstehen und geometrische Formen zu erkennen auf einer vierstufigen Skala bewertet. Beherrscht Mia alles sehr gut, bekommt sie keine Eins – sondern viele Kreuzchen in der linken Spalte mit dem ganz ausgefüllten Kreis.

Regelmäßige Entwicklungsgespräche zwischen Lehrern und Eltern

Besonders weit gehen reformpädagogische Schulen. So verzichtet außer den Waldorfschulen auch die Bielefelder Laborschule bis zur 9. Klasse grundsätzlich auf Ziffernnoten. Leistung wird an diesen Schulen durch Präsentationen beurteilt, durch Sammlungen von Schülerarbeiten (Portfolios) und regelmäßige Entwicklungsgespräche zwischen Lehrern, Schülern und Eltern.

Auch Bildungsforscher Maaz plädiert dafür, Schulnoten um andere Formen der Bewertung wie Lernentwicklungsgespräche und die Ergebnisse von standardisierten Tests zu ergänzen. „Wenn es ein valides alternatives Bewertungssystem gäbe, sollten wir auf Ziffernnoten ganz verzichten“, sagt Maaz. Er mahnt jedoch zur Besonnenheit. Solange solche Alternativen noch nicht etabliert seien, greife es zu kurz, die Noten an den allgemeinbildenden Schulen abzuschaffen. Spätestens auf dem Abschlusszeugnis müsse es vergleichbare Bewertungen geben. „Viele Eltern fordern Noten ein, Betriebe und Hochschulen greifen bei der Auswahl der Bewerber oft auf Noten zurück“, sagt Maaz. Reformen der Leistungsbewertung müssten in jedem Fall behutsam erfolgen.

Dass mit der Abschaffung der Ziffernnoten die Debatte noch lange nicht vorbei ist, zeigt der Blick nach Schleswig-Holstein. Laut einer Umfrage des Landeselternbeirates im Herbst 2014 halten die meisten Grundschulen trotz der Reform an der klassischen Benotung fest. Die Landes-FDP hat kürzlich eine Volksinitiative zur Beibehaltung der Noten in der Grundschule gestartet. Bundesweite Umfragen ergeben wiederholt, dass Eltern Schulnoten wollen.

Den Leistungsbegriff neu definieren

Aus Bayern war dagegen nach der ersten Runde der Lernentwicklungsgespräche Positives zu hören. Für jeden Schüler ein 30-minütiges Gespräch – das ist zwar sehr zeitaufwendig. Aber nach Auskunft der beteiligten Schulen hat sich die Mühe gelohnt, mit Schülern und Eltern in einen Dialog zu treten.

Auch Erziehungswissenschaftler Brügelmann betont, wie wichtig es ist, auf einen Dialog zu setzen, statt auf eine Bewertung von oben. Das bedeutet aber auch, den Leistungsbegriff neu zu definieren. Ist es sinnvoll, Leistung mit einer Rangfolge zu messen? Brügelmann plädiert für eine andere Sicht: „Leistung ist das, was ein Kind aus seinen Möglichkeiten macht.“

Und das muss nicht in einer Zahl ausgedrückt werden.

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