Silicon Valley auf Russisch : Die Hochschulstadt aus dem Nichts

Versuch, die Zukunft zu beschleunigen: Ein Besuch in Innopolis, der russischen Retortenstadt rund um eine Universität und einen Technologiepark.

Jutta Sommerbauer
Überdimensionale Kiefernzapfen als Kunstwerk auf dem Campus von Innopolis.
Durchnummeriert. Der Campus von Innopolis steht – komplett mit Kunstwerken, Straßenmöbeln und auch mit Wohnheimen für die...Foto: Jutta Sommerbauer

Normalerweise sterben in Russland Städte. Doch vor ein paar Jahren wurde auf einer Anhöhe über der Wolga eine neue Stadt gegründet. Die erste seit dem Zerfall der Sowjetunion. Sie heißt Innopolis, liegt in der russischen Teilrepublik Tatarstan und trägt das Wort Innovation im Namen. Seit 2012 sind knapp 4000 Menschen in die neue Ansiedlung gezogen, drei Supermärkte haben aufgemacht, eine Handvoll Cafés, ein Kino.

In den Parks laden grasbewachsene Sitzmöbel zum Ausruhen ein. Auf den wenigen Straßen kurven Elektrobusse und fahrerlose Yandex-Taxis. Die russische Internetfirma testet hier ihre unbemannten Elektroautos. Innopolis bietet das perfekte Gelände: Auf den Straßen ist nicht allzu viel los.

Menschen findet man in einem lichtdurchlässigen, quaderförmigen Gebäude. Es ist das Herzstück der Stadt: eine Universität mit mehr als 600 Studierenden in IT-Fächern wie Softwareentwicklung, Data Science und Robotechnik. Das Studentenheim ist über Indoor-Gänge erreichbar. Wenn im Winter die Temperaturen auf minus 30 Grad fallen, können die jungen Menschen in T-Shirts zu den Vorlesungen laufen.

Zeitgemäß, technologieaffin und smart, so soll das Leben auf der grünen Wiese sein. Jurij Kotorow, Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen, erklärt in amerikanischem Englisch Besuchern gern, warum Innopolis „super cool“ ist. Man sei eine Hybriduniversität, „direkt mit dem Business verbunden“.

In 25 Jahren sollen hier 150.000 Menschen leben

Ein paar Gehminuten von der Universität entfernt steht ein kreisrundes Gebäude. In dem Technopark haben sich 90 IT-Firmen angesiedelt. Noch mehr sollen mit Steuererleichterungen und administrativer Unterstützung hierher gelockt werden. Die paar Wohnblocks, die paar Straßen – das sei erst der Anfang, versichert man. Innopolis soll wachsen. 150.000 Menschen sollen in einem Vierteljahrhundert in Innopolis leben. Doch wie soll das gehen? Heute entscheidet nicht der Staat über die Ansiedlung von Bürgern.

Der überdachte Innenhof eines Universitätsgebäudes.
Im Hauptgebäude der Universität von Innopolis.Foto: Jutta Sommerbauer

Fragt man Kotorow nach dem Nutzen der Neugründung gegenüber bestehenden Universitäten, antwortet er: „Ressourcen sind hier konzentriert.“ Budget-technisch stimmt das: Umgerechnet mehr als 21 Millionen Euro betrug der Etat der Einrichtung im Vorjahr – eine stolze Summe. Zum Vergleich: Das Budget der Moskauer Staatlichen Universität beträgt mehr als zehnmal so viel (280 Millionen Euro). Dort arbeiten und studieren allerdings fast 50.000 Menschen.

In Medienberichten ist Innopolis als „russisches Silicon Valley“ bezeichnet worden. Doch der Vergleich trägt nicht. Das kalifornische Boom-Tal entstand dank erfolgreicher Firmen. In Russland hat traditionsgemäß der Staat die Geschicke der Wirtschaft in die Hand genommen. Kotorow spricht von einem „anderen Zugang“. Der wäre? „Wir bauen die Stadt.“ Top-down, nicht Bottom-up lautet der Entwicklungsweg.

