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Steffen Krach, Sabine Kunst und Michael Müller (von links nach rechts),

© picture alliance/dpa

Tagesspiegel Plus

Staatssekretär hält Rücktritt der HU-Präsidentin für unverständlich: „Der Untergang der Exzellenz? Das ist absurd“

Die HU-Präsidentin tritt zurück, Forschungsmanager werfen Rot-Grün-Rot „Versagen“ vor. Nun äußert sich Staatssekretär Steffen Krach dazu - und zu besseren Bedingungen für Nachwuchswissenschaftler.

Der Rücktritt von Sabine Kunst, der Präsidentin der Humboldt-Uni, kam diese Woche völlig überraschend. Was sagen Sie dazu?
In den 90er Jahren gab es eine HU-Präsidentin, die aus Protest gegen drastische Sparvorgaben des Senats, mit Streichungen von Studiengängen und Professuren, nicht mehr für eine Wiederwahl zur Verfügung stand.

Jetzt tritt eine frisch wiedergewählte HU-Präsidentin zurück, eine der erfahrensten Wissenschaftsmanagerinnen Deutschlands an einer Exzellenzuni mit jährlich um Millionenbeträge steigendem Grundhaushalt. Weil sie sich persönlich außer Stande sieht, einen Paragraphen umzusetzen, der einem Teil der Postdoktoranden an ihrer Hochschule die Aussicht auf etwas mehr Verlässlichkeit in der Karriereplanung bieten will. Verstehen Sie das?

In Kunsts Augen ist dieser umstrittene Paragraf „gut gemeint, aber schlecht gemacht“. Dabei werden die Unis verpflichtet, für besagte Post-Doktoranden jetzt Dauerstellen zu reservieren. Die Unileitungen sagen, das sei finanziell und struktuell so nicht machbar. Der Passus wurde an der Senatskanzlei vorbei von den Abgeordneten von Rot-Grün-Rot eingebracht. Hätten Sie den genauso ausgestaltet?
Wir brauchen nicht lange drumherum reden: Selbst die Autoren der Regelung von der Linken, den Grünen und der SPD im Abgeordnetenhaus sehen den Bedarf für Konkretisierungen, damit die Vorgaben gut umgesetzt werden können und offenbar laufen dazu bereits viele Gespräche. Ich bin aber schon überrascht, wenn jetzt von mancher Uni-Chefetage die Message kommt: Bessere Karriereplanung für den Nachwuchs ist wichtig, aber bitte nicht so.

Warum?
Wissen Sie, wie viele konstruktive Vorschläge zu besserer Beschäftigung von Postdoktoranden im Anhörungsverfahren zur Novelle von der LKRP-Vorsitzenden kamen? [Gemeint ist Kunst als Vorsitzende der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten, die Red.] Keine.

Man muss nicht Hanna sein, um sich für gute Beschäftigungsbedingungen für Nachwuchswissenschaftler einzusetzen. Das hat der TU-Präsident in dieser Zeitung vor paar Tagen schon richtig selbstkritisch reflektiert: Sie haben das Thema vielleicht nicht ernst genug genommen.

Was hätten Sie beim Hochschulgesetz anders gemacht?
Aus meiner Sicht bedarf es einer Regelung zur Frage der Übergangsfrist, zur Konkretisierung welcher Teil der PostDoc-Stellen gemeint ist, zum Beispiel seien drittmittelfinanzierte PostDoc-Stellen nicht intendiert, und natürlich zur Frage der Qualitätssicherung. Die Fachverwaltung ist im engen Austausch mit den Hochschulen und wird zum Antritt der neuen Hausleitung alles vorbereiten, damit Landesregierung und Abgeordnetenhaus die notwendigen Konkretisierungen innerhalb der ersten 100 Tage beschließen können.

Nach dem Rücktritt von Kunst wird der Ton in der Debatte immer rauer. Der wissenschaftspolitische Sprecher der Linken wirft den Unileitungen „absolute Konfrontation“ vor und deutet indirekt Konsequenzen für die Hochschulvertragsverhandlungen an. Ex-FU-Präsident Alt wiederum, der jetzt die Hochschulrektorenkonferenz leitet, hält Rot-Grün-Rot „Versagen“ vor. Machen Sie sich Sorgen, dass der Konflikt den Wissenschaftsstandort Berlin nachhaltig beschädigt?
Nochmal zur Einordnung: Wir reden über das Ziel, einige hundert PostDoc-Stellen an den Berliner Unis mit einer Anschlussoption auszustatten. An einem Standort mit insgesamt rund 30 .000 Wissenschaftlern und einem Doppelhaushalt für Wissenschaft und Forschung, der fünf Milliarden Euro knackt.

Ich will einige berechtige Fragen der Universitäten zur Umsetzung überhaupt nicht kleinreden. Aber wenn von mancher Seitenlinie nun der Untergang von Wissenschaft und Exzellenz heraufbeschworen wird, weil man zu besseren Beschäftigungsbedingungen im akademischen Mittelbau kommen will, dann ist das schlicht absurd. Dass diese Debatte so hitzig über die Grenzen Berlins hinaus geführt wird, unterstreicht für mich die enorme Relevanz dieses Themas. Es bewegt sich endlich was im deutschen Hochschulsystem, das ist längst überfällig.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine einvernehmliche Lösung aussehen, die die Interessen aller Seiten berücksichtigt?
In den vergangenen fünf Jahren haben wir am Wissenschaftsstandort gemeinsam viel erreicht, weil wir vertrauensvoll zusammengearbeitet haben. Ich erwarte von Politik und Hochschulen, dass sich jetzt alle Seiten zusammensetzen und konstruktiv für das Ziel guter Beschäftigungsbedingungen arbeiten.

Und dieses vor allem als das sehen, was es ist: eine große Chance, Berlin zum Vorreiter zu machen und den Standort im internationalen Wettbewerb zu stärken. Gute Beschäftigungsbedingungen sind kein Standortnachteil, sondern ein Standortvorteil. Da gebe ich Sabine Kunst in ihrem Fazit recht – das ist aufwendig, aber machbar.

Was müssen sowohl die Koalitionäre im Bund als auch die in Berlin insgesamt machen, um die oft prekäre Situation von jungen Forschenden unterhalb der Professur nachhaltig zu verbessern?
Ich persönlich glaube, dass wir gesetzliche Vorgaben für mehr unbefristete Arbeitsverhältnisse brauchen. Dafür muss die Politik aber auch ihr Versprechen einlösen und der Wissenschaft weiterhin eine verlässlich steigende Finanzierung sichern und die Investitionen, die wir eingeleitet haben, fortsetzen.

Am Montag beginnen Sie als Regionspräsident in Hannover. Nach diesem großen Knall in Berlin zu ihrem Abschied: Mit welchen Gefühlen starten Sie ins neue Amt?
Ich gehe mit einem richtig guten Gefühl, wir haben in den fünf Jahren eine Menge geschafft für Berlin und die Wissenschaft. Mit der endgültigen Finalisierung des neuen Deutschen Herzzentrums im Aufsichtsrat der Charité am heutigen Freitag hatte ich einen wunderbaren Abschluss.

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