Turners Thesen über Anja Karliczek : Eine Newcomerin hat auch Vorteile

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek? Warum nicht: Die Unbefangenheit einer Newcomerin gegenüber eingefahrenen Pfaden kann von Vorteil sein, meint unser Kolumnist.

Unser Kolumnist George Turner.
Unser Kolumnist George Turner, Berliner Wissenschaftssenator a.D..Foto: Mike Wolff

„Anja wer?“ So hört man es aus den Hochschulen und Organisationen der Wissenschaft raunen. In der Tat ist die von der Bundeskanzlerin nominierte Kandidatin Anja Karliczek eine Überraschung.

Nach zwei für die Wissenschaft erfolgreichen Ministerinnen mit CDU-Parteibuch kommt jetzt eine, die bisher mit der ihr anzuvertrauenden Materie keine erkennbare Berührung hatte. Dies ist für politische Ämter nicht unbedingt Voraussetzung. Wichtig ist das politische Gewicht. Das kann darin bestehen, dass ein starker Landesverband hinter der Nominierung steht und/oder ein enger Bezug zur Kanzlerin besteht.

Fachkompetenz kommt vom Team im BMBF

Die Fachkompetenz liefert ein eingespieltes Team im Ministerium. Die politische Führung allerdings sollte in der Spitze ergänzt werden durch die Besetzung der Position des Staatssekretärs, der oder die mit allen Wassern der Hochschulpolitik gewaschen ist. Dazu gehört nicht nur die Kenntnis der aktuellen Probleme wie die unfallfreie Fortführung der nicht unproblematischen Exzellenzstrategie, die Verstetigung der diversen Pakte und die behutsame Handhabung des gemäßigten Kooperationsverbots.

Wichtig sind auch Personalkenntnisse und die richtige Einschätzung von Anliegen, an denen es nicht fehlen wird. Dabei wird mancher Ladenhüter wieder präsentiert werden. Hinreichende Erfahrungen mit den Akteuren der Wissenschaftsszene können helfen, falsche Fährten zu vermeiden. Und es gibt noch ein anderes Defizit, das durch eine entsprechende Auswahl auf der Staatssekretärsebene ausgeglichen werden kann: die Vermeidung zum Teil mehrfach begangener Fehler. Kaum ein Problem des Hochschul- und Wissenschaftssektors das nicht bereits behandelt, scheinbar gelöst, verworfen, erneut reformiert und immer noch lösungsbedürftig ist. Das Wissen um die Irrungen und Wirrungen der Hochschulpolitik kann helfen, Fehler nicht zu wiederholen.

Karliczek kann sich schnell einen Namen machen

Der Vorteil einer Newcomerin kann deren Unbefangenheit gegenüber eingefahrenen, auch ausgetretenen Pfaden sein. Das kann sich auch dahin auswirken, dass sie Parteifreunden hilft, wieder in die Spur zu finden. Das gilt vor allem für den offensichtlich orientierungslos durch die Hochschullandschaft irrenden hessischen Minister Boris Rhein, der mit seiner Promotionsoffensive für Fachhochschulen dabei ist, dem deutschen Wissenschaftssystem dauerhaften Schaden zuzufügen. Indem sie Unsinnigkeiten in den Ländern eine Absage erteilt und die Richtung vorgibt, kann sich Anja Karliczek schnell einen Namen machen.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail senden: george.turner@t-online.de

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