Innopolis wurde noch von Präsident Medwedjew gegründet

Innopolis war ein Prestigeprojekt des früheren Präsidenten und jetzigen Premiers Dmitrij Medwedjew, der sich als technikaffin inszeniert, begeisterter Twitter-User ist und die Notwendigkeit der Modernisierung Russlands betonte. Doch dann übernahm Wladimir Putin erneut die Geschicke Russlands. Die Gründung der Stadt trug sich zu vor der Krim-Annexion, vor den westlichen Sanktionen und der Selbstisolierung des großen Landes.

Trotz seines westlichen Äußeren erinnert Innopolis an frühere Versuche im Zarenreich und später in der Sowjetunion, Fortschritt von oben anzustoßen, anstatt der Gesellschaft freien Lauf zu lassen. Der autoritäre Reformer des späten Zarenreichs, Pjotr Stolypin, wollte mit seinem Umbau die Staatsmacht retten. Er fiel einem Attentat zum Opfer.

In der Sowjetära verfolgte man einen speziellen Ansatz: Berufsgruppen sollten unter ihresgleichen leben. Arbeiter unter Arbeitern und Akademiker unter Akademikern. In der Chruschtschow-Ära wurde das „Akademikerstädtchen“ in Nowosibirsk gegründet. In den 60ern war es weitab von Moskau eine kleine Insel der intellektuellen Freiheit. In den 1990ern fiel Akademgorodok, so der russische Name, in eine tiefe Depression: Die Forscher wanderten aus. Heute geht es dank staatlicher und staatsnaher Hilfe wieder bergauf.

Nach wie vor hat Russland Aufholbedarf in Sachen Innovation. Im internationalen Vergleich liegt das Land bei Patenteinreichungen auf dem achten Platz hinter Indien und Deutschland. Dass Innovationen nicht nur in einer offenen Gesellschaft entstehen, macht die Volksrepublik China vor, das bei den Patentanträgen Platz eins innehat.

Fahrt in die Stadt über holprige Betonplatten

Was das Verständnis von Innovation angeht, so scheint Russland heute irgendwo im weiten Raum zwischen Europa und China zu liegen: Von der Planbarkeit möchte man nicht ganz lassen. Prestigeprojekte wie Innopolis sollen schnelle Resultate liefern. Die Reform des aufgeblähten akademischen Apparats kostet ungleich mehr Anstrengung.

Bei einem Spaziergang durch Innopolis stößt man indes auf bekannte russische Schwächen. Die Straße in die Innovations-Stadt besteht aus Betonplatten, die jedes Auto hüpfen lassen. Jemand hat nutzlose Unterführungen gebaut und von Gittern eingerahmte Gehwege. Der bekannte russische Blogger Ilja Warlamow schimpfte nach seinem Besuch auf die „Kolchosniki aus dem vergangenen Jahrhundert“, die den öffentlichen Raum verunstaltet hätten. Während im kalifornischen Silicon Valley die Mitarbeiter wegen unbezahlbarer Mieten in Wohnwagen übernachten, werden die Apartments hier einer lokalen Nachrichtenseite zufolge auch anderen Kunden angeboten. Zu wenig Nachfrage, heißt es.

Für Roman Fedorenko fühlt sich Innopolis dennoch richtig an. Der Forscher arbeitet im Roboter-Labor und entwickelt dort intelligente Fluggeräte. Der 34-Jährige stammt aus Südrussland und ist vor einem Jahr an die Wolga gezogen. „Die Stadt ist wie für mich gemacht“, sagt er. Alles hier sei „neu und schön“. Und im Sportstudio werde es zuweilen „richtig eng“. Sein Kollege Dima pflichtet ihm bei. Er bezeichnet Innopolis als „Dorf mit schnellem Internet“.

Der auferlegten Modernität haben sich auch die lokalen Verwaltungsstrukturen untergeordnet. Der Bürgermeister, so loben mehrere Gesprächspartner, sei stets über soziale Medien erreichbar und antworte innerhalb von ein paar Minuten. Das ist unüblich in Russland, wo die Bürokraten sich lieber fern von den Bürgern aufhalten.

Die Stadtverwaltung organisiert für die Bewohner auch das kulturelle und soziale Leben. Regelmäßig finden Konzerte statt, ein Medizinzentrum wurde eingerichtet und es gibt einen Wochenmarkt. Die Bewohner von Innopolis, so erklärt eine Mitarbeiterin des Bürgermeisteramtes, wünschten sich nur noch ein Einkaufszentrum. Doch das komme wohl nicht so bald. „Dafür sind sie noch zu wenige.“

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